Über die Alpen: Gewitterwolken, Bettenlager und Panoramablick

Geschrieben von: Lina Luftig

Lina Luftig hat es tatsächlich geschafft: Die Achilles-Bloggerin hat mit einer Freundin die Alpen überquert – und einiges erlebt: Enge Bettenlager und atemberaubendes Panorama, 3-Minuten-Warmduschen und Gewitterwolken, steile Aufstiege und irre Abstiege. Aber es hat sich gelohnt.

Wir haben viel gelacht. Geweint? Nein, das haben wir nicht, aber dafür manchmal geschimpft wie die Rohrspatzen. Wir waren stolz wie Bolle auf uns, manchmal auch sprachlos und am Ende des Tages können wir jetzt also sagen: Jawohl, wir haben die Alpen überquert und sind zu Fuß von Oberstdorf nach Meran gelaufen.

Wie viele Kilometer und Höhenmeter das jetzt genau waren, da streiten sich die Geister. Es waren auf jeden Fall genug. Und das Beste daran: Wir sind tatsächlich wieder unversehrt angekommen, auch wenn ich auf einigen Fotos etwas lädiert aussehe (das liegt am ungünstigen Licht). Obendrein sind wir jetzt fit wie ein Turnschuh, oder besser gesagt wie ein Trekkingschuh.

Geschnarche, Rumgekruschtele und Warmduschen

Es fing alles ganz locker an: Mit der Bahn nach Oberstdorf fahren, dann vier gemütliche Stunden Aufstieg zur Kemptner Hütte. Zum Einstieg sind das gleich mal 1000 Höhenmeter, aber wir wollen schließlich auch Sport machen. Die Sonne brennt uns unermüdlich auf den Kopf. Nach einer halben Stunden ist unser neues schickes Sportdress einmal klatschnass geschwitzt, Staub klebt auf unserer Haut, es weht kein Lüftchen.

Hätte ich doch bloß ein Shirt mehr mitgenommen, denk ich mir. Auf der Kemptner Hütte war ich schon einmal, daher ermuntere ich meine Freundin mit den Worten „Hinter der nächsten Kurve müsste sie sein." Im weiteren Verlauf unserer Wanderung darf ich das nicht mehr sagen, da ich mich damit sehr unbeliebt mache. Ich weiß gar nicht warum.

Am ersten Hüttenabend ist alles noch etwas ungewohnt – die vielen Leute auf engstem Raum, das Geschnarche in den Bettenlagern, das Schlangestehen vor der Drei-Minuten-Warmdusche und das morgendliche Rumgekruschtele mit den Rucksäcken. Aber an diesen Rhythmus gewöhnen wir uns sehr schnell.

Am zweiten Tag sind wir Bummelletzter, da wir erst um acht Uhr losgehen. Ja genau, morgens in der Früh. In den Bergen weht da ein ganz anderer Wind. Frühstück gibt's meist ab 6 Uhr, Hüttenruhe ist um 22 Uhr. Aber solange schaffen wir es meistens nicht, da wir todmüde um 21 in unsere Kojen fallen.

Morgens gehen wir wie eine große Entenfamilie hintereinander aufgereiht los, aber im weiteren Tagesverlauf entzerrt sich die Truppe. Jeder hat sein eigenes Tempo, macht seine eigenen Pausen. Abends gibt es dann immer ein großes „Hallo" mit bekannten Gesichtern und neuen Tagestouris.

Manchmal ist es schlauer, mit dem Taxi zu fahren

Der zweite Tag soll einer der längsten werden. Wir sind auf den Weg zur Memminger Hütte, laut Reiseführer benötigen wir dafür neun Stunden. Beim Abstieg ins Tal laufen wir ein Stück mit einem Vater-Sohn-Gespann. Der Vater will uns dazu überreden ein Stück mit dem Taxi zu fahren, was wir selbstverständlich dankend ablehnen.

