Wandern oder Laufen? Das ist hier die Frage …

Geschrieben von: Lina Luftig
Lina, der Wanderfan, hat das Laufen erprob

Lina Luftig wandert eigentlich, manchmal läuft sie aber auch. Und ganz manchmal geht sie sogar richtig fremd und läuft bei einer Laufveranstaltung. So wie beim Halbmarathon in München, wo sie ziemlich zufrieden war mit ihrer Leistung.

Ja, ich habe es getan! Ich bin kurzzeitig unter die Läufer gegangen und beim Münchner Halbmarathon gestartet. Verrückt, ich bin sogar angekommen und das in einer ganz respektablen Anfängerzeit von 2:00:08.

Ich bin da ziemlich stolz drauf und nein, ich rechtfertige jetzt nicht die acht Sekunden. Ich stand einfach im Stau, kennt man ja bei Laufveranstaltungen. Zudem kam der starke Gegenwind.
Man muss auch einfach mal zufrieden sein mit seiner Leistung, das bin ich!

Schließlich bin ich nach wie vor kein Läufer, sondern ein Wanderer. Warum ich mich dann auf den Asphalt verirrt habe? Das ist eine durchaus berechtigte Frage.

Der Halbmarathon – eine außergewöhnliche Erfahrung

Schuld war ein verregneter Sonntagnachmittag. Während ich auf dem Sofa saß und über meinen Bergsommer nachdachte und in Erinnerungen von Alpenüberquerung und Dolomitenhöhenweg schwelgte, kam mir plötzlich der Gedanke.

Der Wunsch nach einem weiteren sportlichen Projekt 2015 gepaart mit aufgebrauchten Urlaubstagen, stressigem Alltagstrott und dem bereits vorhandenem Sportequipment machten die Entscheidung dann plötzlich ganz leicht. Ein Halbmarathon sollte es werden.

Im Nachhinein kann ich sagen: Es war eine außergewöhnliche Erfahrung. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich an die 21-km-Distanz wagen würde und dann auch noch so gut finishe. Respekt an alle Läufer, die sich immer wieder in neuen Wettkämpfen mit anderen messen und ihre eigenen Leistungen immer wieder übertreffen. Hat definitiv was.

Bei einem Blick auf die drei Phasen fällt mir die Entscheidung, welche Schuhe ich künftig lieber schnüre, dann aber doch wieder ganz leicht.

Davor: Planungsvorfreude und AusrĂĽstung

Mein neuer an die Küchentür getackerter Lauf-Trainingsplan diktiert mir, dass ich vier Mal wöchentlich trainieren soll und das über einen Zeitraum von sechs Wochen. Das erfordert Disziplin und halbwegs gutes Wetter. Hätte es die ganze Zeit geschüttet, dann hätte ich das wohl kaum durchgehalten. Die Feierabendrunden waren ganz ok und lehrreich.

Heute weiß ich, dass man vor Tempoläufen lieber keine fettige Käsesemmel isst. Durch die langen Wochenendrunden lernte ich auch endlich andere Seiten des Nymphenburger Parks kennen. Äußerst erfreulich: Ich merke schnell konditionelle Fortschritte.

Für meine Alpenüberquerung brauchte ich weder Plan noch Training oder Feierabendrunden mit vollem Magen. Ich wanderte einfach los. Ein definitiver Vorteil dieser Bewegungsart. Es zeigt sich zwar mittendrin, wie fit man ist, aber die Kondition baut sich quasi von allein auf. Man ist einfach nicht so getrieben von Zeiten und Zieleinläufen. Der Weg ist eben das Ziel. Dafür schüren die Strecken-Planungsabende die Vorfreude enorm.

Außerdem gibt es einen ganz klaren Trainingsvorteil beim Trekking: Durch meinen meist zu schwer gepackten Rucksack gibt’s nach einer Woche einen Ansatz von Mini-Sixpack. Vorne muss schließlich Muskulatur aufgebaut werden, damit die Last hinten gehalten werden kann. Diesen Effekt hatte ich beim Joggen definitiv nicht. Meine erhöhte Gummibärchenration zeichnete sich in der Bauchregion leider etwas ab. Deswegen macht ihr Läufer als zusätzlich Stabis.

Parallelen gibt’s bei der Ausrüstung: Sowohl beim Wandern als auch beim Asphaltflitzen sind die Schuhe das Wichtigste. Passen diese nicht, hast du auf ganzer Linie verloren. Ich schwöre auf Hanwags und Asics, meine Füße lieben diese Treter.

