Ironman-Triathletin Verena Walter: "Ich wusste nicht mal, wo Hawaii liegt"

Geschrieben von: Frank Joung
ironman hawaii verena walter

Verena Walter ist eine der besten Triathletinnen der Welt. Warum der Ironman Hawaii so besonders ist und warum sie den Marathon sogar mal gehend absolvierte, erklärt sie im Interview mit Achim-Achilles.de.

Achim-Achilles.de: Verena, auch in diesem Jahr warst du beim Ironman Hawaii am Start Wie lief es?

Verena Walter: Ich bin solala zufrieden. Ich hatte mir etwas mehr erhofft was meine Leistungen angeht und die Platzierung. Bin 27. bei den Profis geworden und Platz 32 insgesamt. Schwimmen war noch okay. Das Radfahren bis über die Hälfte auch, nur dann begannen meine Kräfte etwas zu schwinden.

Ich habe mich sehr defensiv verhalten, denn ich sah ein paar meiner Profikolleginnen vor mir ganz übel eingehen und aufgeben. Das wollte ich auf keinen Fall – ich wollte die Finishline erreichen! Ich dachte, wenn ich das solide weiterlaufe (nicht immer auf die Uhr schaue und mich ärgere), dann kassiere ich bestimmt noch ein paar Mädels vor mir ein. Und so war es auch. Nur im Nachhinein frage ich mich, ob ich nicht vielleicht doch etwas mutiger hätte laufen sollen.

Aber ich glaube, viel mehr war nicht drin. Ich bin auf jeden Fall mit einem Lächeln über die Ziellinie gelaufen und bin stolz, es geschafft zu haben.

"Hier liegt der Ursprung des Triathlonsports"

Achim-Achilles.de: Ist Hawaii wirklich so besonders?

Verena Walter: Auf jeden Fall. Dort liegt der Ursprung des Triathlonsports. Hier entstand alles – aus einer Wette zwischen Schwimmer, Läufer und Radfahrer, wer wohl der Fitteste sei. Ich war bei der 35. Auflage des Ironman und da waren einige der Gründer eingeladen. Das war nur eine Handvoll Leute, die diese verrückte Idee hatte. Das war so geil.

Achim-Achilles.de: Der Ironman ist fast vierzig Jahre alt. Immer noch träumen alle Triathleten von Hawaii. Hier werden Anekdoten zu Legenden.

Verena Walter: Lustig fand ich die Geschichte von dem einem, der am Tag nach dem Wettkampf in der Schule angeben wollte, was er alles Tolles gemacht hätte am Wochenende. Leider war er noch nicht im Ziel, als der Unterricht begann (lacht). Solche Geschichten machen es aus. Verrückt, was heute draus geworden ist. Der Sport reißt so viele Menschen mit – und ich bin ein Teil davon. Das finde ich cool.

Achim-Achilles.de: Ist dieser Spirit überhaupt direkt spürbar? Die Strecke von Hawaii ist nicht gerade von Menschenmassen gesäumt. Da ist der Challenge Roth zum Beispiel viel atmosphärischer.

Verena Walter: Stimmt, es gibt sicher schönere Rennen. Aber man spürt, dass jeder stolz ist, sich qualifiziert zu haben und da zu sein. Gerade für uns Deutsche ist es noch mal speziell, weil es eine halbe Weltreise ist.

"Jeder hat noch ein bisschen mehr Schiss"

Achim-Achilles.de: Ist die Atmosphäre zwischen den Athleten anders als bei anderen Wettkämpfen?

Verena Walter: Ich habe das Gefühl, dass jeder noch ein bisschen mehr Respekt vor dem anderen hat. Jeder weiß, dass hier die Weltelite versammelt ist: die Besten der Besten. Da schielt man schon mal genauer auf die Bauchmuskeln und hat noch ein bisschen mehr Schiss (lacht).

Achim-Achilles.de: Das ist jetzt das fünfte Mal, dass du dabei warst. Was machst du jetzt ansders als beim ersten Mal?

Verena Walter: 2007, als ich mich das erste Mal qualifiziert habe, musste ich erstmal meinen alten Diercke-Weltatlas rauskramen. Ich wusste nicht mal, wo Hawaii liegt. Alle sagten nur: 'Geil, da musst du hin.' Also bin ich hin. Als ich da war, dachte ich nur: Scheiße, nur gute Athleten, die wie die Wahnsinnigen trainieren.

