"Die Lust auf Fu├čball war st├Ąrker als die Angst vor Bomben"

Geschrieben von: David Bed├╝rftig

Vom Fl├╝chtling zum Fu├čballprofi ÔÇô Vedad Ibisevic, Kapit├Ąn von Hertha BSC, floh einst aus Bosnien. Im Interview erz├Ąhlt er, wie er trotz Bomben Fu├čball spielte und warum Sport f├╝r Fl├╝chtlinge so wichtig ist.

Achim-Achilles.de: Vedad, du selbst musstest in deiner Kindheit und Jugend vor den Bomben im Bosnienkrieg fl├╝chten: Verstehst du die Sorgen und W├╝nsche der Fl├╝chtlinge hier in Deutschland?

Vedad Ibisevic: Viele der heutigen Fl├╝chtlinge kommen aus einer anderen, weiter entfernten Ecke der Welt, wodurch der Kulturschock sicher etwas gr├Â├čer ist als bei mir damals. Aber ich verstehe ihre Bed├╝rfnisse. Meine Eltern wollten damals auch einfach ein besseres Leben f├╝r ihre Kinder. Das ist etwas Universelles, es fl├╝chtet ja keiner freiwillig. Ein Menschenleben ist ├╝berall gleich viel wert: Egal ob hier, in Syrien, oder in Bosnien. Jeder verdient eine faire Chance.

Heute erleben wir restlos ├╝berf├╝llte Fl├╝chtlingsboote im Mittelmeer und riesige Aufl├Ąufe Gefl├╝chteter an verschiedenen EU-Grenzen. Welche Erinnerungen hast du an deine Flucht?

Ich habe noch alles im Kopf. Als bei uns Krieg herrschte, war es sehr schwer, gl├╝cklich zu sein. Das war wie ein schwarzes Loch. Wir mussten uns ein paar Wochen im Wald verstecken. Mit Verwandten, Familien, kleinen Kindern. Dann sind wir mit Bussen aus meiner Heimat nach Tuzla im Norden von Bosnien gebracht worden. Aber das war Zufall, denn eigentlich standen wir nicht auf der Liste und durften gar nicht in den Bus. Wir hatten einfach Gl├╝ck, das Ganze zu ├╝berleben.

"Auf einmal haben wir alles verloren"

Wie ist das, wenn das eigene Leben und das der Familie von einem Tag auf den anderen in Gefahr ist?

Wir haben damals in Bosnien ein ganz normales Leben gef├╝hrt. Meine Eltern haben gearbeitet, wir sind in die Schule gegangen ÔÇô und auf einmal haben wir alles verloren. Das war sehr hart. Und es war ja nicht unser Fehler. Dieselbe Situation haben wir heute: Die Fl├╝chtlinge k├Ânnen nichts daf├╝r, dass auf einmal der Krieg ausbricht und sie um ihr Leben k├Ąmpfen m├╝ssen.  

Du bist aus Bosnien nach dem Krieg weiter in die Schweiz und dann in die USA geflohen. Wie f├╝hltest du dich als Neuling?

Die erste Zeit ist besonders schwer, da leidet man auch unter einem Kulturschock. Man muss alles verarbeiten ÔÇô das geht nicht von heute auf morgen. Es ist unglaublich wichtig, die Sprache zu lernen und die neuen Menschen und ihre Kultur zu verstehen. Dann geht einiges einfacher. Man muss motiviert und am Ball bleiben.

"Fu├čball war mein Weg, Leute kennenzulernen"

A propos Ball: Welche Rolle hat f├╝r dich als Fl├╝chtling der Fu├čball gespielt?

In Tuzla habe ich entdeckt, dass Fu├čball mein Ding ist und ich habe dadurch Freunde gefunden. Das ging immer schneller ├╝ber den Sport. Auch sp├Ąter war Fu├čball immer mein Weg, um Leute kennenzulernen und mich in die Gesellschaft zu integrieren.

Kicken im Krieg ist nicht gerade einfach.

Als Tuzla bombardiert wurde und wir gerade Fu├čball spielten, haben wir uns immer kurz versteckt. Wenn zehn Minuten lang keine Bomben mehr gefallen sind, spielten wir einfach weiter. Krieg ist eine schlimme Sache, aber als Kind haben wir durch den Fu├čball Wege gefunden, uns frei zu f├╝hlen, kurz die Probleme zu vergessen und das Leben zu genie├čen. Die Lust, Fu├čball zu spielen war st├Ąrker als die Angst vor Bomben.

Erinnerst du dich noch an dein erstes Paar Fu├čballschuhe?

(Denkt lange nach) Irgendwann haben mir Verwandte aus dem Ausland ein paar benutzte Fu├čballschuhe geschickt, die mir viel zu gro├č waren. Ich habe vorne Papier reingestopft und sie trotzdem getragen. Sp├Ąter gingen sie kaputt. Ich zog mir also Plastikt├╝ten ├╝ber die F├╝├če, bevor ich in die kaputten Schuhe schl├╝pfte, um auch im Schnee spielen zu k├Ânnen.

"Auf schlechte Zeiten folgen gute Zeiten"

Fl├╝chtlinge leiden in ihren Notunterk├╝nften oft darunter, keine Bewegungsm├Âglichkeiten zu haben. Inwiefern kann Sport den in Deutschland lebenden Fl├╝chtlingen helfen?

Es ist wichtig, den K├Ârper in Bewegung zu halten, um gesund zu bleiben. In diesem Sinne hilft Fu├čball. Ich wollte immer drau├čen unterwegs sein, laufen und kicken. F├╝r mich war Fu├čball eine Methode, um aus jeder noch so schwierigen Situation doch ein wenig Spa├č herauszuholen. Und du kannst nicht alleine spielen, der Sport bringt also Leute zusammen. Und vielleicht hilft es den Fl├╝chtlingen, so die Hoffnung nicht zu verlieren. Im Leben ist es wie im Fu├čball: Auf schlechte Zeiten folgen gute Zeiten. Du musst einfach optimistisch bleiben.

Du engagierst dich pers├Ânlich, um Fl├╝chtlingen unter die Arme zu greifen.

Ich versuche immer zur├╝ckzugeben. Das ist eine Pflichtaufgabe f├╝r mich. In Bosnien kaufe ich B├Ąlle f├╝r Fu├čballvereine, schenke einer Familie einen neuen Traktor, oder baue ein Haus. Auch in Deutschland m├Âchte vermehrt anpacken und unterst├╝tze GoVolunteer, einen Verein, der Fl├╝chtlingshilfe vereinfacht und Hilfsprojekte verwirklicht.

 

Zur Person: Vedad Ibisevic, bosnischer Fu├čballnationalst├╝rmer bei Hertha BSC, fl├╝chtete im Bosnienkrieg erst innerhalb des Landes, dann in die Schweiz und die USA. Heute engagiert sich der Profi in seinem Heimatland sozial und unterst├╝tzt in Deutschland die Online-Plattform f├╝r Fl├╝chtlingshilfe GoVolunteer.

 

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