AOK-Heldenstaffel: Thomas Heger – Laufen mit Down-Syndrom

Geschrieben von: Piet Könnicke

Gemeinsam mit der AOK Nordost stellen wir Helden des Alltags vor. Menschen, die mithilfe des Sports ihr Leben besser meistern.Thomas Heger ist 37 Jahre alt und hat das Down-Syndrom. Vor acht Jahren hat er das Laufen entdeckt. Beim „Lauf rund um Müggelturm“ startet er in der AOK-Heldenstaffel.

Thomas ist schon immer viel gelaufen. „Er hat immer alles laufend erledigt“, sagt seine Mutter. Wenn er nicht das richtige  Pausenbrot dabei hatte, ist er nach Hause geflitzt, um sich ein neues zu holen. “Sein Lieblingswort ist eigentlich nein”, sagt Hannelore Heger über ihren Sohn. “Nur beim Laufen nicht.” Da sei er sofort dabei.

Thomas Heger wurde mit der genetischen Besonderheit des Down-Syndrom geboren. Die Symptome - körperliche und geistige Auffälligkeiten - sind vielfältig. Ursache für das Down-Syndrom ist eine Veränderung am Erbgut – oder genauer: an der Anzahl der Chromosomen, die das Erbgut tragen. Die betroffenen Zellen enthalten nicht – wie üblich – 23 Chomosomenpaare, sondern ein zusätzliches Chromosom. Der Grund: Das gesamte Chromosom 21 oder ein Teil davon ist nicht doppelt, sondern dreifach vorhanden. Diese Anomalie nennt man Trisomie 21.

Ein Ausdruck der Vielfalt unserer Natur

„Gehen wir davon aus, dass das Down-Syndrom keine Behinderung ist, sondern ein Ausdruck der Vielfalt unserer Natur, wie anders erscheint dann in diesem Moment unsere Welt“, rät der Laufclub 21 auf seiner Webseite zu einer Annäherung an Menschen mit Down-Syndrom.

Der Fürther Verein wurde vor zehn Jahren gegründet, um Menschen mit Down Syndrom regelmäßiges Lauftraining zu ermöglichen. Vorbild war die Geschichte eines Engländers, der trotz Down-Syndrom einen ganzen Marathon gelaufen war. Zwei Jahre nach der Gründung des Laufclubs 21 sollte die Idee auch in anderen Städten für Menschen mit Down Syndrom und deren Familien umgesetzt werden.

Auch in Berlin entstand eine Laufgruppe, jedes Wochenende traf sie sich in Berlin-Karow zum Training. Doch die Herausforderungen waren zu groß, um es in dieser Regelmäßigkeit zu schaffen. Heute treffen sich die Mitglieder der Gruppe noch gelegentlich zu einem Lauf.

Thomas indes hat seine Leidenschaft gefunden. „Für uns war es ein Glücksfall, dass er das Laufen entdeckt hat und gern macht“, sagt Hannelore Heger.

Als sie und ihr Mann fünf Wochen nach der Geburt ihres Sohnes die Diagnose bekamen, dass Thomas das Down-Syndrom hat, „war das natürlich nicht einfach“, sagt Gerhard Heger. „Wir mussten lernen, damit umzugehen, auch gegenüber der eigenen Familie und in der Öffentlichkeit“, sagt der heute 78-Jährige, der sein Leben lang als Steinmetz gearbeitet hat.

Früher tanzte er zu lauter Musik – heute läuft er

Aktiv sein und sich bewegen war für die Familie seit jeher ein wichtiges Motto. “Wir sind immer viel gewandert, gepaddelt, im Winter Ski gelaufen”, sagt Gerhard Heger. “Und früher hat Thomas jeden Abend getanzt”, erinnert sich Hannelore Heger. „Er drehte in seinem Zimmer laut die Musik auf und tanzte“, erzählt sie und gesteht: „Ich bin ganz froh, dass er jetzt läuft.“

Sport für Menschen mit Down-Syndrom ist kein Tabu – im Gegenteil. „Laufen”, meint Hannelore Heger, „ist vielleicht die einfachste Sportart, die man ihnen beibringen kann.“ Fußball etwa könnte Thomas nicht spielen, da seine Reflexe verzögert, sein Orientierungs- und Koordinationsvermögen schwach ausgeprägt sind. Er kann sich kaum artikulieren und ist nur schwer zu verstehen.

