Marathon in Tel Aviv: Sonne, Strand und Schulklassen

Geschrieben von: Ellen-Jane Austin

Laufen am Meer – im Februar. Das klingt stürmisch und kalt. Nicht beim Tel Aviv Marathon in Israel. Achilles-Autorin Ellen-Jane war dabei. Hier ihre sonnigen Eindrücke von einem bunten Lauf.

6 Uhr an einem Freitagmorgen im Februar – ich öffne die Dachtüre, trete in das weiche Sonnenlicht und blicke auf das stahlendblaue Meer. Die morgendliche Runde barfuß am Strand, die ich mir angewöhnt habe, seit ich hier bin, lasse ich heute ausfallen. In einer Stunde klingt der Startschuss zum Tel Aviv Marathon.

MeerTelAviv

Frühstück ist in Israel, wie vieles andere auch, heilig. Doch so kurz vorm Lauf bleibt es für mich bei der klassischen Bananen-Versorgung. Wirklich schade, denn ich habe mich ein wenig verliebt, in die riesige Auswahl an Käse, die Berge an Obst, das Shakshuka (Eier in würziger Tomatensoße) und die vielen duftenden Backwaren.

Da ich nur zehn Kilometer laufe, habe ich die berechtigte und innige Hoffnung, dass ich noch vor Ende der Frühstückszeit wieder im Hotel bin. Ein Grund mehr, heute ordentlich Gas zu geben.

Meerblick nur für (Halb-) Marathonis

Zum Startblock fahre ich ein paar Kilometer mit einem der städtischen grünen Leihräder, die hier an jeder Ecke und unter unzähligen Hintern zu finden sind.

Mein Fahrradweg ist die noch leere Marathonstrecke, die ich mir mit anderen Radlern und sich warm laufenden Marathonis teile. Der Fahrtwind saust durch mein Haar und die Sonne wärmt mein grinsendes Gesicht.

So ganz kann ich mein Glück nicht fassen. In Deutschland ist der Himmel noch schwarz und Schneematsch ziert die Straßenränder – und ich darf gleich zwischen Palmen laufen.

LeereStrecke

Ein bisschen ärgere ich mich, dass ich nicht zumindest beim Halbmarathon starte, denn sein Kurs, wie auch der des Marathons, führt einige Kilometer am Meer entlang. Muss ich wohl zum Anfeuern an den Strand – geht schlechter.

Ein Schwarm in neonkoralle

Entlang des Weges treffe ich immer mehr Mitläufer und sehe immer öfter Event-Schilder – leider helfen die mir nicht wirklich, da ich kein Hebräisch spreche und die Israelis doch recht sparsam mit dem Einsatz der englischen Sprache sind.

Aber dank der Hordenintelligenz der anderen Läufer bin ich bald im Startblock angekommen und tauche ein in den bunten Läuferschwarm. Die offizielle Farbbezeichnung des wirklich schönen Eventshirts kenne ich nicht, aber ich würde sie "neonkoralle" nennen.

Fast jeder um mich herum trägt das Veranstaltungs-Shirt, was das aufgeregte, summende Gemeinschaftsgefühl zusätzlich stärkt. Langsam, teils tanzend, tippeln wir gen Startlinie.

Und als der Schuss fällt, jubeln alle und die Füße wirbeln los.

Knallkoralle

Nach dem Trubel des Startbereichs wird es schnell ruhig um die Strecke. Wir sind um 7:20 Uhr losgelaufen – für diese Uhrzeit Zuschauer zu motivieren, stelle ich mir, trotz des traumhaften Wetters, herausfordernd vor.

Die ersten Kilometer führen entlang des großen HaYarkon Parks und ich bewundere die Hochhaus-Skyline hinter den grünen Hügeln. Ich erinnere mich an gestern, als ich mit dem Rad durch den Park geflitzt bin, und daran, wie das frisch geschnittene Gras roch.

Hugel

Je näher wir dem Stadtkern kommen, desto mehr ist auch am Straßenrand los. Immer wieder komme ich an DJs oder Bands vorbei. Erst war ich stinkig, weil mein Handyakku während des Laufs den Geist aufgegeben hat, aber inzwischen bin ich fast froh darum. Sonst würde ich die ganzen inoffiziellen Stimmungsmacher verpassen.

Am Straßenrand finden sich immer wieder einzelne Musiker oder Zuschauer mit Ghettoblastern, oder zur Straße gerichtete Lautsprecher an geöffneten Fenstern – letzterer spielt grade, als ich vorbeikomme „Run Boy Run“ von „Woodkid“. Ich bin mir sicher, dass ich dadurch ein paar Sekunden schneller werde.

