Achim Achilles

Achim Achilles wird Vegetarier – 7 Wochen ohne Fleisch

Geschrieben von: Achim Achilles

Kann ich ohne Leberwurst und Schnitzel weiter Höchstleistungen bringen? Vielleicht werde ich ohne Fleisch schneller? Auf jeden Fall kann und ich will nicht mehr so weitermachen, ich werde auf Fleisch verzichten. 7 Wochen lang, bis Ostern.

Der Gruppendruck ist zu groß. Die Nachbarn gucken immer so verächtlich, wenn ich vom Metzger komme. Und ich habe gehört, dass Grünzeug durchaus das Zeug zu mehr hat als nur Deko. Soll sogar schmecken, die Zubereitung macht's. Werd ich ausprobieren, sieben Wochen lang, von Aschermittwoch bis Ostern.

Eisern werde ich durchhalten. In dieser Zeit kommt mir kein Steak auf den Teller – gut, Fisch, Eier und Gummibärchen bleiben fester Bestandteil meines Ernährungsplans, man muss ja nicht gleich übertreiben. Ich bin wie immer bestens vorbereitet. Habe alle Tipps von Vegan-Koch Attila Hildmann und Rohköstler Stefan Hiene gelesen. 

Also bleibt dran. Ich werde euch jeden Tag hier ab dem 13. Februar in meinem Blog berichten – wenn ich noch die Kraft dazu habe.

Und: Worauf verzichtet Ihr? (Verzichtserklärung bitte als Kommentar oder Blog)

Die Kolumnen zum Blog

Achilles' Verse: Oh, Leberwurst, ab jetzt ohne Dich.

Achilles' Verse: Der Vegetarier-Lehrling

 

Achims Vegetarier-Blog

 

Nach 7 Wochen: "Ich schenkte zwei Hühnern das Leben" auf Spiegel Online.

 

Tag 34: Reier-Reiz nach Brat-Job

 

Seit Jahren eine Wochenend-Tradition: ein gutes Stück Fleisch, zum Frühstück. Seit vier Wochen ohne mich. Mona hatte sich meinem Gemüsewahn verweigert und einen satten Lappen Öko-Ochsen-Filet erworben, so teuer wie Gold. Ich, als Herr der Bratpfanne, durfte das gute Stück brutzeln. Früher ein Fest. Wie das riecht. Wie das lecker aussieht. An diesem Sonntagmorgen wurde mir einfach nur sehr flau in der Magengegend. Es kostete einige Überwindung, den Brat-Job zu finishen. Ist Reierreiz nach vier Wochen Fleischabstinenz normal? 

 

Tag 29: Rote-Bete-Doping

Mein Lieblings-Nerd der Lauf-Szene ist Peter Greif ("Marathonläufer sind moderne Helden"). Immerhin hat der Mann eine Trainer-Ausbildung, weshalb die Überlastungsverletzungen infolge seiner brutalen Trainingspläne immer den Athleten anzukreiden sind. In seiner Online-Bude verkauft Peter Greif allerlei Voodoo-Mittel zu Gucci-Preisen, mal Salz, mal Sand, mal Atemlufttrainer, die nach dem dritten Mal Benutzen so vollgesabbert sind, dass nicht mal mehr der Hund damit spielen will.

Diese Woche hat Guru Greif wieder mal einen Kracher im Angebot: Rote-Bete-Drops. „Legales Doping“ jubelt Schleif-Greif. Die Belege für Leistungssteigerung basieren auf Vermutungen, Hörensagen, ein paar Fachbegriffen wie „Enzym“ oder „Mitochondrien“, dazu Omas Hausapotheken-Knowhow und reichlich anekdotische Evidenz aus einer einzigen Studie mit acht Probanden.

Zusammengefasst: Wer sich richtig schön Rote Bete gibt, der kann länger, weiter, schneller laufen, der geht ab wie Schmidts Katze, der senkt seinen Blutdruck, hat besseren Sex und gewinnt nächstes Wochenende im Lotto. Warum nur habe ich jahrelang Stierblut gesoffen? Endlich ist klar: Selbst beim Dopen sind Vegetarier im Vorteil.

