Die Evolutionsstufen des Läufers in fünf Songs

Geschrieben von: Ellen-Jane Austin

Vom Jäger und Sammler zum Marathon-Läufer? Wie alle anderen Spezies durchlebt auch der Läufer eine Evolution – und jede hat ihre eine Titelmelodie, das meint zumindest unsere Autorin Ellen-Jane Austin. Hier die fünf Evolutionsstufen und ihre Hymnen.

Der Lauf-Beamte, der jeden Meter protokolliert; die Barbie, die den Laufweg als Laufsteg nutzt; der Abenteuerer, der sich durch die Wildnis kämpft; Muskelpakete, die vor lauter Quadrizeps breitbeinig durch den Park poltern – Läufer sind so verschieden wie ihre Schuhe. Doch eines eint sie alle. Sie haben sich evolutionär entwickelt.

Nach meiner Theorie lassen sich fünf Stufen erkennen, vom frisch in die Schuhe geschlüpften Jogger zum erwachsenen Läufer-Ich. Natürlich zieht nicht jeder die ganze Laufbahn durch, es gibt auch Quereinsteiger und manche steigen früher aus – vergleichbar mit Bildungsabschlüssen: von der Hauptschule, über die Realschule und das Gymnasium, bis hin zum Hochschulabschluss oder sogar der Professur. Nichts ist falsch oder richtig. Jeder soll es so weit treiben, wie er lustig ist.

Wie jeder Abschlussjahrgang seine eigene Hymne hat, so haben auch die verschiedenen Läuferstufen ihren eigenen Soundtrack.

Der Laufnovize – „You Can Get It If You Really Want“, Jimmy Cliff (1969)

Aufgepumpt mit frischem Tatendrang schwebt der Laufnovize in den Schuhladen und kauft sich, nach gründlichster Laufbandanalyse des kompetenten studentischen Verkäufers, sein erstes Paar Laufschuhe. Er weiß jetzt, dass er Überpronierer ist, aber das, was auch immer es sein mag, wird ihn nicht aufhalten. Der erste Lauf ist hart, doch der zweite und dritte sind noch viel härter. Er beginnt sich zu fragen, warum er sich überhaupt hechelnd durch den Park quält.

Doch dann blickt er auf seine 180-Euro-Neon-Treter und wiederholt sein Mantra: „Ich muss es nur wirklich wollen, ich muss es nur wirklich wollen.“ Und siehe da, ab dem vierten Lauf gehen die Blasen zurück, der Muskelkater wird weniger, die Puste reicht für 20 Minuten Laufen am Stück und der Laufnovize ist wieder frohen Mutes.

 

Der (über-) motivierte Rookie-Läufer – „Don't stop me now" Queen, (1978)

Die ersten Wehwehchen hat er überstanden und inzwischen läuft er zwei bis drei Mal die Woche – seit drei Monaten. Er ist jetzt eine Laufmaschine. Nichts und niemand kann ihn aufhalten.

Bis auf sein Trainingsplan – darin stehen vier Ruhetage je Woche. Aber das hält er nicht immer durch. Er ist doch grade top motiviert, da wird er sich bestimmt nicht von so einem Blatt Paier stoppen lassen.

 

Der Event-Fan – „The Final Countdown“, Europe  (1986)

Das harte Training hat sich bezahlt gemacht und der Tag der ersten Laufveranstaltung ist da. Mit vielen hundert anderen Läufern steht er im Startblock, vermutlich eines Firmenlaufs. Sie zählen im Chor den Countdown herunter und warten auf den Schuss, der sie zu Top-Leistungen beflügeln soll.

Der Lauf vergeht wie ihm Flug, auch wenn der Läufer zwischenzeitlich dachte, seine Lunge platze aus der Kehle. Doch das ist vergessen, als er im Ziel in seine wohlverdiente Banane beißt und stolz feststellt, dass er seine anvisierte Zeit um 1,03 Minuten unterboten hat. Wahnsinn.

Und dieser erste Kick fixt ihn an. Wieder Zuhause angekommen recherchiert er alle Laufveranstaltungen in seiner Umgebung. Er will den Rausch wieder spüren: Pumpendes Adrenalin, jubelnde Massen, fliegende Beine, immer neue Bestzeiten – und natürlich auch diese geilen Medaillen.

 

Der Immer-Wieder-Anfänger: „So oder so", Bosse (2013)

Die Glücksgefühle der ersten Verliebtheit sind verpufft, Lauf-Dates werden verschoben oder ganz abgesagt. Um ehrlich zu sein, gibt es Wochen (Urlaub) oder sogar Monate (Herbst, Winter), in denen die geliebten Treterchen nur das Innenleben des Schranks sehen. Doch immer wieder juckt es in den Füßen, denn wer einmal das Glück des Laufens gespürt hat, wird nie komplett aufhören daran zu glauben, dass es wieder kommt.

Der Wiedereinstieg hängt an einer winzigen Kleinigkeit: dem Revival-Lauf. Wenn das Wetter zickt und die Wade zwickt wird die Lauf-Pause vermutlich verlängert.

Wenn aber die Sonne lacht, die Füße, trotz der langen Abstinenz nur so davon wirbeln, dann kehrt die Motivation gerne zurück.

So oder so – irgendwann fängt er immer wieder an.

 

Der Lauf-Junkie: „Can't Stop Moving", Sonny J (2008)

Die Pulsuhr wird auch außerhalb des Trainings getragen. Neben dem Laufen werden regelmäßig Stabis gemacht, um die Körpermitte zu stärken. Im Schrank stehen drei bis dreißig Paar Laufschuhe. Es ist offiziell: aus dem einstigen Lauf-Novizen ist ein echter Lauf-Junkie geworden. Er ist süchtig – kann einfach nicht aufhören sich zu bewegen. Er braucht die Genugtuung der Leistungssteigerung, die Ruhe der Läufereinsamkeit und den Kick des Wettbewerbs.

Inzwischen ist er in seiner Altersklasse bei allen Wettbewerben im oberen Drittel. Er liebt sogar die langen Läufe, die den ganzen Sonntagvormittag kosten. Und wenn er dann doch eine kurze Runde drehen muss, weil Banalitäten wie Beruf und soziale Verpflichtungen rufen, denkt er immer wieder: „I can't stop moving, I can't stop moving“.

 

EllenKleinZur Person: Ellen-Jane Austin ist leidenschaftliche Läuferin in Teilzeit, Musik-Junkie, Foodie und Redakteurin bei Achim Achilles. Wenn sie nicht als rasende Reporterin unterwegs ist, schreibt sie Songs mit einem befreundeten Pianisten oder arbeitet an ihren Buch-Projekten. Ihr erster Roman Kopfradio erschien im Sommer 2015 (Affiliate-Link). 

 

 

 

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