28. Jun. 2010 | Kategorie: Läuferberichte
Sonne, Strände und ein bisschen laufen, dachte sich Achim-Achilles.de-Redakteur Wendelin Hübner als er sich zu einem Laufwettbewerb in der Karibik anmeldete. Doch er machte die Rechnung ohne fiese Höhenmeter, opulente Buffets – und die eigene Dummheit.
Zechende Amerikaner sind die Bewohner von St. Thomas gewohnt. Tag für Tag fallen diese in Schiffsladungen über die kleine Karibikinsel her und kaufen die Schnapsläden leer. Deutsche in klatschnassen Sportklamotten sind dagegen was neues – weshalb die Leute irritiert in unsere roten Gesichter glotzen, als wir zum Karibik-Etappenlauf starten: einer Mini-Rennserie auf sieben Antillen-Inseln, inklusive Kreuzfahrt (Preis: ab ca. 1500 Euro, buchbar bei Rundays) .
Unterhalb der Straße, die wir zwei Dutzend Läufer entlang zuckeln, liegt ultramarinblaues Meer vor einem hollywoodtauglichen Sandstrand: Die „Magens Bay“, von „National Geographic“ in den Top Ten der schönsten Strände der Welt gelistet. Das Rennen führt über vermeintlich läppische fünf Kilometer, schafft es aber locker in die Top Ten meiner härtesten Läufe (ein Ranking, dass ich in den nächsten Tagen immer wieder neu sortieren sollte). Es ist klebrig heiß, mein Atem rasselt, es tut verdammt weh. Vor allem, weil ich Vollhorst mir die erste Blase schon vor dem Rennen geholt habe – beim Stadtbummel in Flip Flops. Und trotzdem macht der Lauf durch die exotische Botanik irrsinnigen Spaß.
Mit Abstand am schnellsten ist Björn, der Veranstalter der Reise. Kein Wunder, der spindeldürre Mann mit der knallblonden Stachelfrisur hält den Weltrekord im Schiffsmarathon (2:48 Stunden).
Domenica ist vermutlich die unterschätzteste unter den Karibikinseln – weil sie genau null Meter Sandstrand hat. Dafür gibt es auf der Vulkaninsel einige spektakuläre Berge. Und einen davon müssen wir auf der zweiten Etappe hinauf.
Bei der ersten Steigung denke ich noch: ach wie niedlich. Bei der zweiten stoße ich analreferenzielle Flüche aus. Und als die Anstiege immer knackiger werden und die Sonne immer gnadenloser glüht, legt sich in meinem Kopf der Angst-Schalter um: Was ist, frage ich mich, wenn ich unter der Palme dort vorne zusammenbreche? Wie lange wird es dauern, bis mich ein vollgekiffter Domenicer aufstöbert? Wird sein bedröhntes Hirn die Notrufnummer auf die Reihe kriegen? Wenn ja, wo soll der Rettungshubschrauber landen? Vor allem aber: Haben die einen Defibrillator an Bord? Ich sehe mich schon zwischen verrottenden Kokosnüssen einen einsamen, unnötigen Läufertod sterben.
Doch ein Engel namens Bernd ist die Erlösung. Bernd, früher Stabsfeldwebel, ist der Wettkampfrichter und jetzt erbarmt er sich unser und verkürzt die Strecke um ein paar Hundert Meter, was uns einen wandsteilen Anstieg erspart. Klaus von GPSies.com, halb Mensch halb Garmin, misst trotzdem noch mehr als 300 Höhenmeter. Lohn für die Schinderei: ein knackfrisches Bad im Gebirgsbach und Kubuli, das lokale Bier.
Der Schriftsteller David Foster Wallace hat Kreuzfahrtschiffe mal mit schwimmenden WalMarts verglichen. Super Vergleich: Am Frühstücksbuffet unseres Schiffs, der „Carnival Victory“, herrscht Verdrängungswettbewerb wie beim Schlussverkauf. Ich verdrücke Rührei und Grapefruit, dann geht es von Bord, zum Strandlauf auf Barbados.
Ich watschle heute so langsam, dass mir Helge, der freche Fotograf, hinterher Walking-Stöcke ins Rennfoto montiert. Aber auch die anderen haben mit der Hitze zu kämpfen. Im Ziel blicke ich in Gesichter von so ungesunder Farbe wie man sie sonst nur nach Zapfenstreich auf dem Oktoberfest sieht. Noch am muntersten ist Chris, wahrscheinlich der schnellste Friseur Deutschlands und heutiger Tagessieger. Endlich hat Björn eine Nuss zu knacken.