Am zweiten Tag schon mit dem Taxi fahren – das geht ja gar nicht. Rückwirkend betrachtet wäre das allerdings besser gewesen. So hätten wir uns eine nicht enden wollende Teerstraße bei abartiger Hitze gespart und wären vermutlich nicht so von Bremsen zerfressen worden. Aber hinterher ist man immer schlauer.

Insgesamt sind wir zu siebt an diesem Tag die komplette Strecke über Holzgau und Madau zur Memminger Hütte gelaufen. Ziemlich platt waren wir, die Stimmung drohte auf den abschließenden 800 Höhenmetern zu kippen. Aber als dann tatsächlich die Hütte vor uns auftaucht, sind alle Strapazen vergessen und der Respekt der anderen taxifahrenden Hüttenbewohner ist uns sicher.

Meine persönliche Horrorstrecke soll die dritte Etappe werden, so denke ich zumindest. Auf dem Programm stehen nach den 200 Höhenmeter aufwärts satte 1800 Höhenmeter runter. Ich zähle eher zu den Hochläufern, das könnte ich stundenlang machen. Runter muss man immer so aufpassen, dass man nicht wegrutscht und früher oder später melden sich meist die Knie.

Daher startete ich mit gemischten Gefühlen. Ich genieße den steilen Aufstieg in vollen Zügen. Wir machen gefühlte 1000 Fotostopps, das Panorama ist einfach atemberaubend und begeistert auch meine Freundin. Die Hütte, die gestern Abend noch unsere Oase in der Wüste war, wirkt von weitem betrachtet wie ein kleines verlorenes Playmobil-Haus.

Wie Hänsel und Gretel – nur ohne Pfefferkuchen

Die Seescharte ist mit 2425 m unser höchster Punkt für den Tag, den wir mittels gesicherter Passagen überwinden. Sehr abenteuerlich mit dem ganzen Gepäck, aber machbar. Dann liegt er vor mir – der irre Abstieg durch ein zugegebener Maßen fotogenes Tal bis hin zum Talort Zams.

Das erste Stück ist sehr steil und geröllig, so dass man sich gar nicht auf de Ausblick, sondern nur auf den Weg konzentriert. Es ging dann aber doch besser als gedacht, wir überholen sogar ein paar Mitwanderer. Immerhin stecken mir jetzt schon zwei Wochen, meiner Freundin immerhin drei Tage Wandern in den Beinen. Aber es läuft, wunderbar!

An der Unterlochalm, die wir nach vier Stunden erreichen, kredenz der urige Hüttenwirt uns zwei überdimensionierte Käsebrote. Die Hütte steht bereits wieder im Wald, so ein bisschen wir bei Hänsel und Gretel nur ohne Pfefferkuchen und ein bisschen wärmer. Das Thermometer zeigt 28 Grad und das auf 1500 Metern.

Bis nach Zams sollen es noch zwei Stunden werden, easy denke ich. Allerdings lernen wir, dass, wenn es eine Warnung im Reiseführer gibt, man diese durchaus auch ernst nehmen sollte. Von „heizt sich auf" war da die Rede. Das war untertrieben, wir wurden quasi gegrillt auf den Weg runter ins Tal.

Der Weg an sich ist schön, ein leichter Pfad mit angenehmer Steigung. Allerdings laufen wir in der prallen Sonne, der Kessel hat sich auf gefühlte 40 Grad aufgeheizt, so dass uns nach einiger Zeit sogar das Wasser ausgeht. Das ist für mich die schlimmste Etappe, hier gehen wir körperlich trotz leichtem Gelände an unsere Grenzen.

Den anderen ging es ähnlich. Immer wieder kommen wir an vertrocknet aussehenden Sportlern vorbei, die um einen Mini-Schattenplatz buhlen. Kurz bevor wir dann nach einer Ewigkeit im Tal ankommen, denke ich bei mir, dass es sehr clever wäre, wenn jetzt dort ein Eisverkäufer am Wegesrand warten würde. Und siehe da – es wartet tatsächlich eine schäbige Imbissbude mit kalten Getränken auf uns. Der macht da definitiv das Geschäft seines Lebens.

