Heinz Kinigadner: "Der Sport hat mich gelehrt, immer nach vorne zu schauen"

Geschrieben von: Julia Schweinberger

Heinz Kinigadner ist zweifacher Motocross-Weltmeister. Sein Sohn sitzt seit einem Unfall beim Motocross im Rollstuhl. Im Gespräch mit Achim-Achilles.de spricht der Tiroler über Risikosportarten, Schicksalsschläge und warum es in der Rückenmarksforschung noch einiges zu tun gibt.

Achim-Achilles.de: Herr Kinigadner, verfluchen Sie den Motocross-Sport?

Heinz Kinigadner: Nein, ich bin immer noch ein großer Fan. Aber mein Sohn ist seit einem Motocross-Unfall vor elf Jahren querschnittsgelähmt. Seitdem bin ich nicht mehr auf ein Motorrad gestiegen. Bestimmt würde es mir noch immer großen Spaß machen. Aber weil mein Sohn selbst nicht mehr fahren kann, möchte ich das nicht.

Motocross ist eine Risikosportart. Warum haben Sie damit angefangen?

Schon mein Vater ist Motocross gefahren. In der Sportart geht es erstens darum, sein Limit zu finden. Und zweitens ein technisches Gerät zu beherrschen und bis zum Ende auszureizen. Motocross ist Sport. Ein Rennen dauert 40 Minuten, und man ist die ganze Zeit in Abfahrtshocke unterwegs. Am Ende bleibt nur übrig, wer die besten körperlichen Voraussetzungen hat.

"Ein Schlüsselbeinbruch war für mich eine Lappalie"

Aber haben Sie sich nie Gedanken über die Gefahren des Motocross gemacht?

Naja, wenn man sich zu viele Gedanken macht, ist man verloren. Gleichzeitig sollte man auch etwas Respekt haben. Es gibt beim Motocross Sprünge, die schwer zu bewältigen sind. Man ist auch ständig verletzt. Ein Schlüsselbeinbruch war für mich irgendwann eine Lappalie. Da bin ich nicht mal mehr zum Arzt gegangen. Richtig bewusst über die Gefahren habe ich aber erst nach dem Unfall meines Bruders nachgedacht. 1984 war das. Ich stand am Streckenrand. Der Unfall ist genau vor mir passiert.

Was haben Sie in diesem Moment gedacht?

Ehrlich gesagt denkt man da nicht viel. Man hofft nur, dass es nicht so schlimm ist. Der Unfall meines Bruders ereignete sich drei Wochen, nachdem ich das erste Mal Weltmeister geworden war. Plötzlich war alle Freude einfach weg. Mein Bruder war querschnittsgelähmt. Danach habe ich ein halbes Jahr nicht ans Motorradfahren gedacht. Es war mein Bruder, der gesagt hat: Du musst unbedingt versuchen, deinen Titel zu verteidigen.

"Die Rennen haben mich aus dem mentalen Tief herausgeholt"

Wie ging es dann weiter?

Ich bin wieder gestartet – ohne Training. Ich habe ein paar Rennen gebraucht, bis ich das Rennfieber gespürt habe und sich meine Kondition verbessert hat. Am Ende habe ich den Titel tatsächlich verteidigen können. So blöd es klingt, aber die Rennen haben mich aus dem mentalen Tief herausgeholt.

Später fing auch Ihr Sohn mit Motocross an. Hätten Sie ihm davon gern abgeraten?

Ich habe nie versucht, meinem Sohn Motocross auszureden. Ich habe es aber auch nicht forciert. Mein Sohn war von klein auf in Berührung mit Motorrädern gekommen. Er konnte mit einem Elektromotorrad fahren, bevor er Fahrradfahren konnte. Ich glaube, dass es ein Vorteil ist, wenn man schon in frühen Jahren lernt, mit solchen technischen Geräten umzugehen.

"Als Kind lernt man alles spielerisch"

Inwiefern?

Wenn man erst mit 20 den Motorrad-Führerschein macht und dann losfährt, lebt man sehr gefährlich. Als Kind lernt man alles spielerisch und macht dann aus einem Reflex heraus die richtigen Bewegungen. Mit 20 ist man nicht mehr so intuitiv und denkt mehr darüber nach, was man tut.

2003 stürzte Ihr Sohn beim Motocross schwer. Wie haben Sie vom Unfall erfahren?

Ich war gerade selbst zu einem Weltmeisterschaftslauf unterwegs, als ich von einem Freund meines Sohnes angerufen wurde. Ich habe sofort gewusst, dass es was Schlimmeres sein musste. Im Krankenhaus dann die Diagnose: Lähmung vom fünften Halswirbel an. Die Nerven waren aber nur gequetscht und nicht durchtrennt. Da hatten wir anfangs sehr viel Spielraum für Hoffnung.

"Die Forschung hat zu wenig Geld"

Hoffnung, die Querschnittslähmung zu heilen?

Ja. Als Vater eines Betroffenen tust du alles, um deinem Kind zu helfen. Ich stellte bei Recherchen fest: Bei 80 Prozent der Querschnittsgelähmten gibt es noch intakte Nerven. Es gibt außerdem vielversprechende Ansätze in der Forschung mit Stammzellen, Proteinen oder Elektrostimulationen, die die Lähmungen in Zukunft heilen könnten.

Doch das Problem ist: Die Forschung hat zu wenig Geld. Deshalb haben wir, Dietrich Mateschitz und ich, eine Stiftung ins Leben gerufen, um auf die Problematik aufmerksam zu machen. Beim Spendenlauf „Wings for Live World Run“ werden mein Sohn und ich gemeinsam teilnehmen. Ich laufe und schiebe ihn dabei im Rollstuhl.

Wie haben Sie es geschafft, mit diesen Schicksalsschlägen umzugehen?

Ich bin Tiroler (lacht). Nein, im Ernst: Der Sport hat mich gelehrt, immer nach vorne zu schauen. Mich in meine vier Wände einzusperren mit meinen Depressionen, weil das Leben so schlimm zu mir war, das verschlimmert die Sache doch nur. Für mich gibt es nur Vorwärtsdenken, und ich vertraue darauf, dass alles besser wird.

Zur Person:

Heinz Kinigadner, Jahrgang 1960, ist zweifacher Weltmeister im Motocross. Nach einem schweren Unfall seines Sohnes gründete der gebürtige Tiroler die Stiftung „Wings for Life“, die sich für die Rückenmarksforschung einsetzt.

In diesem Jahr fand der Spendenlauf „Wings for Life World Run“ am 03. Mai statt. Bei diesem Event starten die Teilnehmer in mehreren Ländern gleichzeitig und laufen für die, die selbst nicht laufen können.

Fotostrecke: Heinz Kinigadner

 

 

 

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