AOK-Heldenstaffel: Wie Laufen die Alkoholsucht besiegt

Durch die AOK-Heldenstaffel beim Teltowkanal-Halbmarathon 2016 wurde der l├Ąuferische Ehrgeiz des trockenen Alkoholikers J├╝rgen M├╝ller wieder geweckt, so dass er inzwischen sogar die K├Ânigsdistanz erneut meisterte.

Herr M├╝ller, vor fast einem Jahr sind Sie in der ersten AOK-Heldenstaffel beim Teltowkanal-Halbmarathon gelaufen. Ziel der Heldenstaffeln ist es ja, dass die Teilnehmer die Freude am Laufen entdecken und dies auch k├╝nftig tun. Wie gut hat das bei Ihnen geklappt?

Es hat prima geklappt! Die Heldenstaffel vor einem Jahr war ein absoluter Gl├╝cksfall f├╝r mich, zumal die Teilnahme an der Staffel eher zuf├Ąllig zustande kam. ├ťber l├Ąngere Zeit beeindruckte mich damals schon das Treiben des Micha Klotzbier, Mitinitiator der Heldenstaffel. Ich suchte damals, nichts ahnend von dieser geplanten Staffel, den Kontakt zu ihm und so nahm die Geschichte ihren Lauf. Meine Laufschuhe hingen vor einem Jahr bereits am ber├╝hmten Nagel und bei mir machte sich mehr und mehr Tr├Ągheit und Antriebslosigkeit breit.

Sportliche Ziele? Fehlanzeige. Ich hatte mit ├╝ber 90 Kilo ordentlich ├ťbergewicht und war k├Ârperlich in keiner berauschenden Verfassung. F├╝r den Staffeleinsatz musste ich im Vorfeld wirklich wieder das Laufen trainieren, um mich nicht zu blamieren. Schritt f├╝r Schritt und mit der Begeisterung f├╝r die Heldenstaffel kam bei mir die Freude am Laufen zur├╝ck und sie h├Ąlt bis heute an. Mehr noch. Meine Lauferei hat heute eine ganz andere Qualit├Ąt als noch vor Jahren.

Damals war ich ein Eigenbr├Âtler, kochte still vor mich hin meine eigene Suppe. Heute ist das Laufen wieder fest in meinem Alltag integriert. Ich habe mich der Lauffamilie von gotorun angeschlossen und teile jetzt die Leidenschaft mit Gleichgesinnten. Zu den Mitgliedern der damaligen Heldenstaffel besteht weiter reger Kontakt. Es sind echte Freundschaften entstanden.

Hat die Motivation, regelm├Ą├čig zu laufen, Ihnen auch bei Ihrer ganz pers├Ânlichen Herausforderung geholfen? Sie hatten vor Jahren Ihre Alkoholsucht besiegt?

Das ist richtig. Ich bin trockener Alkoholiker und lebe seit ├╝ber elf Jahren abstinent. Als ich mich damals auf einen trockenen Weg machte, begann ich auch, intensiv zu laufen. Typisch f├╝r S├╝chtige wie mich ist der Reiz zu Extremen und so entschloss ich mich, einmal einen Marathon zu laufen. Dieses Ziel vor Augen zwang mich aber auch zu Demut, Bescheidenheit und Disziplin und half mir sehr, im schwierigen ersten Jahr trocken zu bleiben. Am 30. September 2007 war es dann so weit.

Ich finishte meinen ersten Marathon genau an meinem ersten Trockengeburtstag. In den folgenden Jahren habe ich das Laufen beibehalten und bin auch weitere Marathons gelaufen. So auch im Jahr 2015. Aber ich war denkbar schlecht vorbereitet und so endete er auch fast in einer Katastrophe.

Kurz nach Halbzeit bekam ich Schmerzen in der Brust und hatte Atemnot. Anstatt aufzugeben, schleppte ich mich bis ins Ziel. Das Ende vom Lied: ein klassischer Angina Pectoris, Herzkatheter und Stent. Mein ungesunder Lebenswandel in j├╝ngeren Jahren forderte wohl endg├╝ltig seinen Tribut. Diese Diagnose trieb mir alle Schrecken in die Glieder und so verabschiedete ich mich nach und nach von der Lauferei. Das Thema Marathon war eigentlich durch.

Bei der Heldenstaffel vor einem Jahr sind Sie sieben Kilometer gelaufen. Jetzt haben Sie wieder einen Marathon geschafft. Wie war das m├Âglich, was ist da passiert?

Es ist so viel passiert. Das Erlebnis, mit der Heldenstaffel zu laufen, war einfach gro├čartig. Alle Teilnehmer bekamen ein gro├čes Ma├č an Wertsch├Ątzung und Aufmerksamkeit f├╝r Geleistetes. Ich glaube, das hat uns alle sehr stolz gemacht, und mir wurde erstmals richtig bewusst, was mir das Laufen eigentlich bedeutet hat.

