07. Mär. 2012 | Kategorie: Lauf-Stars
Pat Farmer ist neun Monate lang jeden Tag zwei Marathons gelaufen, durch 14 Länder, 21.000 Kilometer vom Nord- bis zum Südpol. Im Interview erzählt der Australier, wie er Schneestürme überstand und warum ihn bewaffnete Soldaten durch den Dschungel begleiteten.
Achim-Achilles.de: Herr Farmer, Sie haben in Laufschuhen die Welt umrundet. Sagen Sie uns: Wo ist es am schönsten?
Patrick "Pat" Farmer, Jahrgang 1962, ist ein erfahrener Extrem-sportler. Der Australier hält mehrere Welt- rekorde auf verschiedenen Langstreckendistanzen und hat mit dem Laufen bereits mehrere Millionen Euro für verschiedene karitative Zwecke gesammelt. Farmer war acht Jahre lang als Politiker tätig. Er hat zwei Kinder (14 und 16 Jahre) und lebt in Sydney. Auf seine Reise vom Nord- zum Südpol hat er sich zwei Jahre lang vorbereitet. Sei Ziel ist es, 100 Millionen Euro für das Rote Kreuz zu sammeln. Mehr Infos zum „größten Lauf der Menschheitsgeschichte“ auf: www. poletopolerun.com. Ach, ist es dort nicht eher gefährlich?
Der Darién-Dschungel zwischen Panama und Kolumbien ist tatsächlich sehr gefährlich. Es gibt nur drei kleine Dörfer, Eindringlinge werden oft gekidnappt. Ich hatte das große Glück, dass die panamaische Armee uns unterstützt hat. Dadurch habe ich mich sehr sicher gefühlt, auch wenn es merkwürdig ist, zwischen 19 Soldaten zu laufen, die alle Maschinengewehre tragen. Aber auch das subtropische Wetter war extrem. Die vielen Überschwemmungen haben uns zu schaffen gemacht. Ich bin durch knöchelhohe Flüsse gelaufen, die nach ein paar Metern plötzlich zwei Meter tief waren.
Wo hat Ihnen das Laufen am meisten Spaß gemacht?
In den Bergen. Die Sicht, die man aus 3000 Meter Höhe hat, ist einfach nur fantastisch und surreal. Ich habe auch farbenprächtige tropische Bilder im Dschungel gesehen, aber die Berge haben alles getoppt.
Und wie war es am Nordpol?
Der Nordpol ist ja im Grunde nichts anderes als eine riesige Eisscholle die auf dem Arktischen Ozean schwimmt. Der Boden ist ständig in Bewegung, dauernd bricht das Eis an irgendwelchen Stellen. Wir mussten manchmal Trockenanzüge überstreifen und ein paar Meter durchs Wasser. Ab und zu konnten wir auch über die Wasserlöcher springen. Da es dazu noch so dunkel ist – es gibt so gut wie kein Sonnenlicht am Nordpol –, ist es sehr deprimierend.
Wie haben Sie für dieses Extrem-Abenteuer trainiert?
Zwei Jahre habe ich mich auf diesen Trip vorbereitet. Ich habe Reifen am Strand von Sydney hinter mir hergezogen, um mich ans Schlittenziehen zu gewöhnen, ich habe in eiskaltem Wasser gebadet und bin im tiefsten Winter im Central Park in New York gelaufen. Ich dachte, ich wäre gut vorbereitet – bis ich am Nordpol ankam. Nichts kann dich auf minus 45 Grad und einen Wind von 100 Stundenkilometern vorbereiten. Es war ein Schock.
Haben Sie Angst um Ihr Leben gehabt?
Nicht direkt, aber einmal ist ein Kameramann ins Eis eingebrochen. Wir mussten ihn schnell rausziehen, ein Zelt aufbauen, den Ofen anheizen und ihn so schnell wie möglich nackt in einen Schlafsack einwickeln. Da entscheiden Minuten um Leben und Tod.
Wie sind Sie selbst mit Verletzungen umgegangen?
Ich habe so gut wie möglich auf mich achtgegeben. Vor dem Schlafengehen hat mich ein Physiotherapeut massiert. Trotzdem habe ich mir Blasen geholt, meine Füße waren vergiftet, ich habe mir die Achillesferse gerissen – aber es ging immer irgendwie weiter.
Sie mussten ihrem Körper täglich rund 12.000 Kalorien zuführen. Was in aller Welt haben Sie gegessen und getrunken?
Am Nordpol habe ich viele Stücke Butter und Schokolade gegessen, ich brauchte viel Fett. Käse konnte ich nicht essen, weil der schnell friert. Dazu gab es Würste aus Rentierfleisch und viele Liter Olivenöl.
Sie haben Ihren Abenteuer-Lauf mit der Mission verknüpft, Leben zu retten. Ist das nicht ein bisschen naiv?
Mir war es wichtig, das Rote Kreuz dabei zu unterstützen, so vielen Menschen wie möglich Zugang zu sauberem Trinkwasser zu ermöglichen. Man kann natürlich einfach einen Scheck ausstellen – aber ich denke, wenn die Leute sehen, was ich auf mich genommen habe, erkennen sie es mehr an. Wir haben bereits einen Brunnen in einem kleinen Dorf in Osttimor (Anm. d. Red.: Inselstaat in Südostasien) gebaut, der 4000 Menschen mit sauberem Wasser versorgt. Allein dafür hat sich der Trip gelohnt.
Wie teuer war die ganze Reise und wer hat sie bezahlt?
Die Logistik, das Team, die Ausrüstung waren sehr teuer. Alles in allem hat der Trip mehr als zwei Millionen Dollar gekostet. Sponsoren haben die Reise finanziert, enge Freunde haben was gegeben – und ich habe mein Haus verkauft.
Wie bitte?
Ja. Ich hatte ein schönes Haus in Sydney. Aber das ist okay. Ich habe mir meinen Traum verwirklicht, das bedeutet mir mehr als alles Materielle auf der Welt.
Was haben Sie als nächstes vor?
Momentan jogge ich nur leicht, um in Form zu bleiben. Ich weiß zwar noch nicht, was als nächstes auf mich wartet, aber ich möchte sichergehen, dass ich meine Kondition nicht verliere. Wenn man so viele Stunden, Tage, Monate läuft und mit seinen Gedanken allein ist, schaut man in sich und lernt sich neu kennen. Und ich habe erkannt, dass noch viel mehr Potenzial in mir steckt.
Jetzt kokettieren Sie aber: Sie sind der erste Mensch, der vom Nord- zum Südpol gerannt ist.
Es ist doch so: Jeder, der mal einen Marathon gelaufen ist, realisiert, dass er die größten Hindernisse überwinden kann. Und das hilft ihm im Alltag. Bei mir ist es genau das Gleiche, nur auf einem anderen Level. Ich kann jedenfalls sagen: Ich bin heute ein besserer Mensch als vor einem Jahr.
Das Interview führte Frank Joung

