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23. Jun. 2010 | Kategorie: Läuferberichte
Wer sein Hobby ernst nimmt, der investiert. Achim-Achilles-Leser Peter Patella zeigt, für was Läufer Geld ausgeben. Ein Streifzug durch die bunte Welt der Laufausrüstung.
Viele können sich ihren Sport nicht mehr leisten – zu teuer. Wer Eishockey spielt, zahlt die Summe eines gebrauchten Kleinwagens, um sich auszurüsten. Fitness-Studios und Sportverein kosten happige Beiträge. Rennräder oder Mountainbikes für 1500 Euro bilden die Einsteigerklasse. Hobbykicker brauchen auf Ascheplätzen pro Saison etwa drei paar Fußballschuhe für jeweils 100 Euro. Und Golf, Tauchen, Fallschirmspringen oder Reiten kosten im Jahr sowieso mehr, als viele Hartz-IV-Empfänger zum Leben haben.
Beim Laufen ist es anders. Laufen kostet nicht viel und die Fähigkeit zu laufen, steckt in jedem von uns, sofern er gesund ist. Zum Laufen braucht man nur eine nette Strecke, etwas Motivation, eine alte Trainingshose und ein paar verstaubte Turnschuhe, schon geht's los. So habe ich jedenfalls vor rund 25 Jahren angefangen. Zu meiner Zeit lief man im Einheitsschuh "Samba" von Adidas. Dazu eine Baumwoll-Schlabberhose und ein dickes Sweatshirt von "froot of the loom" – das war angesagt. Wer besonderen Wert auf sein Äußeres legte, hatte ein Schweißband um. Achtzigerjahre eben.
Heute ist Laufen Volkssport Nummer eins. Man braucht sich nicht mehr zu schämen, wenn man von Bekannten beim Hecheln durch den Wald gesehen wird. Auf Partys ist Laufen immer ein Thema. Jeder kennt seinen Kilometerschnitt, seine Laufstrecken, seinen Trainingspuls. Und mit der Entdeckung des Laufens durch konsumfreudige Besserverdiener hat sich der Sport verändert. Vor allem die Ausrüstung. "Equipment" ist en vogue.
Früher machte man in einem Paar "Samba" viele verschiedene Sportarten: Laufen, Fußballspielen, Hallensport, Turnen. Man konnte sie sogar in der Freizeit anziehen. Mittlerweile ist es undenkbar, ein Paar Schuhe für mehrere Zwecke zu kaufen. Laufschuhe gleichen heute eher einem verschreibungspflichtigen Objekt.
Mit einem Sack voll abgelaufener Schuhe, die wichtig für die Bestimmung des Laufverhaltens sind, geht man zum Laufschuhspezialisten. Der findet natürlich, dass es höchste Zeit für mindestens ein neues Paar ist. Besser sind natürlich zwei oder drei. Unterschiedliche Bodenbeläge, unterschiedliche Witterung, außerdem will die Fußmuskulatur trainiert werden.
Doch vor dem richtigen Schuh steht die Laufbandanalyse. Der drahtige Verkäufer (Marathon-Bestzeit 2:41 Stunden) fachsimpelt über Training und Wettkampf, dann geht es mit den neuen Schuhen und guten Gefühlen nach Hause. Das nächste Rennen kann kommen! Doch warum fühlen sich die vermeintlichem Wundertreter auf der ersten Trainingsrunde bloß so schwer und steif an? Egal, einfach ignorieren.
Früher trugen Läufer weiße Baumwollsocken, die es im 10er-Pack gab. Nach einer Wäsche waren sie entweder zu eng, zu kurz oder der Bund ausgeleiert. Jetzt gibt es Socken, die teurer sind als Laufschuhe früher. Der Hobbysportler schlüpft in 50-Euro-Kompressionsstrümpfe, die nach Krankenhaus oder Altersheim aussehen.