Ich war geflasht, aber es war gar nicht so angenehm. Ich wusste nicht, was auf mich zu kommt und konnte nicht so gut damit umgehen. Jetzt kann ich es viel mehr genießen und lasse mich nicht verrückt machen von dem ganzen Hype.

"Ich dachte, ich sterbe"

Achim-Achilles.de: Beim zweiten Mal, 2009, bist du den vollen Marathon gegangen. Warum?

Verena Walter: Ich hatte mich früh qualifiziert und mich dann verletzt: eine schlimme Schambeinentzündung. Schwimmen, Radfahren ging einigermaßen, aber Laufen gar nicht. Ich wollte aber unbedingt an den Start gehen.

Deswegen gab es für mich keine andere Möglichkeit, als den Marathon gehend zu absolvieren. Ich hatte mir aber vorher nicht klar gemacht, was das heißt, diese Miststrecke auf Asphalt zu gehen. Ich hatte riesige Schmerzen – in den Füßen.

Achim-Achilles.de: Wie waren die Reaktionen auf deine Geh-Aktion?

Verena Walter: Ich hatte mir extra ein Schild umgehängt: "I am not walking, I am enjoying". Damit es offensichtlich wird, dass ich absichtlich gehe, und ich nicht an jeder Ecke angefeuert werde, dass ich wieder laufen soll. Das Schlimme war, dass mich selbst Ältere gehend überholt haben. Es war ein kleiner Kampf.

Achim-Achilles.de: War das nicht riskant, mit so einer großen Verletzung beim Ironman Hawaii anzutreten?

Verena Walter: Das Schlimmste war, dass kein Arzt wusste, was mit mir los war. Ich hatte solche Schmerzen, dass ich mich nachts gekrümmt habe. Ich dachte, ich sterbe. Mein Hausarzt hatte aber keine Ahnung und hat mir einfach immer stärkere Schmerztabletten gegeben – bis die Leberwerte so schlecht waren, dass ich ins Krankenhaus sollte.

Das war absurd. Irgendwann haben wir uns auf Schambeinentzündung geeinigt

Achim-Achilles.de: Wie lange hattest du damit zu kämpfen?

Verena Walter: Irgendwann habe ich Kortisontabletten bekommen. Damit ging es dann besser, aber es hat Jahre gedauert und ist bis heute nicht ganz weg. Manchmal spüre ich noch ein Ziepen, aber vielleicht ist das auch nur so eine Art Erinnerungsschmerz. Jedenfalls habe ich keine schlimmen Schmerzen mehr.

Achim-Achilles.de: Unglaublich, dass du überhaupt beim Sport geblieben bist.

Verena Walter: Triathleten sind stur. Die Ärzte meinten anfangs, ich würde wohl kein Leistungssport mehr treiben können. Gut, dass ich nicht auf sie gehört habe.

Achim-Achilles.de: Triathleten sind auch Streber. Ist das bei dir auch so?

Verena Walter: Ja. Ich halte mich streng an meinen Trainingsplan. Wenn da steht: vier Stunden Radfahren und ich komme nach 3:50 rein, fahre ich noch mal zehn Minuten. Das ist echt lächerlich und peinlich. Ich schäme mich dafür (lacht). Aber je näher es an den Wettkampf geht, desto weniger bin ich Streber. Dann trinke ich schon mal ein Bier. Ist wahrscheinlich die Angst vor dem Rennen.

 

Zur Person: Verena Walter, Jahrgang 1981, ist eine deutsche Triathletin. 2016 nahm sie zum fünften Mal am Ironman Hawaii teil – zum ersten Mal als Profi. Dieses Jahr gewann sie den Bonn-Triathlon und den Ironman 70.3 Otepää in Estland. Neben dem Sport arbeitet sie als selbständige Mediengestalterin. http://www.verenawalter.net/

 

Das könnte dich auch interessieren:

Ironman Hawaii 2016 – Patrick Lange: "Ich musste aufpassen, dass ich nicht ohnmächtig werde"

42 Fragen an Triathlet Jan Frodeno: "Der Kopf-Akku muss 100 Prozent voll sein"

Ironman Sebastian Kienle: Es ist ein Mythos, dass wir alle Einzelkämpfer sind

 

 

Rectangle Trainingsplan 16 9 2