AOK-Heldenstaffel: Astrid Krügel – "Der Marathon hat mich gerettet"

Geschrieben von: Piet Könnicke
astrid krügel

Gemeinsam mit der AOK Nordost stellen wir Helden des Alltags vor. Menschen, die Bemerkenswertes geschafft haben und mithilfe des Sports aus einer schwierigen Lebenssituation gekommen sind. Vor 13 Jahren wog Astrid Krügel 115 Kilo und führte ein Leben im Überfluss. Sie ging einen langen und schmerzhaften Weg, um sich vom Ballast zu befreien.

Astrid Krügel glaubt nicht an Zufälle. Eigentlich wollte sie in diesem Jahr wieder den Berlin-Marathon laufen, mit dem sie so viele Emotionen verbindet. „Aber ich habe mich nicht bereit gefühlt, ich spürte vielmehr, dass da wahrscheinlich etwas Größeres auf mich wartet“, sagt sie.

Das Größere kam. In Form von Micha Klotzbier: Fast 1,90 Meter groß, über 100 Kilo schwer. Mit seiner Geschichte vom adipösen Vielfraß zum Marathonläufer hat er viele Menschen beeindruckt.

Nachdem Klotzbier dazu aufgerufen hatte, dass auch andere ihre Heldengeschichte erzählen und mit ihm gemeinsam beim Teltowkanal-Halbmarathon gemeinsam in einer Staffel laufen sollen, hat Astrid Krügel sich gemeldet. Nun wird sie statt 42 Kilometer in Berlin Anfang November sieben Kilometer am Kanal laufen. „Genau das brauchte ich, um in diesem Jahr auf den Marathon zu verzichten“, sagt sie.

Das Leben – eine Fassade

Der Marathon hat sie gerettet. Um ihr Leben zu ändern, „brauchte ich das extreme Bild eines Marathons“, sagt die Berlinerin. Niedriger durfte damals die Messlatte nicht sein. Damals – das ist jetzt 13 Jahre her. Sie wog fast 115 Kilo und „lebte ein Leben, das ich mir seelisch und mental nicht leisten konnte“, erzählt die heute 47-jährige Berlinerin.

Ihr Leben – eine Fassade: Eine Ehe, in der sich beide Partner schon lange verloren hatten. Die falschen Jobs. Die falschen Etiketten, für sie sie immer mehr Geld ausgab, als sie hatte. Und da waren früh Verpflichtungen: Mit 15 wurde sie schwanger, sie war gerade 16 Jahre, als ihre Tochter zur Welt kam.

Essen wurde zur Bewältigungsstrategie. „Ich habe gegessen, um eine Lücke zu füllen, ohne lange Zeit zu wissen, was gefehlt hat.“ Deshalb fiel es ihr die ersten Jahre auch gar nicht auf, was sie in sich hineinstopfte und was das mit ihr machte.

Hochkalorisch und wenig nahrhaft – das war die ausufernde Formel. „Und irgendwann habe ich das Gefühl für Mengen verloren“, sagt sie. „Und geraucht habe ich auch und viele Jahre Wasser mit Wein verwechselt“.

Ihre guten Vorsätze verloren sich regelmäßig: Fast täglich hörte sie sich selbst belügen: „Ab morgen änderst du was. Ab Montag. Ab nächsten Monat. Oder noch besser ab 1.1.“

Das Schlüsselerlebnis im Sommerurlaub

Im Sommer 2013 wog sie 115 Kilo, hatte einen Blutdruck von 200/110. Dann das „Schlüsselerlebnis, wie sie es nennt: Ostseeurlaub. Sonne, Strand und Meer. Sie sah Menschen vergnügt auf einer „Banane“ über die Ostseewellen reiten. Den Spaß wollte sie auch. „Doch ich schaffte es aus eigener Kraft nicht mal auf die Banane“, erzählt sie.

Das Bild hat sie noch immer vor ihrem geistigen Auge: Wie sie aus dem Wasser stampft, frustriert in der Hitze steht. „Und irgendetwas war an diesem Tag anders“, erinnert sie sich. „Irgendetwas passierte mit mir.“

Ein paar Tage später eröffnete sie ihrer Familie, dass sie noch vor ihrem 40. Geburtstag ihren ersten Marathon laufen werde. Die sei vor Lachen nicht in den Schlaf gekommen: Da stand eine 167 Zentimeter große Frau vor ihnen, „so dick, dass man ein Whiskey-Glas auf dem Hintern abstellen konnte“, wie sie es illustriert, die bei der kleinsten Anstrengung pumpt wie ein Maikäfer, aber davon faselt, 42 Kilometer zu laufen.