Tag 27: Fleisch fehlt mir überhaupt nicht

Der geschätzte Kollege crashcrusher hat tatsächlich 6,5 Kilogramm abgenommen in seiner fleischlosen Zeit (siehe Kommentar unten). Damit kann ich leider nicht dienen. Hatte heute exakt ein Kilo weniger als vor knapp drei Wochen. Und das waren wahrscheinlich die geschwundenen Muskeln infolge der blöden Schlüsselbeinfraktur, obwohl ich im Fitness-Studio meines Vertrauens fast jeden Tag rumfuhrwerke.

Was interessant wäre zu erfahren: Was passiert im Vegetarier-Körper, wenn man so richtig schön die Kilometer im Frühjahrslauf-, Rad-und Schwimmtraining abhechelt? Das probieren wir dann nächstes Jahr. Viel wichtiger: Fleisch fehlt mir überhaupt nicht, solange ich hin und wieder ein Stückchen Fisch bekomme. Als ob der Körper mir sagen will: Mann, Keule, so ein Häppchen tierisches Eiweiß wäre jetzt echt gut. Und wenn der Körper befiehlt, dann folgt der Geist natürlich. 

Tag 24: "Fmeckt doch gar nicht fo flecht..."

Zum Weltfrauentag kocht Mona. An allen anderen Tagen ich. Kochen ist wie Lauftraining. Irgendwann gehen die Rezepte aus. Gestern das Kochhaus ausprobiert. Interessante Idee: Der Kunde - Single, Kochlaie, Startup-Unternehmer, FDP-Wähler - sucht sich ein Rezept aus und kauft dann grammgenau die richtigen Zutaten. Vorteil: Alles in einem Laden. Nachteil: Ein Blatt Salbei kostet soviel wie anderswo eine Salbei-Plantage. Egal. Ausprobieren. Tagliatelle mit Nusspesto ausgewählt, angeblich 25 Minuten Zubereitungszeit, kinderleicht. Um es kurz zu machen: Nach der ersten Gabel flehten die Kinder nach Ketchup, Mona bekam einen Hustenanfall, nur ich mümmelte tapfer: "Fmeckt doch gar nich fo flecht..." Heute werde ich wieder den Gemüsehändler unseres Vertrauens ansteuern.

Tag 23: Vegane Pizza für Faule

Das Gute am Vegetarier-Dasein: Man kocht viel mehr selbst. Okay, eigentlich schaue ich ich nur viel mehr Kochsendungen auf YouTube, um mir Anregungen zu holen. Attila Hildmann gefällt mir ("). Der Typ weiß, was ich will: 

Schnelle Küche: Vegane Pizza für Faule 

Tag 22: "Zwei Veggieburger bitte!" 

Ja, ich habe es getan. Mich in den Laden geschlichen, Check-Blicke links und rechts, ob mich jemand Bekanntes erwischt. In die Schlange gestellt mit unverdächtigem Burger-Gesicht. Endlich an der Reihe. Tief durchatmen, Stimme senken, dann los: "Zwei Veggieburger bitte!" Der dralle Herr hinterm Tresen verzieht keine Miene, bittet um Vergebung, dass die Gemüse-Hamburger nicht, wie alle anderen Produkte, halbwegs bratfrisch vorliegen und brüllt dafür umso lauter nach hinten: "Zwei Veggie!" Super. Der ganze Laden guckt mich an. Wie in der Werbung: "Hildegard, was kosten die Kondome?"

Veggieburger scheinen beim Marktführer für normiertes Essen nicht übermäßig gut zu laufen. Dabei sind 1,59 Euro ein fairer Preis im Vergleich zur veganen Rotkohl-Dinkel-Stange im Öko-Laden meines Vertrauens, die das doppelte kostet. Der Patty besteht aus einer Kartoffel-Gemüse-Mischung, wovon allerdings wenig zu schmecken ist, weil Schmelzkäse und Soße jegliches andere Aroma zukleben.

Kulinarisches Fazit: Der Veggieburger ist was Fleischfreies zu essen, besser als Verhungern, aber keine Lösung für alle Tage. 380 Kalorien sind mächtig, zwei Veggieburger müssen es schon sein, um ärgeren Kohldampf zu verscheuchen. Nächste Woche gehe ich noch mal testen, aber mit Mario-Barth-Maske.  