Noch vor wenigen Jahren hätte ich mich geschämt, eine Laufhose zu tragen. Sogar wenn ich sie im heimischen Wohnzimmer tragen würde und außer mir keiner da wäre. Heute trage ich eng anliegende Stretchhosen. Sogar vor bunten Ausführungen schrecke ich nicht zurück. Inzwischen würde ich sogar auf einen Trainingslauf verzichten, wenn ich nicht eine meiner geliebten Dreiviertel-Tights tragen könnte.
Wie sich die unterschiedliche Preise des immer gleichen Stoffgemischs ergeben, ist mir nicht klar. Mein Verdacht ist, dass der Preis sich umgekehrt proportional zu der Länge des Herstellernamen verhält, Discountmarken einmal ausgenommen.
Lauf-Shirts sind noch viel variantenreicher als Hosen. Auch sie gehören zur Gattung der Funktionskleidung. Funktionieren soll dabei vor allem, dass man warm bleibt, ohne nass oder verschwitzt zu sein. Tatsächlich funktioniert das auch, vorausgesetzt man trägt nicht gerade sein Lieblingsbaumwoll-Shirt unter der Funktionsfaser. Die Farbgebung ist häufig unsäglich. Grundsätzlich muss man sagen: Radtrikots sind die besseren Lauf-Shirts. Sie haben eng anliegende Rückentaschen, in denen man alles mögliche verstauen. Auch ihr enger Schnitt ist besser, die Ärmel scheuern nicht, das gefürchtete Wundlaufen der Brustwarzen bleibt aus.
Grotesk wird es bei den Accessoires. Sollten Sie im Winter auf Menschen treffen, die aussehen wie eine Mischung aus Bergleuten, Mitarbeitern der Autobahnmeisterei und amerikanisch geschmückten Weihnachtsbäumen, seien Sie bitte nachsichtig. In der Regel handelt es sich dabei um ein schnatterndes Damenkränzchen beim abendlichen Nordic-Walking-Spaziergang. Dass das Anlegen und Überprüfen der Ausrüstungsgegenstände länger dauert als der zehnminütige Nordicwalk um den Häuserblock – egal.
Nicht viel besser sind jene Herren, die meinen, jeden getanen Schritt per elektronischer Datenerfassung dokumentieren zu müssen. Nach dem Lauf hocken sie vorm Computer und versuchen, die Interface-Verbindung zwischen PC und Puls-Computer mit dem GPS-Geschwindigkeitsmesser am Fußknöchel herzustellen. Schließlich will die Pulskurve ihres 4-km-Läufchens ausgedruckt und in der Trainingsmappe abgeheftet werden. Diese Läufer erkennt man am schwarzen GPS-Klotz auf dem Schuh. Außerdem winkeln sie einem Arm merkwürdig an – um auf dem Laufcomputer am Handgelenk die aktuellen Daten zu kontrollieren. Ein arhythmischer Piepton signalisiert, dass ihr Puls zu hoch oder zu niedrig ist. Wenn sie überhaupt etwas hören können. Denn gerne hat diese Art Läufer gleichzeitig einen iPod mit virtuellem Lauftrainer auf den Ohren, der immerzu neue Intervalle befiehlt.
Diese Läufertypen sehen übrigens so aus, als seien sie ständig vom Hungertod oder einer kurz bevorstehenden Dehydratation bedroht. Oder beidem. Jedenfalls ist nicht anders zu erklären, warum sie an elastischen Gürteln, den so genannten "Fuel Belts", kalorienreiche Nahrungsmittel und Getränkereserven mitführen. Und zwar in Rationen als ob sie ein wochenlanges Überlebenstraining in Sibirien vor sich hätten.
Wenn Sie das alles nicht glauben, dann halten Sie doch mal im Stadtpark die Augen offen. Und wenn ich Ihnen erzähle, das eine Ausstattung wie oben geschildert locker mehr als tausend Euro kosten kann (plus dem individuell gestaltetem Trainingsplan aus dem Internet oder gar eines Personal-Trainers), dann ist Golf ein Sport für Bedürftige.
Mit Weltraumtechnik um den See

