Muskelverletzungen beim Sport: Ursachen, Prävention, Heilung

Sport ist gesund und macht Spaß – dabei geht jede Trainingseinheit im Breiten- sowie Leistungssport mit einem gewissen Verletzungsrisiko einher. Häufigste Schäden: Verletzungen der Skelettmuskulatur. Hier zehn Fragen und Antworten zum Thema.

1. Was sind Muskelverletzungen?

Über 600 Skelettmuskeln bilden zusammen mit Sehnen und weiteren Hilfseinrichtungen wie Sehnenscheiden und Schleimbeuteln das aktive Bewegungssystem des Körpers. In Zusammenarbeit mit dem passiven Skelettsystem (Knochen, hyaliner Knorpel sowie Faserknorpel und Bänder) ist der menschliche Körper in der Lage, komplexe Bewegungsabläufe auszuführen.

Das Muskelgewebe übernimmt auf Grund seiner Kontraktionsfähigkeit eine tragende Rolle im menschlichen Bewegungssystem.

Bewegungen und Belastungen die das koordinative und kraftbezogene Leistungsvermögen der Muskulatur überschreiten oder äußere Krafteinwirkungen, die die Belastbarkeitsgrenzen überfordern, haben eine Schädigung der anatomischen Struktur der Skelettmuskulatur zur Folge, so dass eine eingeschränkte bis nicht vorhandene Funktionsfähigkeit in den geschädigten Muskelpartien vorliegt.

2. Welche Arten der Muskelverletzungen gibt es?

Muskuläre Schäden werden in direkte und indirekte Muskelverletzungen unterteilt.

Letztere machen den Hauptteil an Verletzungen der Muskulatur aus und werden nochmals in funktionelle Muskelläsionen (bspw. Muskelkater, Muskelverhärtung und Muskelzerrung) und strukturelle Muskelverletzungen (bspw. Muskelfaser- und Muskelbündelriss) untergliedert.

Direkte Muskelverletzungen erfolgen durch äußere Gewalteinwirkungen, die zu einer Gewebeschädigung führen. Im Sport sind die gängigsten Muskelverletzungen: Prellungen und Zerrungen.

Eine weitere Form der Muskelverletzungen, die jeder passionierte Kraftsportler bereits einmal erfahren durfte, ist der „Muskelkater“.

Dabei entstehen durch Überlastung des Muskelgewebes kleine Risse (Mikrotraumata) in der Muskulatur. Kritisch wird es bei strukturellen Schädigungen der Muskulatur. Dabei können „partielle Muskelrisse“ entstehen, bei denen einzelne Muskelfasern zerreißen oder ein kompletter Muskelbündelriss auf Grund einer Belastung erfolgen.

3. Was sind die häufigsten Ursachen für Muskelverletzungen?

Das Muskelgewebe wird bei Sportlichen Aktivitäten oftmals überdehnt, was zu Muskelverletzungen führt. Dabei spielen insbesondere Bewegungsabläufe die unüblich sind und damit die neuromuskuläre Koordination überfordern sowie solche, die Schnell- und Reaktivkraft erfordern, wie diese im Sprint und bei Sprüngen oder bei abrupten Abbremsbewegungen mit Richtungswechsel (bspw. beim Tennis) erforderlich sind, eine Rolle.

Weiterführend steigt das Risiko für muskuläre Verletzungen in Folge einer unzureichenden Regenerationsdauer, wie dies im Spitzensport oftmals der Fall ist.

4. Welche Muskeln sind besonders verletzungsanfällig?

Besonders verletzungsanfällig sind oberflächige Skelettmuskeln der unteren Extremitäten. Dies gilt insbesondere für Muskeln, die sich über mehrere Gelenke hinwegziehen, wie die ischiokrurale Muskulatur, auch Hüftgelenksextensoren oder rückseitige Oberschenkelmuskulatur genannt, oder der Musculus rectus femoris, der gerade Muskel des Oberschenkels, welche für Bewegungen im Hüft- und Kniegelenk verantwortlich sind.

Auch bei Sportarten bei denen ein großer Anteil der sportlichen Leistungen mittels der Rumpf- und Armmuskulatur abgerufen wird (bspw. beim Speerwerfen), sind Muskelverletzungen primär im Beinbereich zu verorten.  

