Die Tage der Lauffaulheit

Geschrieben von: Anne Kirchberg

Die Weihnachtsfeiertage sind Gift fürs Training. Schlemmen statt Schwitzen, heißt meist die Devise. Anne Kirchberg, Autorin von Running – das Laufmagazin hat Experten befragt, wie man die Festtage einigermaßen fit übersteht.

Das Christkind wirbelt alle Jahre den Trainingsplan kräftig durcheinander. Denn während der Weihnachtsfeiertage, die direkt in die Silvester-Feierlichkeiten übergehen, lässt sich das sonst so perfekt in den Alltag integrierte Lauftraining nur schwer unterbringen. Zugegeben, so schwierig ist die Planung dieser Einheiten wahrscheinlich gar nicht. Aber irgendwie spielt die nicht enden wollende Gemütlichkeit rund um Weihnachten eine große Rolle beim Thema „Lauffaulheit zum Feste“.

An keinem anderen Feiertag streckt man alle viere so weit von sich, sitzt mit der Familie zusammen und schlemmt einen Festtagsschmaus nach dem anderen. Außerdem muss noch so viel getan werden: Geschenke einpacken, Baum aufstellen, Holz holen … Und drinnen mit den Lieben vor dem Kamin ist es noch kuscheliger als sonst und dort draußen plötzlich sehr kalt, nass und dunkel.

50 Prozent weniger Teilnehmer bei Lauftreffs

Die geringere Begeisterung für den Laufsport rund um Weihnachten und Silvester spüren auch die Lauftreffs, wie der von Horst Weinmann in Stuttgart-Stammheim. „Bei uns kommen zwischen Weihnachten und Jahresende circa 50 Prozent weniger Teilnehmer zum wöchentlichen Lauftreff“, berichtet der 72-Jährige, der bereits seit mehr als 20 Jahren Übungsleiter der Gruppe ist, die sich momentan jeden Montag und Mittwoch um 19 Uhr vor der alten Turnhalle in Stuttgart-Stammheim trifft. „Viele Läufer fahren zu Verwandten und Bekannten, erhalten selbst Besuch, machen ein paar Tage Urlaub oder haben einfach keine Zeit.“

Feiertage eignen sich besonders gut zum Laufen

Ähnliche Erfahrungen macht der Münchner Lauftreff Milchhäusl, der sich seit 2005 zwei Mal die Woche zu einem auf der Internetseite abgesprochenen Termin am Englischen Garten verabredet. „In unserer Gruppe sind überwiegend zugezogene Münchner, die zu den Feiertagen ihre Familien in der Heimat besuchen“, erzählt Organisator Rainer Volpert. „Ich weiß jedoch, dass die meisten daheim für sich alleine laufen!“

Es gibt sie also, die Tapferen, die ihren Körper auch rund um die Weihnachtszeit zum Laufen bringen. Aber wie machen die das? „Eine Stunde Joggen nimmt dem Feiertag nichts, ganz im Gegenteil“, meint Manfred Fay, Präsident des Laufclubs 89 in Frankfurt Bergen-Enkheim. „Solche Tage eignen sich besonders gut dafür, denn laufen kann jeder ab der eigenen Haustür.“ Wer lieber in der Gruppe joggt, kann dies bei den von Fay organisierten Lauftreffs tun, die an Feiertagen nicht abends, sondern um 9 Uhr morgens stattfinden.

Steffnys Tipp: "Morgens laufen, wenn die Familie noch schläft"

Lauf-Experte Herbert Steffny, der als Geschäftsführer der „Run Fit Fun GmbH“ in Titisee seit 1989 Lauf- und Fitness-Seminare veranstaltet, weiß ebenfalls, wie man trotz der Weihnachtsgemütlichkeit sein Training nicht vernachlässigt. „Am besten ist es, bis kurz vor den Feiertagen umfangreicher zu trainieren“, rät der 16-fache deutsche Lauf-Meister. „Anschließend kann man während der Festtage einen Regenerationsblock einplanen, weniger laufen und ein kleines bisschen über die Stränge schlagen.“