Tag 17: Neues Essen, neues Leben

Gerade in der „Süddeutschen“ eine Geschichte über Jan Bredak gelesen. Der war mit 30 die große Manager-Hoffnung bei Daimler und dann bald ausgebrannt. Inzwischen ist er 40 und bastelt an der Supermarktkette „Veganz“. Kann es sein, dass kleine oder große Lebensveränderungen inzwischen sehr häufig mit neuen Ernährungsgewohnheiten einhergehen, weil man einfach einen anderen Blick auf die Welt entwickelt? Oder interpretiere ich über? 

Tag 16: Verdinkelungsgefahr 

Besuch im Bio-Supermarkt, idealerweise kurz vor Ladenschluss, wenn niemand mehr in meinen weidengewirkten Einkaufskorb lugen kann: Dinkelflocken, Dinkelnudeln, Dinkelbrot – fehlt nur noch Dinkelwodka. Hatten wir nicht sogar mal einen Außenminister, der Dinkel hieß? Dinkel soll ja ein Zauberzeug sein, wie gemacht für den menschlichen Körper, weil schon die Neandertaler ihre Semmeln daraus rollten. Weizen dagegen kam vergleichsweise spät auf den menschlichen Speiseplan, weshalb die Darmzotten noch heute rebellieren. Dinkel ist der Landrover unter den Getreiden, der kommt überall durch, Weizen dagegen ist ein Alfa Romeo – bleibt überall liegen. Also mit Weizen geizen, denn vegetarisch heisst ja nicht: Fleisch durch Käsebrötchen ersetzen. 

Die Verdinkelung des Lebens führt zu seltsamen neuen Freundschaften. Will man wirklich ein verschwörerisches Augenzwinkern von der pensionierten Waldorfpädagogin einheimsen, die an der Kasse vom Bio-Discounter mit drei Fenchelknollen, einer Flasche Möhrensaft und zwei Litern linskdrehenden Marienwassers vor einem steht? Andererseits: Ein schneller Flirt hätte seinen Reiz, vor allem wegen des Karottensafts. Ich könnte meinen Trainingsplan tanzen, um die Dame esoterisch zu betören. Ich starre auf den ausgeprägten Damenbart der Kassiererin. Sie serviert auf ihrem Tantra-Flokati bestimmt basischen Tee, Geschmacksrichtung: aufgebrühter Adventskranz, Kerzenreste inklusive.

Neulich habe ich meiner Familie ein vegetarisches Abendessen bereitet, eine Läuferpizza auf Dinkelmehlbasis mit Zucchini und einem Hauch von Pecorino. Der Teig war zu kneten, bis er nicht mehr klebte, so hatte es das Rezept befohlen. Dummerweise klebte er aber mit jedem Walken stärker. Erst mit Hilfe einer ordentlichen Portion Weizenmehl ließ sich die Klebe wieder von den Fingern entfernen.

Nach einer halben Stunde im Ofen war das Ding zwar immer noch weiß, aber dafür hart wie Beton. "Hmmjam, gar nicht so schlecht", sagte ich ausgehungert. Mona schüttelte ihren Kopf und rief Hugos Pizzaservice an, was immer noch günstiger war als die streng ökologischen Zutaten für den Betonklotz. Morgen mach ich mal was mit Äpfeln.

 

Tag 15: Gollum spricht zu mir

In letzter Zeit sprechen die merkwürdigsten Gestalten zu mir. Letzte Nacht erschien mir Gollum im Traum, er sagte:

"Du darfst keine Frikadellen essen. Du bist Veganer". Zum Video "Gollum – Frikadelle".

 

Tag 14: Vegetarischer Speiseplan Klinikum Westend

Dies ist der Speiseplan "vegetarische Kost" für diese Woche im DRK-Klinikum Westend. Frage mich, ob der Bauerneintopf wirklich fleischfrei ist und ob man den Dativ wegen Nichtgebrauchs einfach abschaffen sollte.