Wer also diese Etappe geht, sollte wirklich früh losgehen, damit er nicht um die Mittagszeit im Zamser Loch landet. Müsste ich die Strecke nochmal gehen, würde ich spätestens um 4 Uhr in der Früh losgehen.

Speedhiking gegen Gewitterwolken

In Zams ließen wir uns mit der Gondel auf die Skihütte fahren. Hier erleben wir puren Luxus: Als ich nach einer Duschmarke fragte, ernte ich vom Hüttenpersonal nur ein leicht belustigtes „Mädel, du bist hier in der Zivilisation, hier brauchst du keine Duschmarke".

Wow – ihr könnt euch vorstellen, wie unser Abend nach diesem schweißtreibenden Tag aussah. Wir duschen eine gefühlte halbe Stunde. Toll. Sogar unsere Wäsche wird gewaschen. Sauber war sie danach zwar nicht, roch aber tatsächlich wieder frisch.

Unser nächster Ziel heißt Braunschweiger Hütte. Nicht nur die Wege sind bis dahin sehr abwechslungsreich, von steil bis sanft steigend über Waldpfade und Geröllpassagen. Auch unser Wanderstil schlägt an dem Tag eine neue Richtung ein. Die Strecke bis zur Braunschweiger Hütte ist mit neun Gehstunden ebenfalls sehr lang.

Eigentlich kein Thema, wäre nicht für den Nachmittag Gewitter angesagt. Der Hüttenwirt rät uns, die Beine in die Hand zu nehmen, um möglichst vorher die Hütte zu erreichen. So laufen wir schweren Herzens nicht über das Kreuzjoch, sondern wählen die kürzere Panoramavariante nach Wenns.

Die Bezeichnung macht ihren Namen alle Ehre, das Panorama ist traumhaft, der Weg einfach auch ohne anstrengende Steigungen, so dass wir tatsächlich ordentlich Gas geben konnten. Ich fands ein bisschen schade, dass wir so über den Weg heizen mussten, aber bei Gewitterankündigungen klingeln bei mir alle Alarmglocken. Zumal der große Aufstieg noch bevorsteht.

Von Wenns sind wir außerdem auf den Bus/ ein Taxi angewiesen, was uns nach Mittelberg ins Pitztal fährt. Nicht, dass ihr denkt, wir wollen schummeln. Das ist ein gängiges Prozedere auf dem Weg, was sogar im Reiseführer so empfohlen wird. Sicher hätte man den Weg auch laufen können. Er ist aber unspektakulär im Tal und hätte einen ganzen Tag gekostet, daher haben wir gern darauf verzichtet. Zumal wir uns auch schon das Taxi in Holzgau gespart haben.

Angekommen in Mittelerde, ach nein, Mittelberg, ziehen sich auch die von mir gefürchteten dunklen Haufenwolken unaufhörlich zusammen, so dass wir unser Tempo noch weiter erhöhen. Was durch die Wegbeschaffenheit dann rasch wieder ausgebremst wird – einige Kraxelpassagen zwingen uns Hände und Füße einzusetzen.

Da kann von „schnell" dann keine Rede mehr sein. Ich dachte dann mehrmals erleichtert, dass es zum Glück keine Haltungsnoten für unseren Aufstieg gibt und frage mich, wie die Gämsen das eigentlich schaffen, so galant den Berg hochzuspringen. Ende von unserer Speedhiking-Tour ist, dass wir nur drei Tropfen abbekommen haben und es natürlich nicht gewittert hat.

Allerdings sind wir doppelt so schmutzig und verschwitzt wie an den anderen Tagen. Dafür gibt´s dann ein triefendes Käseomelett mit ganz viel fettigem Käse zur Belohnung. Was für ein Tag!

---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Mit freundlicher Unterstützung von:

 leki-logo

 ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

 

Auf der nächsten Seite: Drei weitere Etappen: stolz und wehmütig


Prev Next »

Weitere Seiten

 

 

Rectangle Trainingsplan