„Es ist nicht einfach, mit ihm zu reden“, sagt seine Mutter. Die Muskulatur bei Menschen mit Down-Syndrom ist schwach entwickelt, eine ausgeprägte Bindegewebsschwäche macht die Gelenke übermäßig beweglich. Es gibt keine wissenschaftlichen Studien, wie sich die Belastungsverträglichkeit von Muskeln, Bändern und Sehnen bei Menschen mit Down-Syndrom anpasst und entwickelt, sodass der Start für ein regelmäßiges Training immer ein vorsichtiges Beginnen ist. Walken aber, wie es Hannelore und Gerhard Heger dreimal in der Woche tun, seit sie Rentner sind, war nichts für Thomas.

Er wollte gleich laufen – auch bei Volksläufen. Einer seiner ersten Starts war die Berliner CityNacht auf dem Ku’damm. Die ist er inzwischen ein paar Mal gelaufen. Der Neujahrslauf am Brandenburger Tor ist sein beständiger Jahresauftakt, bei der 5x5-Kilometer-Staffel im Tiergarten ist er jedes Jahr dabei, beim Müggelseelauf im Oktober und beim Nikolauslauf in Gatow.

Sein längster Wettkampf war bislang der rbb-Drittelmarathon vor fünf Jahren in Potsdam. Und vier Mal ist beim Mauerweglauf dabei gewesen und hat mit seinen geschafften Etappen dazu beigetragen, dass  sein Team die 100 Meilen um Berlin geschafft hat. „Die erste Male bei Volksläufen hat er sich auf den ersten 500 Metern total verausgabt“, erinnert sich Gerhard Heger. Inzwischen habe Thomas gelernt, konstant zu laufen. Vor allem mag er Läufe, an deren Streckenrand Musik gemacht wird. „Und durchs Ziel laufen, ist besonders schön, nur Medaillen behält er nicht lange um“, erzählt Hannelore Heger.

Laufen als Sprachrohr

Im vergangenen November ist Thomas ausgezogen. Er lebt jetzt in einer betreuten Wohnstätte der Stephanus-Stiftung, wo er auch arbeitet. „Es war sein eigener Wunsch, auch dort zu wohnen“, sagt Hannelore Heger und meint: „Wir sind selbst überrascht, wie gut es uns damit geht“. Alle zwei Wochen kommt Thomas übers Wochenende nach Hause, den Weg zurück in die Wohnstätte läuft er und seine Mutter begleitet ihn mit dem Fahrrad. Gut sieben Kilometer sind es. Laufen ist so etwas wie ein Sprachrohr für Thomas geworden. „Es tut uns gut, dass beim Laufen so viel zurückkommt, was wir ihm vermitteln wollen“, sagen seine Eltern. „Es ist für uns ein Glück, dass er das macht.“

 

Thomas Heger läuft beim „Lauf rund um den Müggelturm“ am 19. März 2017 fünf Kilometer in der Heldenstaffel von Micha Klotzbier, die in Kooperation mit der AOK Nordost zwei Tage vor dem Welt-Down-Syndrom-Tag Menschen mit Trisomie 21 und anderen Behinderungen an den Start bringt. Hannelore und Gerhard Heger freuen sich über diese Möglichkeit: „Unser Thomas ist wirklich ein Held.“

 

Das könnte dich auch interessieren:

Aktion: AOK-Heldenstaffel mit Micha Klotzbier

AOK-Heldenstaffel: Jürgen Müller – Aus dem Rausch gelaufen

AOK-Heldenstaffel: Astrid Krügel - "Der Marathon hat mich gerettet"