Montag: Schnittlauchquark mit Butter und Kartoffeln, Wackelpudding, 575 Kalorien

Dienstag: 2 gekochte Eier auf Senfsoße, Kartoffeln und Salat, Obst, 465 Kalorien

Mittwoch: Bunter Gemüseteller mit holländischer Soße und Kartoffeln, Fruchtjoghurt, 808 Kalorien

Donnerstag: Ditali Nudeln mit Gemüsebolognese und Salat, Schokopudding, 490 Kalorien

Freitag: Bunter Bauerneintopf mit Bohnen, Obst, 385 Kalorien

Samstag: Kartoffel-Brokkoli-Gratin, Petersiliensoße mit Salat, Fruchtjoghurt, 574 Kalorien

Sonntag: Italienische Gemüsepfanne mit gelben Reis, Vanillepudding 430 Kalorien  

achim-achilles-schlüsselbeinbruch Schraube + Schlüsselbein

Tag 13: Ich habe mein Gelübde gebrochen

Liebe Moraltheologen,

jetzt mal eine Frage, die eine klare Antwort braucht: Rausreden verboten. Durch eine kleine Unachtsamkeit bin ich am Wochenende im Krankenhaus gelandet, wo Unfallchirurg und Alba-Fan Dr. Roger Kowalski mein Schlüsselbein verschraubte. Bekanntlich muss man nüchtern – im Sinne von acht Stunden nichts gegessen/nichts getrunken –, zur OP erscheinen. Nahrungsaufnahme am Abend des Samstag eingestellt.

Erste Nahrungswiederaufnahme am Sonntag gegen 17 Uhr, Abendessen in der Klinik, Käsebrot und Nudelsalat. Monsterkohldampf gegen 22 Uhr. Nachtschwester Monika um "irgendwas zu essen" angefleht, egal was. Hinweise auf vegetarische Phase schlicht vergessen. So, und jetzt kommt´s: Die Gute brachte natürlich eine Stulle mit Bierschinken, die andere mit Schinkenschinken, mit Liebe handgeschmiert, außerhalb der Öffnungszeiten, unter dem Eindruck eines hungerkrampfenden Patienten. Kann man da einfach den Belag vom Brot rupfen und auf den Teller packen? Ich hab´s nicht fertiggebracht.

Wäre wirklich eine Beleidigung für die Nachtschwester gewesen, die von 25 Patienten ununterbrochen beklingelt und auf Trab gehalten wird und einem Vielfraß trotzdem ein zweites Abendbrot bereitet. Ich habe also gegen mein Gelübde verstoßen, nach ausgiebigen Überlegungen zum Unterschied von "wertrational" und "zweckrational", die der brillante Max Weber einst traf. Aber ab morgen wird der Knochen wieder mit Salat zusammengeklebt. 

Achim Achilles im Krankenhaus

Tag 10: Tier als Beilage

Diese Woche für DW-TV den Berliner Spitzenkoch Michael Hoffmann interviewt. Spannend. Hoffmann hat die Hierarchie auf dem Teller einfach umgedreht. Klassischerweise wird erst Fleisch oder Fisch festgelegt und dann die Beilage. Bei Hoffmann ist es andersherum: Er überlegt sich zuerst das Gemüse und addiert dann das Tier als Beilage dazu. Seit drei Jahren hat Hoffmann seinen eigenen Garten in Brandenburg, wo er 180 Gemüse zieht, strikt nach Jahresplan. So wissen die Köche schon im Februar ziemlich genau, was im Mai auf den Tisch kommt. Star ist die „chinesische Keule“, eine vergessene Salatart. „Koch und Gärtner“ steht auf Hoffmanns Visitenkarte, mindestens einmal die Woche checkt er auch im Winter seine Rabatten. Garten ist wie Laufen, einfach raus, einfach weg, einfach einfach. Und beide Male geht es um Keulen.  

Tag 8: Salatisten und Health Snobs

Salafisten und Salatisten haben ja manches gemeinsam, eine gewisse Unnachgiebigkeit in Glaubensdingen zum Beispiel. Es gibt bestimmt ganz viele total nette und tolerante Vegetarier. Aber die, die sich öffentlich zu erkennen geben, gehören nicht dazu.

