AOK-Heldenstaffel: Michael Schreiber – Vom Couch-Potato zum Ultraläufer

Geschrieben von: Piet Könnicke

Michael Schreiber hatte gute Ausreden, keinen Sport zu machen. Bis die Waage einen guten Grund anzeigte, etwas zu ändern. Er begann mit dem Laufen und trainierte für den Marathon. Doch dann wurde er von Enttäuschungen zurückgeworfen. Er ließ sich aber nicht stoppen. Heute ist der 35-Jährige Ultraläufer.

Michael Schreiber hatte gleich doppelt Gründe und Ausreden, keinen Sport zu machen und jeden Abend die Füße hochzulegen. Zwillinge! Als seine Frau und er vor sieben Jahren die Nachricht erhielten, dass sie ein Mädchen und einen Jungen bekommen, „war das einfach nur klasse“, sagt der Berliner.

Aber es war auch der Beginn eines neuen Lebens, „in dem sich leicht genug Ausreden fanden, sportlich nichts zu tun“, erinnert sich der 35-Jährige. „Und sich nach schlaflosen Nächten tagsüber im Büro tolle Planungen auszudenken, war schon hart“, sagt der Verkehrsplaner.

Viel Stress, kein Sport, hastiges und ungesundes Essen

„Über den Tag habe ich fast gar nicht gegessen und abends fing ich regelrecht zu fressen an“, sagt Michael Schreiber. Der Ausschlag auf der Waage vertrug irgendwann keine Ausrede mehr. 105 Kilo wog er Ende 2013. „Da bekam ich schon einen Schreck“, sagt er, „ich wollte nicht mit 40 meinen ersten Herzinfarkt kriegen.“

Also schrieb er auf seinen Weihnachtswunschzettel: Laufsachen. Er wurde reichlich beschert. „Von der ganzen Familie bekam ich Laufklamotten“, erzählt er. Er packte seine Geschenke aus und lief los. Anfangs kam er nicht weit. „Vielleicht fünf, sechs Kilometer.“

Aber das Laufen gefiel ihm und er merkte, dass es ihm schnell leichter fiel und es schnell mehr und mehr Kilometer wurden. „Und ich begann, bewusster zu essen. Ich ließ abends die Kohlenhydrate weg und fragte mich, was ich stattdessen essen kann.“

Er ernährte sich zunehmend bewusster, machte sich Gedanken über seine Mahlzeiten und beließ es am Abend bei einer Portion statt bei der zuvor üblichen hochfrequenten Bedienung der Kühlschranktür. In vier Monaten hatte er 20 Kilo abgenommen und lief in Dresden – seiner alten Heimat – beim Oberelbe-Marathon die Halbdistanz über 21 Kilometer.

Marathontraining und Enttäuschung

Michael Schreiber brauchte diesen Wandel in kurzer Zeit. „Ich kenne mich“, sagt er. „Wenn ich es durchziehen wollte, musste ich es strikt und konsequent machen. Sonst ist mein Rückfallrisiko zu hoch.“ Und er habe den schnellen Erfolg gebraucht, um sich weiter zu motivieren.

„Zugleich habe ich mich schnell wohlgefühlt mit der neuen Situation, der neuen Fitness und dem Gewicht“, sagt er. Daher war das nächste Ziel auch gleich mal doppelt so groß wie der gerade absolvierte Halbmarathon. Im Oktober 2014 sollte es in Dresden die ganze klassische Distanz über 42,195 Kilometer sein.

Also machte sich Michael Schreiber einen Plan, erhöhte im Training das Pensum und die Kilometer, kam „super in Form“ – und lag am Marathon-Sonntag flach. Ein Infekt setzte ihn außer Gefecht, „an Laufen war nicht zu denken.“ Michael Schreiber war enttäuscht. „Das war mein großes Ziel und ich habe es nicht erreicht“, sagt er. Der ganze Aufwand umsonst.

