Achim Achilles

Achilles' Verse: Warum Achim keine Wettkämpfe mehr läuft

Geschrieben von: Achim Achilles
Achim Achilles in Wiese

Wenn die Rennerei zur Sucht wird, leidet das Leben. Laufberater Achim Achilles wagt ein brutales Selbstexperiment: Dieses Jahr einfach mal keine Wettkämpfe. Drohen nun Einsamkeit oder Verfettung? Im Gegenteil. Die neue Freiheit schmeckt wunderbar.

Autismus der Lauf-Junkies

Neulich, beim Angrillen, zog mich Martha, eine Freundin von Mona, hinter einen Magnolienstrauch. Klaus, ihr Mann, sollte uns nicht sehen. Würde ich jetzt vernascht werden? Nein, wieder nicht. Nur vollgejammert.

„Er spinnt“, wisperte Martha tonlos. Dann eine endlose Klaus-Klage: immer nur laufen, immer nur über Laufen reden, dauernd beim Arzt, jedes Wochenende Wettkämpfe, kaum Familienleben, kein Lachen, trotz akribisch rasierter Beine kein Sex ohne Brustgurt. Bestzeit statt Lebenszeit. Der Klaus in uns allen.

Ich nickte. Kam mir bekannt vor. Klarer Fall von Lauf-Junkie, was okay ist, wenn man allein lebt und seine sozialen Kontakte auf die Trainingsgruppe reduziert.

Laufen hat ja in seiner extremeren Variante viel mit Autismus zu tun. Die ganze Zeit Kopfrechnen: Wie viele Kilometer noch? Wie lag das Durchschnittstempo bisher bisher? Wie viele Stunden muss ich noch, um mein Wochenpensum zu erreichen? Leider fehlt häufig die Inselbegabung. Wer manisch läuft, ist noch lange nicht schnell, sondern einfach nur viel unterwegs.

Was gegen die Laufsucht hilft

Als Familienmensch mit multiplen Interessen ist so eine Laufsucht lästig. Vielleicht sollte man Bilder mit zerschredderten Menisken auf Laufschuhkartons drucken?

„Wie bist Du davon losgekommen?“, fragte Martha. Offenbar hatte sich dank Mona herumgesprochen, dass ich umgeschult hatte, von abhängig auf Suchtberater. Ich habe mich auf Läufer-Detox spezialisiert.

Erste Regel jeder therapeutischen Intervention: ehrlich machen, die Abhängigkeit eingestehen und womöglich gar Ursachen benennen: Wovor läufst du weg? Warum kommst du immer erst dann wieder, wenn die Kinder im Bett sind? Wo zeigt sich deine Essstörung sonst noch? Wen im Büro willst du beeindrucken?

Ehrlichkeit ist gar nicht so leicht, wenn Laufen das ganze Leben definiert. Tief drinnen fühle ich mich bis heute unwert, schmutzig und so überhaupt nicht leistungsaffin – weil ich nicht mehr mit diesem völlig irren Blick unterwegs bin.

Mein Geheimnis: Abgesehen von Staffelspaß und Charity absolviere ich dieses Jahr mal keine Wettkämpfe. Okay, kleiner Rückfall, ein 10km-Test im Britzer Garten war ganz am Anfang der Saison nötig, um mir zu beweisen, dass die Strecke in weniger als 60 Minuten zu schaffen ist.

Kann auch sein, dass ich im Juli einen Tour-de-France-Berg hochstrampele. Aber gegen mich, nicht gegen die Uhr. Gut möglich, dass ich absteige, um mir die Beine zu vertreten. Früher undenkbar. Und? Fühlt sich an wie 1989: Eine Mauer ist gefallen. Freiheit.

Die neue Freiheit muss man aushalten

Der Entschluss fiel im vergangenen Herbst. Meine Schuldgefühle waren immens. „Drückeberger“, rief mein innerer General Paulus, „Weichei! Läuferlandverräter!“ Ja ich war schwach. Und verwirrt. Wie ein ausgewilderter Nasenbär, der sich plötzlich in freier Wildbahn zurechtfinden muss.

Ein Leben ohne Trainingsplan ist furchtbar unübersichtlich. Soviel Freiheit. Kein Klemmbrett-Hirni an der Laufbahn, der mir unablässig Zahlen entgegen bellt. Dafür plötzlich selber denken und entdecken, dass es neben dem schlechtem Gewissen tatsächlich noch eine große Auswahl weiterer Gefühle gibt.

Epikur, der alte Hedonist, mahnte zu Recht, das fortwährendes Mäßigen auch zur Sucht werden könne.

Interessant auch: Einige Freunde habe ich seit Ewigkeiten nicht getroffen, weil sie halt nicht laufen und man daher kaum Berührungspunkte hat. Sie waren aber immer noch da. Freunde halt.

Und dann die Familie. Mona und die Jungs waren tatsächlich mehr als Flaschenanreicher, Krankenstation, Krampfrausdrücker und Mitleidsdarsteller, wenn wieder der Gang zur Physio anstand.

Es gehört zu den großen Leistungen der Läuferbetreuer, dass sie auch beim 43. Marathon noch so tun, als vollbringe der Freizeitathlet gar übermenschliche Leistungen. Jetzt ist es mal an der Zeit, dass ich die Flaschen zurückreiche. Und es ist nicht immer nur Isotonisches drin.

 

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