Besonders launemachend finde ich die vielen Kinder und Jugendliche an der Strecke. Ganze Schulklassen wurden freigestellt, um die Läufer anzufeuern. Von Knirpsen mit bunt bemalten Schildern, bis hin zu singenden Teenies.

KinderTelAviv

Die Duschstationen – jedes Mal ein kleiner Regenbogen

Mit jedem Meter wird mir wärmer, was nicht nur an der Anstrengung liegt. Die Sonne scheint stärker. Ich kann gut verstehen, warum der Lauf in die frühen Morgenstunden gelegt wurde – zur Mittagszeit wäre das Einzige, was bei mir liefe, der Schweiß.

Durch zahlreiche Wasserstationen wird der Verdurstung vorgebeugt. Mein Highlight sind die Duschstationen – jedes Mal ein kleiner Regenbogen. Und wenn grade keine Läufer darunter Erfrischung suchen, tanzen die Volunteers im künstlichen Regen.

Regenbogen TanzenimRegen

Fast zu schnell sind die zehn Kilometer um, und ich flitze mit einem letzten Schlusssprint ins Ziel. Zur Belohnung gibt es Unmengen an Wasser, etwas Obst und natürlich eine Medaille.

Erst nachdem ich einige Minuten verschnauft habe, merke ich, dass ich auch einen kleinen Stickerbogen mit Zahlen bekommen habe. Großartig! Ich kann meine Zielzeit in freie Felder auf der Medaille kleben. War zwar keine persönliche Bestzeit, aber das ist mir ziemlich wumpe.

Es war definitiv einer meiner schönsten Läufe.

MedailleTelAviv

 

Statt wieder aufs Rad zu hüpfen, gehe ich die Strecke entlang zurück zum Hotel. Ich finde, es gibt kaum etwas Schöneres, als schon fertig zu sein und anderen Läufern zuzuschauen und sie anzufeuern. Außerdem kann ich so noch ein wenig von der herrlich wuseligen Atmosphäre in den Straßen Tel Avis aufsaugen.

Ich mochte meine gemütliche 10er-Strecke, aber tatsächlich wird die Route erst ab dem Halbmarathon so richtig interessant. Und die Marathonis dürfen nicht nur kilometerlang das Meer bewundern, sie kommen auch durch die bildhübsche Altstadt Jaffa. Außerdem ist ab 9 Uhr deutlich mehr los auf den Straßen.

PromenadeJaffa

Am Hotel angekommen fällt mir wieder ein, dass ich ja noch frühstücken wollte. Ein Blick auf die Uhr: noch fünf Minuten. In Rekordgeschwindigkeit lade ich einen Teller voll und dann nichts wie ab auf die Dachterrasse. Da sitze ich dann futternd – erschöpft und glücklich. FruhsuckTelAviv

Vor der Reise hatte ich ein wenig Angst, dass es hier nicht sicher sein könnte. Ich musste an Boston denken, an die Nähe zu Syrien und die vielen Konflikte rund um Israel.

Doch hier in Tel Aviv spüre ich davon nichts mehr. Diese quirlige, lebendige Stadt verdrängt meine Sorgen. Ich bin so froh, dass meine Angst mich nicht davon abhalten konnte diesen traumhaften Lauf zu erleben.

Auf der Straße unter mir werden die Marathonis weiter angefeuert und vor mir liegt das glitzernde Meer. Ja, ich glaube, ich muss wieder kommen und mehr Kilometer machen. Ich will laufen, am Meer.

 

Fotostrecke: Tel Aviv Marathon 2016

 

Zur Person: Ellen-Jane Austin ist leidenschaftliche Läuferin in Teilzeit, Musik-Junkie, Foodie und Redakteurin bei Achim Achilles. Wenn sie nicht als rasende Reporterin unterwegs ist, schreibt sie Songs mit einem befreundeten Pianisten oder arbeitet an ihren Buch-Projekten. Ihr erster Roman Kopfradio erschien im Sommer 2015 (Affiliate-Link).

Das könnte Dich auch interssieren:

Tel Aviv Marathon: Strecke, Infos, Anmeldung, Fotos

Jerusalem-Marathon: Buntes Läuferfeld auf schwierigem Pflaster

Marathon – alles Rund um das 42 Stundenrennen bei Achim Achilles

 

Rectangle Trainingsplan 16 9 2