Jerusalem-Marathon: Gemeinsam durch die geteilte Stadt

Geschrieben von: David Bed├╝rftig

Jerusalems Marathon ist eines der speziellsten Rennen der Welt. Der Lauf f├╝hrt durch die geteilte Heilige Stadt. Dadurch sorgt er f├╝r Kontroversen - und bringt doch Juden und Muslime in der krisengesch├╝ttelten Region zusammen.

F├╝nf Uhr morgens, die Altstadt Jerusalems schl├Ąft und schweigt. Der Sonnenaufgang ist zu erahnen, es ist frisch. Die Luft ist klar, und der Wind der letzten Tage hat nachgelassen. Perfektes Laufwetter.

Jerusalem - die Heilige Stadt f├╝r Christen, Juden, Muslime und heute auch f├╝r L├Ąufer aus aller Welt - gibt sich so still und friedlich, dass man alle politischen, kulturellen und historischen Streitigkeiten fast vergisst. Aber nur fast. Denn wo in Berlin, New York oder Tokio Ordner oder Polizisten die Stra├čen absichern, stehen hier Soldaten mit Maschinenpistolen.

J├╝dische Israelis (Westjerusalem) und muslimische Pal├Ąstinenser (Ostjerusalem) streiten seit der Gr├╝ndung Israels dar├╝ber, wem die Stadt "geh├Ârt". Vor allem deshalb ist dieser Marathon kein normaler.

"Informationen sucht man auf Arabisch vergeblich"

"Jerusalem ist laufverr├╝ckt", sagt Yisrael Haas. "Deshalb braucht es einen Marathon f├╝r alle B├╝rger, doch Informationen auf Arabisch sucht man vergeblich." Der schlaksige 37-J├Ąhrige gr├╝ndete vor drei Jahren die Nichtregierungsorganisation Runners Without Borders (RWB), um den benachteiligten arabischen Bewohnern Ostjerusalems Zugang zum Sport zu verschaffen.

In seinen Laufgruppen trainieren j├╝dische und muslimische Jugendliche gemeinsam - ein Novum. Und ein schwieriges Unterfangen: Im Osten der Stadt ist es nicht so einfach m├Âglich, durch die Stra├čen zu joggen. Laufstadien gibt es aber nur im j├╝dischen, westlichen Teil. Um zum Training zu kommen, m├╝ssen die arabischen Jugendlichen mit dem Taxi gefahren werden. Sonst w├Ąren sie immer wieder Sicherheitskontrollen ausgesetzt.

Zu den organisatorischen kommen kulturelle Probleme. Zwischen den beiden Bev├Âlkerungsgruppen herrscht kaum Kontakt, daf├╝r aber gro├čes Misstrauen. Die Lauftreffs sind oft die erste Ber├╝hrung mit dem Gegen├╝ber. "Laufen ist gesund und verbindet", sagt der Lauftrainer, "nur geht das hier nicht so einfach."

"Ich kannte keine j├╝dischen Kinder"

Samaha Marouf -18 Jahre, aufgeweckter Blick, gegelte Haare - ist einer der Muslime in der Trainingsgruppe. Er hat von den Lauftreffs auf Facebook erfahren. "Beim ersten Training war ich sehr aufgeregt, weil ich keine j├╝dischen Kinder kannte", sagt er im fl├╝ssigen Englisch.

Samahas Eltern unterst├╝tzten ihn zun├Ąchst nicht, auch seinen Freunden konnte er anfangs nichts von der Laufgruppe erz├Ąhlen. "Ich habe ihnen dann erkl├Ąrt, dass wir alle gleich sind, dass wir alle Menschen sind." Jetzt steht seine Familie hinter ihm, seine Freunde kommen sogar mit zum Training.