Unser Land steckt im Würgegriff der Health Snobs, Zeitgenossen, die herablassend auf alle wie mich hinabschauen, die sich nicht schon zum Frühstück einen nach Landlust-Plan selbst gezogenen Wirsing pürieren. Geht es nach den Hardcore-Grünies, dann muss ich mir den ganzen Tag Gedanken über meinen Speiseplan machen, Stunden beim Einkaufen verbringen, quer durch die ganze Stadt nach exotischen Gewürzen jagen, mehrere Container neuer Kochbücher bestellen, aber nicht mehr bei Amazon, und, am schlimmsten: den ganzen Tag kreativ sein.

Ich habe aber gar keine Lust, mir fortwährend neue Auberginen-Gerichte auszudenken. Manchmal habe ich einfach nur Hunger. Jetzt zum Beispiel. Was hilft? Ganz einfach. Ein Interview mit Susanne Kaloff lesen, die sich vorwiegend von grünen Smoothies ernährt. Das Rezept ist denkbar simpel: einmal Rasen mähen und ab in den Mixer. Frau Kaloff frühstückt zum Beispiel Löwenzahn. Petersilie und Mangold, was aber nicht im normalen Mixer geschreddert wird, sondern in einem Turbogerät, weil erst bei Hochgeschwindigkeit die Fasern gespalten und das hochwertvolle Chlorophyll freigesetzt würde, das Pflanzenblut sozusagen, das gleichsam das Licht in den Körper bringt. Komisch, aber auf einmal habe ich gar keinen Hunger mehr. Ein Glas Wasser ist auch was Schönes, da blutet wenigstens keiner. Nachher mache ich mir eine Käseschrippe.

Und nächste Woche fange ich endlich an, ein Health Snob zu werden.

>> Sport und vegane Rohkost: Ohne warme Mahlzeiten zu Spitzenleistungen

 

Tag 7: Räucheraroma macht mich fast bewusstlos

Schon eigenartig, was mit einem Menschen geschieht, der sich vier Jahrzehnte lang keinerlei Gedanken über sein Fleischverhalten gemacht hat. Zunächst einmal passierte allerdings gar nichts. Obwohl ich seit Aschermittwoch heroisch ohne Schnitzel, Wurst und Döner lebe, spüre ich an mir, in mir keinerlei Veränderung. Nur der Weg durch die Einkaufspassage vorbei an der Metzgerei hat eine neue olfaktorische Dimension. Das geballte Räucheraroma macht mich fast bewusstlos. 

>> Mehr auf Achilles' Verse bei Spiegel Onine: Der Vegetarier-Lehrling

Tag 6: Flying Buffet mit Designer-Tomate

Am Sonnabend die ultimative Herausforderung: ein Flying Buffet. Klingt super, weil man scheinbar nicht mal anstehen muss, sondern die Kellner die Leckerli direkt an den Mann bringen. Die traurige Realität: verschwindend kleine Häppchen, davon viel zu wenig, aber alle mit Fleisch. Entweder Kalbsbäckchen oder was Schweinernes oder Lamm. Ob's denn was Fleischfreies gäbe, wispere ich der Servierkraft zu, so leise, dass mich die anderen 100 Gäste garantiert nicht hören können.

Sei so vegetarisch wie Du willst, aber halt einfach die Klappe zu dem Thema, hatte mir ein Routinier geraten. Es scheinen sich trotzdem alle nach mir umzudrehen. Die bezaubernde Catering-Fachkraft verspricht, in der Küche nachzufragen. Sie kommt nie wieder. Dafür fliegt etwa alle 17 Minuten ein Tablett mit Vorspeisen vorbei, darauf exakt eine homöopathische Portion Tomate-Mozzarella. Etwa 20 Tabletts später könnte sich der erste Hauch von Sättigungsgefühl einstellen. Jetzt weiß ich auch, warum alle sagen, dass fleischfrei gut für die schlanke Linie ist: Man bekommt einfach nie was zu essen. Um ein Essgefühl zu bekommen, zerbeiße ich eine Designer-Tomate mit den Schneidezähnen. Wie kriegt man Tomatensaft eigentlich aus weißen Hemden?