Für den optimalen Trainingszeitpunkt hat er ebenfalls einen Tipp: den frühen Morgen, wenn die meisten Familienmitglieder ausschlafen. „Wer morgens bereits gelaufen ist, hat den Tag positiv begonnen und ist hellwach. Man muss jedoch am Feiertag nicht wie werktags morgens oder abends laufen, sondern kann es natürlich beliebig tagsüber einplanen.“

Der Autor bekannter Bücher wie „Das große Laufbuch“, „Optimales Lauftraining“ und „Die Laufdiät“ nimmt selbst ein ausdauerndes Training während der Feiertage in Kauf, da er auf Grund dessen beim Festtagsschmaus ohne Reue zuschlagen darf. „Sogar an meinem Hochzeitstag lief ich morgens 37 Kilometer“, verrät der Personal Trainer und Fernseh-Kommentator lachend.

Mal Fünfe gerade sein lassen

Steffny ist generell der Meinung, dass jeder gut und gerne mal zum Genuss- und Gourmetläufer mutieren darf, da seiner Erfahrung nach Leistungssport und absolute Askese nicht zusammenpassen. „Wer weiter läuft, braucht beim Futtern wegen der Kalorien kein schlechtes Gewissen zu haben. Gerade deswegen kann man an Feiertagen schon mal alle fünfe gerade sein lassen“, beruhigt der Lauf-Guru die Schlemmer und Schleckermäuler.

Dass sich Läufer zu Weihnachten etwas gönnen sollten, sehen die anderen Experten ähnlich. „Sportler haben sowieso ihre eigenen Essgewohnheiten, an denen sich auch feiertags wenig ändert“, meint Manfred Fay vom Frankfurter Laufclub und sein Münchner Kollege Rainer Volpert pflichtet ihm bei: „Als Läufer darf man gerne zugreifen, nach ein paar Trainings ist das sowieso wieder weg. Wir sind fast alle recht schlanke Leute und das Essen setzt nicht groß an.“

Unbedingt ausprobieren: Am Neujahrstag laufen

Am Silvestermorgen ist es meistens weniger das üppige Mahl, das einen träge werden lässt. Vielmehr machen ein noch dröhnender Kopf und mangelnder Schlaf die Knochen bleiern und schwer. Die Vorstellung, sich in diesem Zustand in die Laufklamotten zu werfen, ist für viele undenkbar – sollte jedoch trotzdem unbedingt einmal ausprobiert werden.

Denn das neue Jahr mit seinem Sport zu beginnen, fühlt sich wunderbar an: Frischer Winterwind weht um die Nase, die gesamte Umgebung wirkt ruhig und seltsam neu. Allerdings geht es an diesem Tag weder um das Aufstellen einer Bestzeit noch um einen Streckenrekord, schließlich ist dazu wohl kaum ein Körper in der Lage. Aus diesem Grund organisieren zahlreiche Vereine und Gruppen am ersten Januar Neujahrsläufe, bei denen vor allem der Spaß und nicht ein anstrengendes Training im Vordergrund steht.

Keinen Stress machen

Ob Weihnachten oder Silvester – beim Laufen an Feiertagen gilt es anscheinend, die richtige Mischung aus Überwindung des inneren Schweinehundes und Sich-etwas-Gönnen zu finden. „Stress sollte man sich keinesfalls machen, da im Winter sowieso keine ernsthafte Vorbereitung auf größere Laufwettbewerbe ansteht“, rät Manfred Fay aus Frankfurt, der seit über 20 Jahren zwei bis drei Mal pro Woche läuft. „Das Laufen sollte einem guttun, genau wie zu jeder anderen Jahreszeit auch.“

Na, dann kann das Christkind ja kommen.

 

Dieser Test ist ein Auzug aus RUNNING – Das Laufmagazin. Das Heft kostet 4 Euro und gibt es am Kiosk oder hier zu bestellen.

 

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