 

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Als im M├Ąrz 30.000 Menschen in Jerusalem an die Startlinie t├Ąnzeln, sind Samaha und seine Freunde auch dabei. Der Lauf in der Heiligen Stadt gilt wegen der bergigen Strecke als der schwerste Stadtmarathon weltweit. Neben dem Marathon finden noch Halbmarathon, zehn, f├╝nf und drei Kilometerl├Ąufe statt.

Direkt am Start ist von Spannungen nichts zu sp├╝ren. Stelzenl├Ąufer tapsen vor den Teilnehmern auf der Strecke herum, ein rollschuhfahrender Batman zieht seine Kreise. Ein solches Kuddelmuddel und eine solche Ausgelassenheit w├Ąren in Deutschland vor einem Marathon nie denkbar. Als der Startschuss ert├Ânt, sprinten die vordersten L├Ąufer los, wie ├╝berall sind es die Kenianer. Dann setzt sich die Masse in Gang.

Zwischen offener Stadt und Protesten

"Jerusalem ist eine offene und friedliche Stadt", erkl├Ąrt B├╝rgermeister Nir Barkat am Rand des Events. In enganliegenden, schwarzen Shorts, einem t├╝rkisfarbenen Marathon-Shirt und knallbunten Laufschuhen gibt sich Barkat selbst als L├Ąufer, dreht mit einer ausgew├Ąhlten Laufgruppe eine kleine Runde. F├╝r ihn r├╝cken Jerusalems verschiedene Bev├Âlkerungsgruppen durch den Marathon n├Ąher zusammen.

Viele Araber aus Ostjerusalem und Pal├Ąstina sehen das kritischer. Dutzende protestieren an der Rennstrecke, weil die Route auch beim siebten Lauf die Grenze nach Ostjerusalem ohne ihre Einwilligung ├╝berschreitet und in pal├Ąstinensische Gebiete f├╝hrt. Sie f├╝hlen sich unterdr├╝ckt. F├╝r sie ist Jerusalem nicht so offen, der Marathon daher kein neutrales Ereignis.

Die j├╝dischen und muslimischen Jugendlichen um Yisrael Haas erleben das mittlerweile anders. Als ein Kenianer v├Âllig ausgepumpt als Erster durchs Ziel l├Ąuft, sitzen sie bereits im Marathon-Park. Sie sind nur die f├╝nf Kilometer-Strecke gelaufen, trinken Tee und Kaffee, genie├čen die Fr├╝hlingssonne und den lauen Wind. Dazu gibt's selbstgemachte Baklava.

"Ich hatte Angst, dass sie mich schlagen werden"

Der aufgeweckte Samaha erz├Ąhlt seine Geschichte weiter: "In den ersten Tagen wollten wir Araber nat├╝rlich gegen die j├╝dischen Jugendlichen gewinnen und andersherum. Aber jetzt sind wir Br├╝der, und egal, wer von uns gewinnt, ich freue mich f├╝r ihn."

Samaha glaubt fest an die verbindende Kraft des Sports, die es beiden Seiten erm├Âglicht, die andere Perspektive kennenzulernen. Diese Verbindung m├╝sse m├Âglichst in jungen Jahren aufgebaut werden, um fr├╝h Vorurteile abzubauen, glaubt Trainer Haas.

Samahas Kumpel Waleed Jawabreh, 17 Jahre, f├╝rchtete sich anfangs sogar vor den j├╝dischen Jugendlichen: "Ich hatte Angst, dass sie mich schlagen werden, weil ich das nur so aus den Nachrichten kannte", sagt er auf Arabisch. "Jetzt liebe ich unser gemeinsames Lauftraining, wir sind ein Team."

Es ist Nachmittag geworden in Jerusalem. Die Stra├čensperren werden allm├Ąhlich aufgehoben, und die Normalit├Ąt kehrt zur├╝ck in die Heilige Stadt. Nur Waleed wartet noch im Ziel: Auf seinen Trainer, einen j├╝disch-orthodoxen Soldaten, der jetzt auch sein Freund ist.

Fotostrecke: Jerusalem Marathon 2017

 

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