Jan Fitschen: Intervall-Läufe mit Kenianern

Kategorie: Lauf-Training
Geschrieben von: Jan Fitschen
kenianer laufen runden

Jan Fitschen, Europameister von 2006 über 10.000 Meter, fliegt regelmäßig nach Kenia. In seinem Buch "Wunderläuferland Kenia" mischt er witzige Anekdoten mit interessanten Begebenheiten. Sehr lustig ist die Geschichte, als Jan ein paar Runden Intervalle mit Kenianern läuft. Das hätte er lieber nicht tun sollen.

Tempoläufe auf Trampelpfaden

Ich begebe mich zum berühmt-berüchtigten Kamariny-Track – der Rundbahn, wo schon unzählige Weltklasseathleten geschwitzt haben, dem Ausgangspunkt so mancher Läuferkarriere. Den Sportplatz mit der Tribüne haben seinerzeit die Engländer gebaut. Hier wird unter für unsere Verhältnisse abenteuerlichen Bedingungen trainiert.

Die Tribüne besteht nur noch aus ein paar morschen Brettern und kann maximal als malerisch bezeichnet werden. Der Hindernisbalken und der dazugehörige Wassergraben erwecken nicht unbedingt den Eindruck, dass auf dieser Bahn die stärksten Hindernisläufer der Welt alle internationalen Rekorde brechen. Alles ist völlig heruntergekommen. Wasser ist natürlich auch keines im Graben, und dass der Balken die offiziell vorgeschriebene Höhe hat, lässt sich bezweifeln.

Quer über den Rasen ziehen sich Trampelpfade, von einer Ecke zur anderen. Hier machen die Athleten ihre Diagonalläufe. Bei den Steigerungsläufen geht es im gemütlichen Tempo los. Nach etwa 50 Metern wird die Frequenz auf 90 Prozent der maximalen Geschwindigkeit erhöht. Diese Schlagzahl behält der Sportler weitere 20 Meter bei, bis er das Ende der Diagonale erreicht hat und wieder ausläuft.

Dieses Mittel setzen Läufer in aller Welt ein, um an der Schnelligkeit und am Stil zu feilen. Die Steigerungsläufe lassen sich auch nach einem Dauerlauf in der Heimat prima ins Training integrieren. Dafür musst du dir nur eine Strecke von ca. 100 Metern Länge aussuchen. Dann locker lostraben und das Tempo steigern.

Das erhöhte Tempo kurz halten und am Ende wieder austrudeln. Dabei versuchen, den Körper aufzurichten, sauber zu laufen und nicht ans Limit zu gehen. Einfach, aber effektiv. Das Lauf-ABC und Ähnliches sind natürlich auch Mittel zur Optimierung des Laufstils.

Diese Methoden sind aber schwerer zu lernen und bedürfen zunächst der Korrektur durchs geschulte Auge eines Trainers.

Kuhfladen & die besten Läufer der Welt

Aber zurück zum Kamariny-Track. Hier grasen an sechs Tagen die Woche Kühe auf dem Feld, die überall ihre Fladen verteilen. Aber heute, wie an jedem Dienstag, ist von den Kühen nichts zu sehen. Heute brennt hier die Luft. Einen Tartanbelag gibt es hier nicht. Wie gewohnt wird auf rotem Sand gelaufen.

Auf Bahn eins haben sich unzählige Schuhe auf kilometerlangen Runden im wahnwitzigen Tempo in den Boden geschliffen. Momentan sind schon etwa 100 Läufer im Stadion und arbeiten daran, die tiefe Furche mit einem kräftigen Abdruck noch mehr auszuhöhlen. Eine solche Ansammlung an Athleten auf diesem Niveau ist wohl an keinem anderen Ort der Welt zu finden. Dabei ist es erst kurz vor neun Uhr. Das ist also erst der Anfang.

Von »meiner« Gruppe ist noch nichts zu sehen. Okay, das war ja klar. So gut kenne ich mich inzwischen schon mit den Gepflogenheiten aus. Die kommen schon noch. Ich gehe deshalb erst etwas später zum Einlaufen. Dann dehne ich mich ein wenig und mache ein paar Steigerungsläufe. Eine ganz normale Vorbereitung, wie bei einem Wettkampf.

Um kurz vor zehn sehe ich unseren Coach Gabriele auf den Platz kommen. »Die Jungs sind unterwegs. Es geht gleich los.«

Jans Motto: So weit die Füße tragen

Die Trainingsgruppe, der ich mich anschließe, besteht aus 15 Langstrecklern, die über 5.000 und 10.000 Meter sowie die Marathondistanz antreten. »Es werden aber wohl noch ein paar weitere dazustoßen«, meint der Trainer. So ist das hier: Jeder Läufer sucht sich spontan und je nach Bedarf seine Trainingsgruppe aus. Jeder läuft rücksichtsvoll, und so stört es keinen, wenn an der Startlinie statt der geplanten 15 Teilnehmer auf einmal 50 ins Rennen starten.

Die Herausforderung, sich mit anderen zu messen, nimmt jeder gerne an. Besonders meine Gruppe ist heiß begehrt. Nicht nur, weil hier besonders gute Athleten dabei sind. Sondern auch, weil bei uns ein europäischer Trainer und ein entsprechendes Management dahintersteht.

Wer sich hier gut verkauft, wird vielleicht entdeckt und darf demnächst in Europa um die Preisgelder mitrennen. Ein ganz spezielles Casting also. Hier geht es um mehr. Hier geht es um alles.

Es ist kurz nach 10, als sich die Gruppe an der Startlinie einfindet. Der Trainer erläutert noch einmal das Programm. Geplant sind 15 mal 1.000 Meter in jeweils 2:45 Minuten mit je 200 Metern Trab zur Erholung. Okay, dass ich nicht komplett dabeibleiben werde, ist klar. Da bin ich Realist.

Das Motto lautet heute wieder: so weit die Füße tragen. Die kenianischen Läufer haben mich freundlich begrüßt, aber etwas Besonderes bin ich hier nicht. Nur ein Läufer unter vielen. Der einzige Unterschied: Ich bin etwas blasser als die anderen.

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