Die ischiokrurale Muskulatur ist mit 37 Prozent am häufigsten von Muskelverletzungen betroffen. 23 Prozent aller Muskelschädigungen betreffen die Adduktoren, gefolgt vom Musculus quadriceps femoris (19 Prozent) und der Wadenmuskulatur (13 Prozent).

Naheliegend ist auch die Annahme, dass schnell zuckende Muskelfasern (Fast-twitch-Fasern) ein erhöhtes Verletzungsrisiko gegenüber den langsam zuckenden Muskelfasern (Slow-twitch-Fasern) aufweisen.

5. Welche Sportarten sind besonders risikoreich?

Insgesamt ist die Datengrundlage für muskelbedingte Sportverletzungen sehr spärlich, da der Gang zum Arzt oftmals nicht erfolgt und bei gravierenderen Verletzungen unter Sportmedizinern Uneinigkeit im Hinblick auf die Einstufung des Schweregrades der Muskelverletzung herrscht.

Im Profifußball entfallen beispielsweise rund ein Drittel aller Verletzungen auf Muskelverletzungen. Im Kraftsport sind Muskelverletzungen, die durch äußere Krafteinwirkung bedingt werden, nahezu auszuschließen, hier steigt das Verletzungsrisiko bei Teamsportarten wie beim Fußball oder Handball an.

Indirekte Muskelverletzungen treten im Kraftsport insbesondere da auf, wo Schnell- und Reaktivkraft erforderlich sind, wie beispielsweise beim „Functional Training“. Bei einer angemessenen Intensität und einer Übungsauswahl, die die koordinativen Möglichkeiten des Athleten nicht überschreiten, ist das Verletzungsrisiko im konventionellen Freihantel- und gerätegestützten Krafttraining verhältnismäßig gering.

6. Woran erkenne ich eine Muskelverletzung?

Bei leichten funktionellen Schädigungen wie dem Muskelkater oder anderweitig ermüdungsbedingten Muskelverhärtungen treten die Schmerzen in der Regel erst nach mehreren Stunden auf.

Zerrungen, Muskelfaser- und bündelriss gehen hingegen mit einem unmittelbaren Schmerzerleben während der Aktivität einher, wobei das Schmerzempfinden bei einem Muskelbündelriss stärker ausgeprägt ist als bei einer Zerrung.

Insbesondere starke Verletzungen der Muskelfasern haben eine Verhärtung der betroffenen Muskulatur und eine anschließende Bildung eines Ödems zur Folge. Der Gang zum Arzt sollte bei schwerwiegenderen Beschwerden nicht ausbleiben. Ein hochauflösendes MRT kann Aufschluss über den Schweregrad der Muskelverletzung geben.

7. Welche Behandlungsmaßnahmen sind sinnvoll?

Insofern der Verdacht einer Muskelverletzung vorliegt sollte zunächst auf die alt bewehrte PECH-Regel (Pause, Eis, Compression, Hochlagern) zurückgegriffen werden. Hierbei gilt es die betroffene Stelle zu kühlen, einen leicht gewickelten Druckverband anzulegen und sicherzustellen, dass die betroffene Region hochgelagert wird, um eine Ausweitung der Blutung zu verhindern. 

Intensive Belastungen der in Mitleidenschaft gezogenen Muskelpartien sind zu vermeiden. Zum einen können sich die bereits geschädigten Gewebsstrukturen der Muskulatur nicht regenerieren und zum anderen weitere Schäden entstehen.

8. Ist elektrische Muskelstimulation als präventive oder therapeutische Maßnahme sinnvoll?

Elektrische Muskelstimulation ist durchaus sinnvoll, um das Bewegungssystem gegenüber sportlichen Anforderungen im Breiten- und Spitzensport belastbarer zu machen. Dabei können Trainingseffekte erzielt werden, die im konventionellen Bereich oftmals verfehlt werden.

Insbesondere statisches EMS-Training bietet sich an, da sich durch die gleichbleibende Muskellänge (isometrisches Training) das Verletzungsrisiko vermindert.  