Währenddessen: Naturpanoramen versus grauer Asphalt

Das ähm Vergnügen(?) eines Halbmarathons ist zeitlich dann doch sehr beschränkt. Maximal zwei Stunden, bei Geübten sogar weitaus weniger, wetzt man zusammen mit anderen schwitzenden Laufverrückten oder denjenigen, die eine Wette verloren haben, über Asphalt. Gut, die Möglichkeit auf der Leopoldstraße zu laufen, habe ich auch nicht alle Tage.

Das Ambiente des Laufes war dann aber doch sehr grau, urban und laut. Je dichter das Ziel, desto lauter die Schnauf- und Keuchgeräusche neben mir. Außerdem wuchsen die Menschenmassen, die uns vom Straßenrand zujubelten immer weiter an. Aber die kennen mich doch gar nicht, warum jubeln die denn? Irgendwie lustig und durchaus anspornend.

Wenn ich die Berge hochgehe, dann schnauft niemand neben mir. Es jubelt aber auch keiner. Das wäre auch irgendwie schräg. Das würde nur vom tollen Ambiente ablenken. Im Gegensatz zu dem urbanen Grau der Stadt genieße ich die Ruhe und Grüne in den Bergen.

Der Panoramapunkt geht definitiv zu Gunsten des Wanderns. Gut, man braucht auch länger. Aber Folgetermine kann man auch nach einem kürzeren Halbmarathon am selben Tag dann auch nicht mehr wahrnehmen.

Der Zieleinlauf beim Münchner Halbmarathon hat mir tatsächlich eine Gänsehaut verschafft. Was für ein Gefühl durch das alte Marathontor ins Olympiastadion zu laufen. Mit großem Tamtam, Musik und Anmoderation wurden wir empfangen. Ein netter Mann hängte mir eine Medaille um den Hals.

Auf dem Gipfel gibt es keine Musik und keine Medaillen, dafür Ruhe, Weite, Gipfelkreuze und käsestullenessende Touristen. Ich habe Zeit, über meinen Aufstieg nachzudenken und darüber, was ich aus eigener Kraft geschafft habe. Nach dem Halbmarathon halte ich mich nicht lange im Stadion auf. Es ist kalt ist und ich will einfach nur die Beine hochlegen.

Danach: Trophäentaumel, Endorphine und Regeneration

Manchmal muss man der Realität ins Auge blicken: Sport tut einfach weh. Spätestens zwei Tage danach, wenn der richtig fiese Muskelkater erwacht. Durch die 21 Kilometer Asphalt konnte ich am zweiten Tag tatsächlich kaum noch laufen. Zum Glück gibt’s flache Schuhe und Voltaren. Das hat mir keiner gesagt, dass das so schlimm wird.

Dafür hängt jetzt eine Medaille an meiner Tür, Kollegen und Freunde kamen auf mich zu, um mir fröhlich zu gratulieren. Dafür, dass ich mich halb kaputt gelaufen habe? Gefreut hab ich mich natürlich trotzdem.

Komisch, wenn ich von einer Bergtour wieder komme, klopft mir keiner auf die Schultern. Vielleicht liegt das daran, das Wandern nicht ganz so schmerzt. Deswegen hängt einem auch keiner am Gipfelkreuz eine Medaille um.

Nach einer ausgedehnten Bergtour sinke ich meist wohlig erschöpft aufs Sofa, habe manchmal ein kleines Zwicken in den Oberschenkeln am Folgetag, könnte aber sofort wieder losmarschieren. Aber wenn das alles so einfach ist frage ich mich, warum nicht alle in die Berge gehen. Auch Trekking ist herausfordernd, nur steht man dabei nicht so sehr unter Beobachtung und Zeitdruck.

Diese zum Teil übertriebene Leistungsorientierung beim Laufen schreckt mich dann doch irgendwie ab. Man hätte ja auch langsam durch München laufen können, um die Umgebung zu erkunden, aber irgendwann wird schließlich der Zieleinlauf geschlossen.

Die Gipfelkreuze haben nie zu, nicht mal nachts. Das nenn ich mal Flexibilität – in den Bergen kann ich Sport machen, meine Grenzen immer wieder neu ausloten und trotzdem weiterhin mein Tempo vorlegen.

Laufen muss ich trotzdem nochmal. Ihr wisst schon, die 8 Sekunden...

Fotos Lina Luftig: Wandern oder Laufen?

 

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