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02. Sep. 2011 | Kategorie: Promi-Interviews

Rüdiger Grube mit Achim Achilles beim Lauf durch Berlin: "Diese Jagd nach Sekunden ist mir fremd" (Foto: Marco Urban)
Er ist einer der mächtigsten Wirtschaftsbosse Deutschlands – und er ist Läufer: Bahnchef Rüdiger Grube trainiert fast jeden Tag, mindestens 10 Kilometer. Natürlich fand auch das Interview mit Achim Achilles beim Laufen statt.
Rüdiger Grube läuft. In knapp 40 Jahren hat er die Welt mehr als dreimal umrundet. Er trägt keine Pulsuhr, hat noch nie einen Trainingsplan befolgt, aber rennt fast jeden Tag, mindestens 10 Kilometer, im Urlaub auch schon einmal einen Marathon. „Wer läuft, trifft bessere Entscheidungen“, sagt der Bahnchef. Sein neongrünes Leibchen ist abgewetzt, das Logo bröckelt langsam von der Hose, die Socken stammen aus dem Fünferpack. Nur die Schuhe sind hochwertig, darauf achtet seine Frau, wegen der Gelenke.
Der Bahn-Chef wohnt unweit seiner Arbeitsstätte am Potsdamer Platz. Häufig läuft er ab sechs Uhr durch den Tiergarten, an der Spree entlang, fast nie unter einer Stunde. Das Handy hat er immer dabei, „wenn irgendwas sein sollte. Wie ein Arzt. Immer in Bereitschaft. Außerdem kann ich Ideen festhalten. Ist ja ein Diktiergerät.“
Dr. Rüdiger Grube wurde 1951 in Hamburg geboren. Nach der Ausbildung zum Metallflugzeugbauer studierte er zunächst an der Fachhochschule Fahrzeugbau und Flugzeugtechnik, später Berufs- und Wirtschaftspädagogik an der Uni Hamburg. Nach der Promotion 1986 und beruflichen Stationen bei Airbus und der Daimler-Benz Aerospace kam er 1996 als Senior Vice President und Leiter der Konzernstrategie zur Daimler-Benz AG. Seit 2001 war er im Daimler-Vorstand verantwortlich für das Ressort Konzernentwicklung sowie seit 2004 für alle Nordostasien-Aktivitäten. Seit dem 1. Mai 2009 ist er Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Bahn und der DB Mobility Logistics. Dr. Grube ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Seit 40 Jahren läuft er fast jeden Morgen mindestens eine Stunde. (Foto: Deutsche Bahn AG)
Achim Achilles: Herr Grube, was entgegnen Sie dem aufgebrachten Steuerzahler, der sagt: Die Bahn hat jede Menge Probleme, aber der Chef denkt vor allem an seine persönliche Fitness?
Rüdiger Grube: Erstens halte mich damit gesund. Zweitens bin ich viel undisziplinierter am Tag, wenn ich nicht laufe. Wenn ich nach dem Laufen nach Hause komme, esse ich nicht dicke Frikadellen, sondern einen Apfel. Das ist mein Frühstück, und ein Kaffee. Und drittens sorgt Laufen für bessere Entscheidungen. Denn gute Entscheidungen brauchen Ruhe und Distanz.
Was läuft unterwegs konkret in Ihrem Kopf ab?
Zuerst die Vergangenheit: Was ist gestern gewesen? Wem hattest Du noch was versprochen? Dann kommen aktuelle Sachen, Strategisches, Erklärungen, Konferenzen. Und natürlich große Themen wie letztes Jahr die Arriva-Übernahme. Ein Unternehmen mit 47.000 Mitarbeitern. Da denk ich mir: Mensch, macht das Sinn? Was bedeutet das für unsere Leute? Passt das zu uns, zu unseren Zielen?
Ist das von der Qualität her ein anderes Nachdenken als im Büro?
Ja, weil ich beim Laufen nicht abgelenkt bin. Ich bleibe viel länger bei einem Gedanken, ich komme tiefer. Im Büro bitte ich zwar um Ruhe, aber wenn der Herr Minister Ramsauer anruft, dann wird natürlich durchgestellt.
Ruft er oft an, der Ramsauer?
Wir reden recht häufig.
Eher laut oder eher gediegen?
Kollegial. Im ersten Aufwallen bin ich geneigt, sofort einen Kommentar zu allem und jedem abzugeben. Wer läuft, der lernt schweigen. Einfach mal zuhören, ein wenig nachdenken, und nicht immer sofort losquatschen. Wenn ich gelaufen bin, bin ich gelassener. Diese viele Energie, die ich nun mal habe, aber gar nicht immer brauche, die ist weg. Laufen kühlt mich runter auf ein entspannteres Energieniveau.