Mir blieb nicht verborgen, dass meine Mitstreiter weiter gro├če sportliche und pers├Ânliche Ziele verfolgten. Und ich? Ich machte erst mal einen Termin beim Kardiologen, um zu erfragen, ob f├╝r mich ambitioniertes Laufen ├╝berhaupt wieder m├Âglich ist. Die Untersuchungen ergaben gr├╝nes Licht und so gab es f├╝r mich kein Halten mehr.

Ich entschied mich, erst am Berliner Halbmarathon im April und dann am Marathon im September teilzunehmen. F├╝r mich ging es im November vergangenen Jahres praktisch bei null wieder los. Ich bin heute noch erschrocken, wie schnell einmal erlangte Leistungsf├Ąhigkeit den Bach runtergehen kann.

Ich war damals alles, nur kein L├Ąufer mehr. Unter professioneller Anleitung gelang es mir, ganz behutsam wieder ins Laufen zu kommen. All die Jahre zuvor stoppelte ich mir, mehr schlecht als recht, irgendwie Trainingspl├Ąne zusammen, die nicht wirklich meinem Leistungsniveau entsprachen. Stabi-Training, Koordination, Lauf-Abc und gezieltes Krafttraining hatte ich gar nicht im Programm. Das abwechslungsreiche Training individuell oder Samstag mit der Mannschaft macht riesigen Spa├č.

Erfolge und Misserfolge werden geteilt und die Unterst├╝tzung untereinander sucht seinesgleichen. Das m├Âchte ich nicht mehr missen.

Wie ging es Ihnen, als Sie in Berlin ├╝ber die Ziellinie des Marathons liefen?

In diesem Jahr war es etwas ganz Besonderes, weil ich ein Comeback auf die Marathonstrecke f├╝r mich bereits ausgeschlossen hatte. Sicher, mein erster Zieleinlauf damals nach einem Jahr Abstinenz hat sich bei mir eingebrannt. Ich habe, genau wie beim ersten Mal, geheult vor Freude. Ein Jahr diszipliniertes Training hat sich auch dank der Unterst├╝tzung vieler richtig gelohnt. Mein Ziel war es, unter die f├╝nf Stunden zu kommen, und es hat tats├Ąchlich geklappt.

Verr├╝ckt, ich war sogar etwas schneller als beim ersten vor zehn Jahren. Noch sch├Âner war es allerdings, die Freude mit so vielen teilen zu k├Ânnen. Das Lob vom Trainer steht da ziemlich an erster Stelle. Ihn nicht entt├Ąuscht zu haben, macht mich sehr gl├╝cklich.

Gab es Durststrecken, R├╝ckschl├Ąge, Krisen innerhalb des vergangenen Jahres, bei deren Bew├Ąltigung Ihnen das Laufen helfen konnte?

Ja, die gab es. Es ist jetzt schon einige Monate her, als es einem mir sehr nahe stehenden Menschen gesundheitlich sehr schlecht ging. Ich musste um sein Leben bangen. Die Ohnmacht, nicht mal ansatzweise helfen zu k├Ânnen, machte mir ├╝ber Wochen und Monate sehr zu schaffen.

Das Laufen half mir ungemein, diese Situation zu ertragen und zu verarbeiten. Und es waren wirkliche Freunde da, die ich in diesem Jahr durch die Heldenstaffel kennengelernt habe, die mir ein offenes Ohr schenkten. Es hat sich alles zum Guten gewendet.

Wie geht es weiter? Was gibt es f├╝r Sie nach einem Marathon?

Den Marathon habe ich, dank der guten Vorbereitung, sehr gut ├╝berstanden. Mir geht es gut wie lange nicht und ich stecke wieder voller Tatendrang. Jetzt die Beine hochlegen, ich m├╝sste mit einem Klammersack gepudert sein. Mit fast sechzig steht der Spa├č am Laufen im Vordergrund, aber mit einem Auge schiele ich schon auf die gelaufenen Zeiten. Ich habe im Laufe des Jahres zw├Âlf Kilo abgenommen, wiege aber noch immer etwas zu viel.

Ich habe mein Potenzial bestimmt noch nicht ausgesch├Âpft. Im Oktober gibt es noch den M├╝ggelsee-Halbmarathon, den ich als Saisonabschluss ins Auge gefasst habe. Seit Kurzem begleitet mich mein j├╝ngster Sohn gelegentlich beim Training.

Er hat mich beim Marathon ordentlich angefeuert und m├Âchte beim M├╝ggelseelauf seinen ersten Zehn-Kilometer-Wettkampf bestreiten. Vielleicht bleibt er bei der Stange. F├╝r den Halbmarathon 2018 bin ich angemeldet und wenn das Losgl├╝ck mit mir ist, dann auch wieder der Gro├če im September.

Vorsichtig lieb├Ąugle ich ja mit dem Jubilee Club, der zehn Teilnahmen beim Berlin-Marathon erfordert. Aber alles Schritt f├╝r Schritt. Es darf also alles so weitergehen.

 

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