 

Tag 4: Tolle Wurst

Achims Traum in Fleisch als Fotostrecke

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Tag 3: "Käsebrötchen gehen mir auf den Geist"

Interessant. Ich vermisse das Fleisch eigentlich nicht. Aber meine Gewohnheiten werden geprüft. Gestern war ich zum Beispiel mit dem ICE unterwegs, jenes wunderbare Verkehrsmittel mit Menschen, die über viel Tagesfreizeit verfügen. Seit Jahren esse ich immer die Vollkornschnitte und trinke dazu eine Tasse grünen Tee. Die Schnitte ist mit Dreierlei belegt: Käse, Salami, Pute. So, und jetzt? Schnitte erwerben, den Aufschnitt runterklauben und Butterstulle mit Wurstresthauch genießen? Darf man Salami einfach so wegwerfen? Meine Mutter, kriegstraumatisiert, hätte mir dafür eine gescheuert. Also gut, ich verzichte auf die Stulle und erwerbe stattdessen zwei Käsebrötchen beim Bahnhofsbäcker. Käsebrötchen gehen mir langsam auf den Geist. Ohne Fleisch heißt jedenfalls noch lange nicht: viel Gemüse.

Tag 2: "Ich ging den Weg des Brokkoli" 

Erste Bilanz: Es ist keine Fron. Morgens esse ich die pampigen Schokoflockenreste aus der Schüssel des Kleinen, mittags zwei Teigrollen vom Bio-Höker gegenüber und packe für den Nachmittag zwei Bananen und zwei Äpfel ein. Spannend war der abendliche Besuch bei Freund Heikko. Sein Gulasch ist Legende, bestimmt von einem Brandenburger Pony.

Alle Gäste bedienen sich am Gulasch, klacksen Saure Sahne obenauf und Petersilie, nur ich gehe stracks zum Käsebrett. Fragende Blicke. "Willst Du eine Schüssel Gulasch?", fragt die Hausherrin. "Ne, bin gerade mal ein paar Wochen fleischfrei", entgegne ich und betrachte gierig den Greierzer. Schweigen.

Stracks teilt sich das Publikum in drei Gruppen: die Jungs grinsen, die jüngeren Frauen gucken mitleidig, Damen jenseits der Menopause nicken anerkennend. Ich erinnere mich an den Tipp eines routinierten Salatisten: "Mach´s, aber rede nicht drüber." Die Geburtstagsrunde analysiert die aktuelle Pferdefleischschwemme und gibt danach mit exotischen Tieren an, die man gegessen haben will. Wir kommen auf Meerschweinchen, Maden, Heuschrecken und Eichhörnchen.

Ich hole mir noch eine Ecke Käse. Eine Frau kommt auf mich zu und sagt, dass sie ihre Magenprobleme mit dem Verzicht auf Fleisch, Milch, Zucker, Weißmehl und Reis in den Griff bekommen hat. Ich muss aufstoßen: Wahrscheinlich will mir mein Magen mitteilen, dass ich mich unterstehen soll, auf derlei Ideen zu kommen. Rotwein macht mir zum Glück keine Magenprobleme.

Tag 1: Ich bin Vegetarier-Praktikant

Aufgestanden und gar nicht dran gedacht, dass sich ja ab heute ein Vegetarier-Praktikant bin. Gestern abend eine Sekunde vor Mitternacht noch rasch eine Scheibe Salami reingewürgt, eher aus Guerilla-Geist denn vor Appetit. Gut, dass ich keine Wurst zum Frühstück esse. Marmeladen-Abstinenz fiele mir deutlich schwerer.

Die Waage zeigt gaaanz knapp über 90 Kilogramm. Wehe, dieses Grünzeug haut auf die Hüften. Mittags werde ich mir vom Bio-Imbiss eine Sesam-Stange mit Rotkohlfüllung holen. Oder zwei. Frühabends ist Tempotraining in Potsdam; da kann der Rotkohl gleich sein Rückstoßpotential ausspielen. Spätabends feiert dummerweise Heikko seinen Geburtstag. Und da gibts immer 1a-Gulasch. Wenn ich nach Brokkoli frage, werde ich zum ersten Mal erfahren, was soziale Ausgrenzung bedeutet. Im Keller hinter den Sommerreifen eine Dose Hundefutter gebunkert, falls es wirklich ernst wird.

 

 

 

 

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