Profisport und Mutterdasein: "Ich ging bis drei Wochen vor der Geburt joggen"

Geschrieben von: David BedĂĽrftig

Ex-Profitriathletin Wenke Kujala über zeitraubende Kinder, Training vor dem Frühstück – und joggen in der Schwangerschaft.

Achim-Achilles.de: In welcher Rolle siehst du dich lieber: Die fürsorgliche Mama oder die kämpferische Profisportlerin?

Wenke Kujala: Es ist ein Wertespagat, keine Frage – den man aber schaffen kann. Als Profisportlerin wollte ich unbedingt gewinnen und habe dafür extrem hart gearbeitet. Im Wettkampf funktioniert man einfach, unabhängig davon, ob man Kinder hat oder nicht.

Zuhause war ich dann immer einfach Mama. Die Kinder fangen einen aber auch nach einem nicht so geglĂĽckten Wettkampf wieder auf. Das hilft.

Du warst selbst noch Profi, als du dein erstes Kind bekamst. Haben die Schwangerschaft und das Neugeborene dich nicht stark eingeschränkt?

Natürlich sind Kinder Zeiträuber, aber das sehe ich überhaupt nicht negativ. Hat man als Profi keine Familie, dann beschäftigt man sich 24 Stunden am Tag mit Triathlon.

Kinder bringen dich auf andere Gedanken. Das hat mich entspannt. Ich war immer sehr verbissen beim Sport und habe mir vieles sehr zu Herzen genommen. Seit ich Kinder habe, beschränke ich mich auf die wesentlichen Dinge. Wenn es mal nicht so läuft, dann gibt mir das Lächeln meiner Kinder sehr viel und nimmt mir Stress.

Erste Rennen nach einem halben Jahr

Wann hast du nach deinen Geburten wieder mit Sport angefangen?

Ich habe während meiner ersten Schwangerschaft gut weitertrainieren können und ging bis drei Wochen vor der Entbindung joggen. Dann hatte ich eine sehr strenge Hebamme, die mir sechs Wochen Ruhe verordnet hat.

Naja, das ist ja nicht streng. Das ist die normale Wochenbettzeit.

Ja, bei mir hat es nach dieser Ruhephase aber sofort wieder gekribbelt und ich bin Radfahren, Schwimmen und leicht Laufen gegangen. Mit dem Profitraining habe ich erst ein Vierteljahr nach der Geburt begonnen.

Erst? FĂĽr die meisten MĂĽtter ist es undenkbar, schon drei Monate nach der Geburt wieder mit intensivem Training zu beginnen.

Bei meiner ersten Tochter hatte ich einfach eine absolute Traum-Geburt. Ich spĂĽrte die Endorphine, ĂĽber die immer alle reden, fĂĽhlte mich phantastisch und habe auch die ersten Wochen kaum als Belastung empfunden. 

Damals war ich 35 Jahre alt und sehr fit. Da ich natürlich entbunden habe, bekam ich keine störende Kaiserschnittnarbe, mit der man oftmals länger bis zur Belastung warten muss. Sogar das Stillen hat mich beim Sport nicht groß beeinflusst. Beim Training habe ich die Intensität langsam gesteigert. Rennen habe ich nach einem guten halben Jahr gemacht.

"Profisport und Muttersein ist machbar"

Triathlon ist bekannt als sehr trainingsintensiv: Hat man als junge Mutter genug Zeit und MuĂźe dafĂĽr?

Triathlon ist ein Strebersport, aber als Mutter habe ich meine Zeit effektiver genutzt. Nichts machen gibt es nicht. Wenn das Kind im Kindergarten oder im Bett ist, habe ich ja genug Zeit, um zu trainieren. Man darf nicht vergessen: Sport war mein Beruf. Ich musste also nicht täglich ins Büro fahren. Dadurch war ich flexibler.

Es ist für eine Profisportlerin zwar nicht optimal, aber schadet auch nichts, wenn man mal eine Woche etwas weniger macht, weil das Kind krank ist. Auch für junge Frauen ist Profisport und Mutterdasein machbar – wenn das Netzwerk aus Familie und Partner mitzieht.

Frauen haben mit mehr Einschränkungen als Männer zu kämpfen. Wie beeinträchtigt die Periode eigentlich Sportlerinnen?

Für uns Sportlerinnen ist das ein privates aber wichtiges Thema, wir tauschen uns darüber aus. Gerade bei so extrem langen Rennen kann ich die Periode natürlich nicht gebrauchen. Aber viele Ausdauersportlerinnen bekommen sie sowieso nur noch abgeschwächt oder gar nicht mehr.

Der Menstruationszyklus beeinflusst das Training und die Trainer gehen darauf in ihren Plänen ein: Wann lege ich welche Schwerpunkte, wann spricht der Körper eher auf Krafttraining, wann eher auf Ausdauertraining an? Viele Athletinnen steuern die Periode verständlicherweise über die Verhütungsmittel so, dass sie nicht gerade beim Saisonhighlight einsetzt.

"Ich liebe den Sport nach wie vor"

Wann hast du gemerkt: Profisport geht nicht mehr?

Ich habe nach meiner Erstgeborenen noch ein Jahr lang Leistungssport betrieben. Als ich dann den zweiten positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt, wusste ich sofort: Mit zwei Kindern will ich den ganzen Profisporttrubel inklusive Sponsorenverpflichtungen nicht mehr durchmachen.

Ich hatte zu der Zeit bereits meine Stelle als Managerin des Teams Erdinger Alkoholfrei und entschied mich bewusst fĂĽr Arbeit und Familie aber gegen den Profisport.

Das war aber total in Ordnung fĂĽr mich, denn ich habe meine Zeit in dem Sport gehabt. Heute darf ich jungen Talenten die Chance geben, Triathlonprofi zu werden, was mich absolut erfĂĽllt.

Musst du bei der Challenge Roth oder beim Ironman auf Hawaii dennoch manchmal eine Träne verdrücken?

Ich liebe den Sport nach wie vor. Und natürlich kommen da diese speziellen Gefühle hoch, das Kribbeln und die Nervosität vor dem Start. Ich möchte meine Kinder erst mal etwas größer werden lassen, dann kann ich bei diesen Wettkämpfen wieder antreten. Zwar nicht auf Profiniveau, aber langsam möchte ich auch nicht unterwegs sein.

 

Zur Person: Wenke Kujala, Jahrgang 1976, ist sportliche Leiterin des Teams Erdinger Alkoholfrei und zweifache Mutter. Früher Profisportlerin und deutsche Triathlonmeisterin, läuft sie heute als passionierte Hobbytriathletin.

 

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