Ihre Mitarbeiter merken, wenn Sie nicht gelaufen sind?
Das kann gut sein. Deswegen ist es schön, dass bei unseren Vorstandsklausuren manche Kollegen auch einmal mit rennen. Wenn ich meine gute Laune auf mein Team übertrage, dann hat das eine Effizienz, die können wir gar nicht bezahlen.
Können Wettbewerbsmenschen wie Sie einfach so laufen, ohne Ziel, ohne Zeitnahme, ohne Pulskontrolle, ohne Bestzeitjagd?
Ich bin ein meditativer Typ, ein überzeugter Alleine-Läufer. Zweimal im Jahr laufe ich mit Mitarbeitern, auch mal Marathon, aber diese Jagd nach Sekunden ist mir fremd. Wenn ich aber an der Spree einen Läufer vor mir sehe, dann ziehe ich natürlich an. Den will ich überholen, klar.
Ein alter Läuferspruch lautet: Wenn beim Aufstehen nichts wehtut, ist man tot. Wo schmerzt es bei Ihnen? Meniskus? Hüfte? Achilles-Sehne?
Nichts. Gar nichts. Ich gehe alle Vierteljahr zum Osteopathen, aber nur, weil meine Frau sagt, das ist gut.
Das sind doch die, die an den Füßen herumdrücken, und dann tut´s an den Rippen weh. Glauben Sie an so was?
Ich fühle mich einfach besser danach, dann kann der Besuch beim Osteopathen nicht falsch gewesen sein.
Läufer sind oft zahlengetriebene Menschen, die jeden Meter protokollieren. Sie sind auch ein Zahlenmensch. Warum beim Laufen gerade nicht?
Vielleicht gerade, weil ich im Job so viele Zahlen habe. Diese eine Stunde will ich einfach mal keine Zahlen. Es ist mir schlicht egal, zumal ich immer in anderer Verfassung bin. Ich brauche für die gleiche Strecke mal fünf Minuten mehr, mal fünf weniger. Und manchmal gehe ich drei Minuten, wenn eine Aussicht schön ist oder die Strecke zu steil wird. Da habe ich keinen falschen Ehrgeiz. Ich will ja meine Gesundheit nicht ruinieren.
Kennen Sie Ihr aktuelles Gewicht?
Klar. 71 Kilogramm. Bei 76 gehen die Alarmglocken los. Da muss ich dann ein paar Mal mehr meine 20 Kilometer laufen, dann verliere ich wieder Gewicht.
Sie sind ja schlimmer als Heidi Klum.
Junger Mann, im Alter werden Sie merken, dass jede kleine Sünde sofort anschlägt. Der Körper braucht einfach weniger. Fassen Sie mal an hier (er kneift sich in die Hüfte). Sie werden erschrocken sein, wie viel sich da noch versteckt. Ich verkneife mir vieles nach 17 Uhr.
Das klingt nach einsamen Abenden. Sie sind gerade 60 geworden. Sollten Sie nicht langsam das Leben genießen und auf Golf umsteigen?
Im Gegenteil: Das Laufen gibt mir Kraft. Das ist Genuss pur. Wenn ich vor meinem Arbeitstag bereits was geleistet habe, fühle ich mich wohler, dann esse ich sogar Grünzeug mit etwas mehr Freude, weil ich ein positives Körperbewusstsein habe. Sobald ich merke, dass etwas nicht stimmt, reduziere ich die Lauferei umgehend. Meine Frau kommt aus der Medizin und sagt: Eine Stunde Schlaf ist wichtiger als zwei Stunden Laufen.
Und Sie gehorchen?
Klar, so wie jeder Ehemann. Zumindest vorübergehend. Wenn ich freitags abends spät nach Hause komme, dann lechze ich geradezu danach, Samstag früh an der frischen Luft meinen Lauf zu machen, allein zu sein, mich zu sortieren, den Zeitplan für den Tag zu studieren, weil man bei diesem Job selbst die Zeit, die man zuhause ist, einteilen muss.
Im zweiten Teil des großen Interviews: Welche Idole Rüdiger Grube als Kind hatte, warum Helmut Schmidt mit dem Hubschrauber auf dem Dach seiner Schule landete und in welcher Großstadt der Bahnchef lieber nicht laufen geht.

