"Kenianer haken das Training immer als gut ab"

Kategorie: Lauf-Training
Erstellt: Mittwoch, 01. Februar 2012 12:02
Geschrieben von: Frank Joung

Marcel Fehr gehört zu den größten deutschen Laufhoffnungen. Der 19-Jährige Mittelstreckenläufer hat gerade einen Monat Höhentraining in Kenia absolviert. Im Interview beschreibt er, warum Kenianer so schnell sind und was die besten Läufer der Welt nicht können.

Achim-Achilles.de: Herr Fehr, warum laufen Afrikaner so viel schneller als der Rest der Welt?

Marcel Fehr: Ein wichtiger Aspekt sind die körperlichen Voraussetzungen. Mein Trainer und ich haben noch nie so viele große und nach unseren Maßstäben fast untergewichtige Menschen gesehen wie in Kenia. Die sind fürs Laufen geboren. Kein Gramm Fett und den ganzen Tag auf den Beinen. Ich durfte vier Wochen lang mittrainieren und habe alles gemacht, was die kenianischen Läufer auch machen. Das waren tolle Erfahrungen.

Haben Sie das Geheimnis der Kenianer gelüftet?

Marcel Fehr, Jahrgang 1992, ist amtierender Deutscher Jugendmeister auf 3000 und 5000 Metern und gehört zu den größten deutschen Laufhoffnungen. Bei der U-20-WM in kanadischen Moncton belegte der 19-Jährige den 6. Platz über 1500 Metern. Dieses Jahr wechselt er zu den Männern. Ende 2011 verbrachte er einen Monat in Kenia. Momentan laboriert er an einer langwierigen Knieverletzung. www.marcelfehr.de.

Die Höhe macht einen großen Unterschied, da bin ich mir sicher. Die Kenianer wachsen in 2000 Metern Höhe auf und sind an die geringen Sauerstoffwerte gewöhnt. Und: Die Läufer haben keine Ablenkung, kein Kino, keine Discos. Die stehen morgens auf und laufen.

Wie kamen Sie mit der Höhenluft zurecht?

Bei meinen ersten Laufeinheiten habe ich geschnauft wie ein Walross, obwohl ich sehr langsam gelaufen bin. Erst nach zehn Tagen hatte ich mich an die dünne Luft gewöhnt.

Wo waren Sie genau?

Ich habe auf der Farm vom ehemaligen Olympiasieger Kipchoge Keino trainiert. Das liegt 30 bis 40 Kilometer entfernt von Iten, wo die meisten ausländischen Trainingsgruppen und auch viele Jogging-Touristen hinfahren. Ich hab mir Iten angeschaut – da tummeln sich 300 Läufer auf den Straßen, bei uns auf der Farm waren es höchstens 20.

Warum trainieren Sie lieber auf einer kleinen Farm als im Läufer-Mekka mit den Stars?

In Iten haben 80 bis 90 Briten trainiert, auch Weltklasseläuferinnen wie Paula Radcliffe. Da sieht man eine Horde Engländer auf der asphaltierten Straße laufen. Sie bleiben nur unter sich, während die Afrikaner auf den Matsch- und Feldwegen trainieren. Das ist so schade: Ich wollte es anders machen und mit Kenianern trainieren und von ihnen lernen.

"Der Trainer schaut nur, ob der Laufstil locker und ökonomisch aussieht"

Und: Trainieren die Kenianer wirklich so viel anders?

Ja, das tun sie. In Deutschland ist es so: Da steht man im Stadion, der Trainer mit der Stoppuhr, dann heißt es: fünf Mal 1000 Meter in 3:20. Alles wird gestoppt und protokolliert. In Kenia sagt der Trainer: fünf Mal eine Meile. Mittleres Tempo. Zwei Hütchen markieren Start und Ziel. Keiner weiß, ob die Strecke wirklich eine Meile lang ist, das ist auch egal. Die Zeit und die Strecke interessieren den Trainer überhaupt nicht. Er schaut nur, ob das Tempo für alle okay ist und dass der Laufstil locker und ökonomisch aussieht. Das Lustige ist: Die Pausen zwischen den Läufen werden gestoppt, die Läufe aber nicht.

Kamen Sie mit dieser Trainingsweise zurecht?

Es war schwer, dieses europäische, zahlengetriebene Denken aus dem Kopf zu kriegen. Ich will immer wissen, wie viel ich laufe, wie schnell ich bin. Aber das schafft auch Druck. Wenn man bestimmte Zeiten nicht erreicht hat, ist man enttäuscht. Die Kenianer haken das Training immer als gut ab. Die machen sich keinen Stress mit Zeitvorgaben.

Trainieren Europäer falsch?

Irgendwas müssen wir falsch machen (lacht). Ich dachte immer, die Kenianer haben sicher tolle Trainingsgeräte, dass sie so schnell rennen. Das Desillusionierende ist, dass es genau andersherum ist. Alles, was wir haben, haben die nicht. Und deswegen laufen sie so gut. Einmal haben wir im Stadion Asbel Kiprop trainieren sehen. Der ist Olympiasieger auf 1500 Meter. Und was macht der? Er läuft im Kreis und zieht einen alten Autoreifen am Seil hinter sich her. Unglaublich.

Fehlt Europäern die richtige Einstellung?

Es gibt überall solche und solche. Aber vor allem die jüngeren Kenianer, die noch nichts erreicht haben, sind sehr fokussiert und tun alles für ihren Traum. Die wollen alle nach Europa und arbeiten hart dafür.

"Hier gibt es nicht so einen Konkurrenzkampf wie in Deutschland"

 Das Konkurrenzdenken muss ziemlich ausgeprägt sein.

Was beeindruckend war und Spaß gemacht hat: Die Kenianer laufen fast immer in der Gruppe. Da wird geguckt, dass man gemeinsam läuft und jeder mitkommt. Da gibt es nicht so einen Konkurrenzkampf wie in Deutschland. Niemand versucht beim Training, die schnellsten Runden zu laufen. Mich haben die sofort integriert. Während des Laufens hatte ich ständig mehrere Finger im Gesicht, die mir den Weg gezeigt haben, damit ich nicht stürze. Das war lustig, wie ein Navigationslauf. Im Wettkampf sieht’s dann anders aus. Da geht’s voll zur Sache.

Konnten Sie mithalten?

Die wussten, dass ich bei der U-20-WM dabei war und hatten Respekt vor mir. Aber mir ist auch bewusst, dass ich im Wettkampf gegen keinen von denen eine Chance gehabt hätte.

Sie sind eines der größten deutschen Nachwuchstalente – und waren der Langsamste?

Ich habe das Gefühl, dass die Kenianer im Training nicht ansatzweise gezeigt haben, was sie können. Wenn man das weiß, wird man demütiger und sagt sich: Noch bist du gar nichts.

Gibt’s auch was, was die Kenianer nicht können?

Ja, koordinativ sind sie nicht die Besten. Beim Seilspringen haben sie mich nicht überzeugt (lacht). Auch Kräftigungs- und Haltungsübungen machen die kaum. Das ist eigentlich erschreckend. Wenn die das auch noch machen würden, was passiert dann?

Interview: Frank Joung

Fotostrecke: Nachwuchsläufer Marcel Fehr in Kenia

 

 

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