Gerade sportlich unerfahrene Personen, bei denen ein erhöhtes Muskelverletzungsrisiko besteht, können von dieser Trainingsform profitieren.  Durch die synchrone Stimulierung von Agonist und Antagonist wird muskulären Dysbalancen entgegengewirkt, wodurch eine korrekte Gelenkhaltung begünstigt wird und sportassoziierten Muskelverletzungen zusätzlich entgegengewirkt werden kann.

Elektrische Muskelstimulation stellt ebenfalls im Rahmen des Wundheilungsprozesses von Muskelverletzungen eine hervorragende Begleitmaßnahme zur Wiederherstellung der vollständigen Leistungsfähigkeit dar.

Oftmals kann diese Trainingsform bei leichten Muskelschädigungen, schon nach wenigen Tagen im Anschluss an die Entzündungsphase Anwendung finden, auch wenn eine vorerst reduzierte Belastung empfehlenswert ist und Rücksprache mit dem behandelnden Orthopäden gehalten werden sollte.

9. Wie lange dauert der Heilungsprozess?

Die Skelettmuskulatur ist eines der stoffwechselaktivsten Gewebetypen im menschlichen Organismus, weshalb die Erneuerungszeit mit einer absehbaren Dauer von drei bis vier Wochen einhergeht.

Stoffwechselarme (bradytrophe) Gewebearten wie das Sehnen und Bandgewebe benötigen bis zu 1,5 Jahren um sich zu erneuern, Knorpel gilt mit einem Regenerationszeitraum von mehreren 100 Jahren als irreparabel. Daher bestehen bei schneller Einleitung bewährter Behandlungsmaßnahmen gute Regenerationsmöglichkeiten. 

Der Prozess der Wundheilung wird in drei Phasen unterteilt.

In der ersten Phase kommt es zur Hämatombildung und Zellentzündungsreaktion (Destruktionsphase).

In der darauffolgenden Reparaturphase erfolgt die Muskelfaserregeneration durch Narbengewebsbildung und der Neubildung von Blutkapillaren (Revaskularisation).

In der abschließenden Remodulierungsphase erfolgt die Wiederherstellung der vorangegangenen Leistungsfähigkeit. Die Dauer der Wundheilung unterliegt zahlreichen Faktoren, wie beispielsweise dem biologischen Alter, dem Trainingszustand, dem Schweregrad der muskulären Verletzung, dem Stresslevel, dem Ernährungsverhalten, der Medikamenteneinnahme etc.

10. Wie kann man Verletzungen der Muskulatur vorbeugen?

Eine durch gezieltes Training bezweckte Steigerung der koordinativen Fähigkeiten und Muskelkraft ermöglichen das Verletzungsrisiko der Skelettmuskulatur im Rahmen von sportlichen Aktivitäten zu mindern.

Somit spielt neben dem im Krafttraining bezweckten Dickenwachstum der Muskulatur (Hypertrophie), die Verbesserung koordinativen Feinabstimmung zwischen den Muskelgruppen (intermuskuläre Koordination) sowie die Aktivierung der einzelnen Muskelfasern innerhalb eines Muskels (intramuskuläre Koordination) eine entscheidende Rolle, um das Verletzungsrisiko abzuschwächen.

Der Trainingsreiz sollte eine gegenüber dem individuellen Trainingszustand angemessene Trainingsbelastung bezwecken und keine Übermüdungserscheinungen des Bewegungsapparates, auf Grund zu gering ausfallender Regenerationszeiten zur Folge haben (siehe Artikel Regeneration). 

Für das Training selbst gilt, eine angemessene Vorbereitung auf die sportliche Belastung mittels Erwärmung sicherzustellen. Durch die zunehmende Durchblutung der Muskulatur, erfolgt eine verbesserte Sauerstoff- und Nährstoffversorgung. Weiterhin wird die Kontraktionsfähigkeit im Hinblick auf die Belastungsfähigkeit, Schnelligkeit und koordinative Feinabstimmung zwischen einzelnen Muskeln verbessert.

 

Zur Person: Philipp Eul ist ehemaliger Landeskader-Athlet des Berliner Judo-Verbandes und erwarb seinen Master of Arts in der Fachrichtung Prävention und Gesundheitsmanagement an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement. Seit 2010 ist er bei dem EMS-Anbieter SPEED.FIT, für die Weiterentwicklung und Durchführung des individualisierten Erfolgs-Coachings verantwortlich.

 

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