"Ohne Hasen gibt es keine Weltrekorde"

Geschrieben von: Frank Joung
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Die Hasen sind die Tempomacher im Rennen. Sie laufen stets vorneweg und stehen doch im Schatten der Eliteläufer. Der ehemalige Marathonläufer Carsten Eich erklärt, warum Rekorde nur mit Hasenhilfe gelingen und weshalb Kenianer nicht als Tempomacher taugen.

 

 

Achim-Achilles.de: Herr Eich, sind Weltrekorde oder Bestzeiten ohne Tempomacher überhaupt möglich?

Carsten Eich: Ohne Hasen würde es wahrscheinlich keine neuen Weltrekorde geben. Heutzutage sind fast alle Rennen durchorganisiert. Für die Spitzenläufer sind die Tempomacher eine wichtige mentale Stütze. Sie können die ersten 20 oder 25 Kilometer mit einem freien Kopf laufen, brauchen sich nicht so viele Gedanken um das Rennen machen oder ständig Zwischenzeiten errechnen. Das spart Energie. Ich habe es früher immer genossen, wenn ich gute Hasen hatte.

carsten eich marathon tempomacher Zur Person: Carsten Eich, Jahrgang 1970, ist ein ehemaliger deutscher Langstreckenläufer der Spitzenklasse. Der Leipziger feierte etliche nationale und internationale Erfolge in den 90er Jahren. Er gewann 15 Deutsche Meistertitel und hält noch immer die Deutschen Rekorde über 10 Kilometer auf der Straße und im Halbmarathon. 1992 und 2000 nahm er an den Olympischen Sommerspielen teil. Zurzeit trainiert er die Spitzenläuferin Sabrina Mockenhaupt, gibt Laufseminare und veranstaltet Laufevents und Laufreisen. Mehr Infos gibts auf: www.carsten-eich.de.
Kann man einem Hasen trauen?

Die Topathleten müssen sich auf den Tempomacher verlassen können, klar. Aber es gibt auch immer wieder falsche Hasen (lacht). Die meisten aber führen aus, was ihnen gesagt wird und liefern entsprechende Zeiten ab.

Hin und wieder kommt es aber vor, dass der Hase nicht wie besprochen aussteigt und das Rennen gewinnt.

Prinzipiell kann man niemandem verbieten, als Erster ins Ziel zu laufen. Jeder Hase hat eine Startnummer, einen Zeitmess-Chip und kann daher das Rennen auch beenden. Dass ein Hase am Ende gewinnt, ist aber äußerst selten, weil der Hasen-Job viel mehr Kraft aufwendet. Der Tempomacher muss ein deutlich höheres Leistungsniveau haben als die eigentlichen Favoriten des Rennens – und das gibt es so gut wie nie. Sonst wäre er ja selber einer der Favoriten.

 

"Kenianer haben oft kein Zeitgefühl"

 

Sie waren früher selbst Tempomacher. Hatten Sie dabei nie den Drang, bis ins Ziel durch zu laufen?

Nein, wenn ich Tempomacher war, wusste ich im Vorfeld, dass ich zu dem jeweiligen Zeitpunkt nicht die gewünschte Leistung auf die gesamte Strecke hätte abrufen können, weil ich zum Beispiel zu lange verletzt war.

Die schnellsten Läufer der Welt, die Kenianer, sollen nicht immer guten Hasen sein. Stimmt das?

Es ist genauso. Sie haben zwar das Leistungsvermögen, um eine Gruppe lange anzuführen, haben aber oft kein Zeitgefühl. Das liegt daran, dass sie im Training ohne Uhr laufen, und dann ist es verdammt schwer, bei einem Marathon jeden Kilometer exakt in 3:00 Minuten zu laufen. Ein guter Hase kriegt es hin. Im schlechtesten Fall läuft er eine 2:58 oder eine 3:02.

Aber Spitzenläufer brauchen doch keine Uhr, um schnell zu sein.

Das stimmt. Aber wenn ich das Tempo nach Bauchgefühl steuere, laufe ich zwar die fünf Kilometer auch in 15:00 Minuten, aber dann vielleicht einen Kilometer in 2:52 und den nächsten in 3:08 Minuten. Und das kann die Favoritengruppe überhaupt nicht gebrauchen.

Warum nicht?

Weil Zwischenspurts und Tempoverschärfungen Kraft kosten. Da verschwende ich Energie, die ich auf der Strecke noch benötige. Am vergangenen Wochenende beim Düsseldorf-Marathon war es so. Die Hasen von Jan Fitschen mussten ständig gebremst werden, auch weil Fitschen Muskelprobleme hatte, dann sind sie wieder losgespurtet. Fitschen war nicht besonders glücklich über seine Pacemaker.

 

"Der Hase ist der Manager im Rennen"

 

Was zeichnet einen guten Hasen aus?

Es geht bei einem Hasen nicht darum, einfach nur schnell zu sein und vorneweg zu laufen, er muss vor allem die vorgegebene Geschwindigkeit punktgenau treffen und über einen längeren Zeitpunkt halten können. Er hat Kontakt zum sportlichen Leiter, behält den Überblick und weiß, wann die Verpflegungsstellen kommen. Der Hase ist der Manager im Rennen.

Sprechen sich Tempomacher und Spitzenläufer im Vorfeld ab?

Es gibt vor dem Rennen meist ein technisches Meeting, wo der Rennverlauf durchgesprochen wird. Manager und Athleten geben dem Tempomacher seine Aufgabe. Da wird dann etwa gesagt: Du machst Tempo für die Spitzengruppe bis Kilometer 25 in einer bestimmten Zeit. Wenn du dich gut fühlst auch bis 30, dafür gibt es eine Extraprämie.

Empfindet man es als Spitzenläufer als Degradierung, wenn man den Hasen mimt?

Nein, würde ich nicht sagen. Es gibt international einige sehr gute Läufer, die sich aufs Tempomachen spezialisiert haben, weil sie die Erfahrung dafür mitbringen. Die werden dann auch angemessen bezahlt.

Was verdient ein guter Hase?

Das kann man überhaupt nicht sagen. Das hängt vom Veranstalter ab und welches Ziel er dabei verfolgt. In der Regel gibt es Erfolgsprämien, wenn ein Strecken- oder Weltrekord aufgestellt wird und der Tempomacher gut gearbeitet hat.

Warum können sich Spitzenläufer nicht gegenseitig ohne Tempomacher zu Bestzeiten treiben?

Man muss unterscheiden zwischen Meisterschaftsrennen, wo es um Platzierungen geht, und großen Städtemarathons oder Meetings, wo die Zeit zählt. Bei Meisterschaftsrennen wie den Olympischen Spielen sind Hasen gar nicht erlaubt, da jede Nation nur drei Startplätze hat. Da geht es nur um die Taktik und das Rennen Mann gegen Mann.

Interview: Frank Joung

 

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