Astrid Krügel nahm sich fünf Jahre Zeit, um es den Lachern und Zweifeln zu zeigen. „Ich hatte weder das Gefühl, noch das Bedürfnis, es eher zu machen“, sagt sie. Der Berlin-Marathon im September 2008 sei ein cooles Datum, habe sie gemeint – drei Monate vor ihrem 40. Geburtstag.

Der Weg zum Marathon war Quälerei

Es wurde ein harter und langer Weg. „Die ersten Jahre waren Quälerei“, erinnert sie sich. Sie nimmt im ersten Jahr 45 Kilo ab, doch das Gewicht zu halten wurde zur weitaus schwierigeren Mission.

Erst als sie begriffen hatte, dass sie nicht aus Hunger aß, sondern um Emotionen zu kompensieren und zu unterdrücken, wurde es einfacher. Sie entschlüsselte nach und nach die Fehlercodes, die ihr das Leben schwermachten und befreite sich von einem Ballast, der auf der Waage nicht zu sehen war: dem seelischen.

„Ich entwickelte wieder ein Bewusstsein für meinen Körper und fand die Nähe zu mir selbst“, sagt sie. Wenn es früher nicht besserging, „nachdem ich all den Müll gegessen hatte“, stellte sich nun zumindest ein Gefühl nach einer hastigen, ungesunden Mahlzeit ein: Ärger.

Aus dem Ärger wuchs Aufmerksamkeit für das, was auf den Tisch kam, aus Aufmerksamkeit wurde Genuss. „Heute genieße ich einen Salat oder einen Smoothie aus Wildkräutern“, sagt sie.

Sie begann zu walken, denn an Laufen war zunächst nicht zu denken. Mühsam Schritt für Schritt. 2006 musste das Knie operiert werden – eine Verletzung aus jungen Jahren, in den sie noch Handball gespielt hatte. Doch ein Aufhören oder gar Zurück gab es nicht.

„Aber hätte ich dieses Ziel Marathon nicht gehabt, wäre ich nicht in die Schuhe gekommen“, gesteht sie. „Das war meine Vision ...“, sagt sie und kann in diesen Moment der Erinnerung kein Tränen nicht unterdrücken.

Abschied vom falschen Leben

Im September 2008 lief sie tatsächlich ihren ersten Marathon. Sie nennt es den Tag, an dem ihr Leben neu begann und sie damit weitermachte, herauszufinden, wer sie ist und was sie will. Der Lauf zu sich selbst führte sie auf völlig neue Wege.

Seit 2010 ernährt sie sich vegan. Im März 2014 lernte sie einen Mann kennen. Er eröffnete ihr eine völlig neue Welt der Liebe und der Ernährung: vegane Rohkost. Sie war begeistert, ist bis heute dabeigeblieben, nicht aber bei dem Mann.

Er war der Mann, der zur Brücke wurde, wie sie sagt. Und alte Brücken abbrach. Neun Tage später trennte sie sich von ihrem Ehemann und zog zu Hause aus. „Ich war endlich an dem Punkt zu sagen, jetzt kann ich gehen. Ich hatte plötzlich eine Ahnung, was in meinem Leben noch möglich war.“

Inzwischen ist sie fünf Marathons und mehrere Halbmarathons gelaufen, hat ein paar Triathlons absolviert. Das Laufen habe ihr geholfen, sich selbst wahrzunehmen. Und dadurch habe sie gelernt, „reinzugucken, was gerade nicht funktioniert, was schiefläuft oder nicht passt.“

Sie habe sich selbst neu kennengelernt und begriffen, dass ihr die gut bezahlten Jobs in Wirklichkeit fremd waren. „Ich wollte sie nicht mehr.“ Der letzte Abschied vom falschen Leben steht noch bevor:

Ihr Schuldenberg ist so groß, dass sie Privatinsolvenz anmelden möchte. „Dann hätte ich die Chance, in ein paar Jahren schuldenfrei zu sein“, sagt sie. Diesen letzten Schritt wolle sie gehen, um alles endgültig los- und ihr Leben mit zu viel Gewicht und Ballast tatsächlich hinter sich zu lassen.

Astrid Krügel läuft beim Teltowkanal-Halbmarathon am 6. November 2016 in der Heldenstaffel von Micha Klotzbier in Kooperation mit der AOK Nordost und gotorun.

 

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