„Ich bin erstmal in ein Loch gefallen“, erzählt er. Aber nicht tief und vor allem nicht lange. Schon ein paar Wochen später dachte er: „Dann laufe ich halt nächsten Jahr den Dresden-Marathon.“

THF 6: Ultralauf auf dem Flughafenfeld

Doch es kam wieder anders. Ende 2014 lernte Michael Schreiber die Mauerwegläufer kennen. Einen Laufverein in Berlin, auf dessen Initiative seit fünf Jahren im August der 100-Meilen-Lauf entlang der einstigen Berliner Mauer stattfindet. „Nette Leute, gute Angebote“, fand Michael Schreiber, als er zu deren Lauftreff kam.

„Ein bisschen verrückt“, meint er, aber das gehöre dazu –zu Ultraläufern. Denn genau das sind die Mauerwegläufer – Typen, für die ein Rennen erst jenseits des Marathons beginnt und Trainingsläufe machen, die sich XXL nennen. Michael Schreiber war fasziniert.

Als er im Frühjahr 2015 im Urlaub war und dort seine Läufe machte, hatte er ständig die Lauftreff-Kollegen im Kopf, die einmal im Monat auf dem Tempelhofer Feld einen Sechs-Stunden-Lauf machen. Das Trainingskürzel THF 6 – Tempelhofer Feld 6 – ging im nicht mehr aus dem Kopf.

„Das kann ich auch“, dachte er sich und stand einen Tag nach der Rückkehr aus dem Urlaub auf dem alten Rollfeld des früheren Flughafens. Sechs Stunden Dauerlauf auf einer sechs-Kilometer-Runde sind das mögliche Tages-Maximum. „Ich kann’s ja mal versuchen und notfalls aufhören“, sagte er sich.

Sein Minimalziel waren 30 Kilometer, „schön wäre ein Marathon.“ Es wäre dann der erste gewesen. Er lief: Acht Runden plus zwei Kilometer – also 50 Kilometer. „Einmal einen Marathon laufen, war somit raus aus meinem Kopf“, resümierte er. Gleich am nächsten Wochenende lief er mit den Lauftreff-Freunden eine 55-Kilometer-Runde. Spätestens da hatte sich der einstige moppelige Coach-Potato zum XXL-Läufer gewandelt.

„Der Bewegungsdrang ist da und geht nicht mehr weg"

Michael Schreiber mag es, lange unterwegs zu sein. „Ich bin ein Genussläufer“, sagt er, „ich genieße es, abzuschalten, in der Natur und Landschaft zu sein.“ Im vergangenen Mai konnte er das 72 Kilometer lang tun – beim Super-Rennsteigmarathon.

Es gehe ihm überhaupt nicht darum, schnell zu sein. „Beim Marathon fragt jeder gleich nach der Zeit. Man vergleicht ständig und ist sofort dabei, sich zu rechtfertigen, wenn man vermeintlich langsam war.“ Beim Ultra-Laufen interessiere das nicht, „zumindest nicht so vordergründig“, meint Michael Schreiber.

Vielleicht ist es auch diese Gelassenheit, die man beim ultralangen Laufen braucht, die Michael Schreiber hilft, sich gesund und ausgewogenen zu ernähren, ohne es zu sehr zu strapazieren und zur Perfektion zu treiben. „Wenn etwas gesund ist, mir aber nicht schmeckt, muss ich es nicht essen“, so seine Einstellung.

Er ist ein Gefühlsmensch. „Ich laufe ohne Pulsuhr, sondern so wie ich mich fühle und mein Körper es zulässt. Und ich esse, was mir schmeckt und gut tut.“ Aufhören mit dem Laufen kann er nicht mehr, zumindest kann er sich das nicht vorstellen. „Der Bewegungsdrang ist da und geht nicht mehr weg. Zum Glück“, sagt Michael Schreiber. Aus den faulen Ausreden ist ein besonders ausdauerndes Vergnügen geworden.

Michael Schreiber ist beim Teltowkanal-Halbmarathon am 6. November 2016 in der Heldenstaffel von Micha Klotzbier in Kooperation mit der AOK Nordost und gotorun mitgelaufen.

 

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