Im Hafen von Castries, der Hauptstadt von St. Lucia schaukelt der Zweimaster "Unicorn", das Piratenschiff auf dem Johnny Depp beim Dreh zu "Fluch der Karibik" herumturnte. Der Fluch der Karibik lastet auch auf der heutigen Etappe. Denise fällt mit Erkältung aus, Ursula muss wegen Knieschmerzen aufgeben, der wackere Rest kämpft sich erst zu einem Leuchtturm hinauf (tolle Aussicht!) und umrundet dann eine elend lange Flugpiste.
Auf der schattenlosen Strecke fühle ich mich wie ein Ei auf der Pfanne, die Haut am verkohlen, die Eingeweide glibbern. Persönliche Bilanz: eine indiskutable Zeit und die nächste Blase. Weil der flotte Chris das Rennen verschlafen hat, gewinnt wieder Björn. „War hinterher noch in der Sauna, wollte auch mal schwitzen“, tönt er am Abend. Der fängt sich gleich 'nen Enterhaken!
Die 40.000 Einwohner von St. Kitts & Nevis sind ein Volk begabter Läufer und mischen bei Olympia stets vorne mit, vor allem beim Sprint. Auf die Idee, schon vormittags durch die Glut zu laufen, kommt hier trotzdem keiner. Wahrscheinlich vermuten die Leute deshalb, unsere Hechelgruppe sei eine Kolonne Strafgefangener, zum Frühsport abkommandiert. Und damit liegen sie gar nicht so falsch, sühnen wir doch für all die Bagels, Burger und Buttercremetorten, die wir uns an Bord auf den Ranzen klatschen. „All inclusive“-Reisen sind für Läufer eigentlich zu meiden wie für Dortmunder Gelsenkirchen.
Etappenziel ist heute eine Strandpinte mit dem verheißungsvollen Namen „Rainbow Bar“. Kneipenwirt Michael, ein pummeliger Kanadier, schenkt Rum-Punsch aus. Wirkt total isotonisch, das Zeug. Von irgendwo wehr Reggae-Musik herüber. Baccardi-Feeling.
Die vorletzte Etappe führt uns auf Sint Maarten. Die Insel hat einen französischen und einen holländischen Teil und in ihrer Geschichte spielten zwei Läufer eine tragende Rolle. Der Legende nach wurde die Insel geteilt, indem ein Niederländer und ein Franzose die Insel in gegensätzlicher Richtung umrundeten, bis sie sich wieder am Strand trafen. Es heißt auch, der Franzose habe dem Niederländer eine Flasche Wasser gegeben, in die er Gin gemixt hatte – weshalb heute der französische Teil größer sei als der niederländische.
Ein Schluck Gin wäre auch jetzt nicht verkehrt – um die Angst vor der 8-km-Etappe wegzuspülen. Die Strecke führt einen postkartenschönen Strand entlang und bietet nach kurzem Anstieg einen fabelhaften Blick über die Bucht von Philipsburg. Als ich pfeifend wie eine Lok Richtung Ziellinie hetze, trabt mir Chris entgegen, der leichtfüßige Rennfloh. Er hat schon längst gefinisht, läuft die Strecke aber noch mal zurück, um mit seiner langsamen Gattin ins Ziel zu bummeln. Der Streber.
Der Abschlusslauf führt durch den puertoricanischen Dschungel: „El Yunque“, das ist dichtes, tiefgrünes Blattwerk, Geckos in den Büschen und bedrohte Vogelarten, die von kirchturmhohen Bäumen zwitschern. Die Luft riecht nach Regen. Die perfekte Idylle. Bis es zum Nipple-Gate kommt: Ein paar Läuferinnen lassen bei der Katzenwäsche nach dem Rennen für Sekundenbruchteile die Brüste blitzen – woraufhin ein frostiger Cop unserer Gruppe den Aufbruch nahe legt. Könnte ja noch einer auf schmutzige Gedanken kommen! Wir flüchten im Reisebus Richtung Flughafen, jeder eine Medaille und eine Menge müffelnder Laufhemden im Gepäck.
Fazit: Der Karibiklauf ist nichts für Bestzeitfetischsten oder schlampig trainierte Läufer. Wer hier startet, sollte wirklich fit sein, am besten unterhalb der Altersklasse Krampfader liegen und weder Sonnenstich noch die spätrömische Dekadenz eines Kreuzfahrtschiffes fürchten. Und dann wird es schrecklich amüsant.

