Achim Achilles

Achilles' Verse: Im Schneckentempo auf den Mont Ventoux

Geschrieben von: Achim Achilles
Achim am Mount Ventoux

Panische Angst und schlaflose Nächte davor, Toastbrotbeine und quietschende Lunge dabei: Freizeitradler Achim Achilles quälte sich den legendären Mont Ventoux hoch. Von Krampfeslust, niederschmetternden Tretkraftmessungen und einer gnadenlosen Selbsterfahrungsfahrt.

"Champions drehen sich nie um"

Ächzen. Röcheln. Verzweifeln. Schon wieder dieser Kilometerstein: 6,0. Jetzt aus dem Sattel, bis etwa 5,8. Doppel-Ächz. Zurück in den Sattel fallen lassen, aber nicht langsamer werden. Herr, wirf neue Beine vom Himmel.

Hat sich da schon wieder so ein Lutscher in meinen Windschatten gehängt? Ich drehe mich nicht um. Champions drehen sich nie um. Weiterstrampeln. Nein, nicht umdrehen. Auf gar keinen Fall. Ich drehe mich um, nicht richtig, nur ganz wenig. Niemand zu sehen. Einsamkeit bei 5,5. Noch gut 500 Meter. Mörderische fünf Prozent Steigung. Viel mehr geht nicht in Berlin an Steilheit. 5,3.

Wieder aus dem Sattel. Beine wie Toastbrot. Sicherheitshalber noch mal umdrehen. Da, ganz unten, weit hinten kommt einer, stecknadelgroß. Noch 200 Meter. Verschiedene Atemtechniken münden allesamt in hirntotem Hecheln. Lunge quietscht, Schuh quietscht. Kopf quietscht.

Noch 50 Meter. Da, der Gipfel. Ich bin der König vom Willi. Kurz vor dem Zielstrich kommt von hinten dieser Jungspund angebraust, der eben noch ein Stecknadelkopf war. Mist. Den sicheren Sieg verspielt. Ist wohl noch etwas Training nötig.

Oben wird die Luft dünn

Es war vielleicht doch keine gute Idee, bei diesem Menschenversuch mitzumachen. Ein scheinbar liebenswürdiger Herr hatte mir angeboten, Mitte Juli vor den Recken der Tour de France den Mount Ventoux hochzufahren, einer der Schicksalsberge der Frankreich-Rundfahrt, 20 Kilometer Rampe mit durchschnittlich knapp sieben Prozent Steigung, auf einen kahlen windigen Gipfel, 1912 Meter über dem Meer.

Oben, wo es zehn Prozent steil ist, gibt es natürlich null Schatten, dafür dünne Luft. „Klar“, sagte mein Mund. „Du Idiot“, entgegnete mein Kopf. „Du wolltest doch in diesem Jahr an keinen Wettbewerben teilnehmen “, sagte der innere Buchhalter.

„Ist ja auch kein Wettbewerb, höchstens gegen dich selbst“, erwiderte meine innere Abteilung für Ausnahmegenehmigungen, die leider von Brüsseler Dimension ist. „Guck mal in den Leistungskatalog deiner Krankenversicherung“, mahnte meine Frau Mona. „Ein interessantes Vorhaben“, murmelte seltsam bedächtig mein Leibarzt. Keiner glaubt an mich, nicht mal ich.

Hoffentlich filmt keiner, wenn mir Sonnencreme und Schweiß und Tränen in die Augen laufen, während ich das Rad den Hang hinabfeuere und – welche Schmach – in einem niederländischen Wohnwagen um Asyl bitte.

90 Kilogramm schlecht trainiertes Kampfgewicht

Meine Beine bibbern schon jetzt vor Krampfeslust. Angst ist das vorherrschende Gefühl bei der Kraxelei. Der Brite Tom Simpson verstarb auf dem Anstieg, zuviel Amphetamin im Blut. So ein Gedenkstein am Wegesrand macht richtig Mut.

Brian Holm, früher beim Team Telekom, erinnert sich, wie ein Mechaniker sein Rad am Hang reparierte. Der alte Trick: Wenn nichts mehr geht, einfach Panne vortäuschen. Der Mechaniker ist gleich nach der Reparatur übrigens richtig schnell geworden, denn er hatte vergessen, die Handbremse am Auto anzuziehen.

Eddy Merckx hat das Rennen auf den Leidensberg der Tour mal gewonnen, musste dafür oben unters Sauerstoffzelt. Hoffentlich steht das Zelt noch, idealerweise mit ein paar Filialen auf dem Weg.

Mit 90 Kilogramm Kampfgewicht bin ich mindestens eineinhalb Tour-Profis, dafür deutlich schlechter trainiert. Die Guten fahren in 45 Minuten auf den Mt. Ventoux, ich gönne mir locker mal das Dreifache. Wenn ich überhaupt oben ankomme. Als Letzter natürlich. Die Zuschauer sind wahrscheinlich längst abgereist. Werde ich halt Eremit. Nach der Nummer will eh keiner mehr was mit mir zu tun haben.

Der Wille ist da, klar. Männer in den Wechseljahren machen ja jeden Scheiß, um den Eindruck ewiger Jugend zu suggerieren. Ich drehe ein paar unnütze Runden im Skate-Pool, das macht wenigstens Eindruck bei den coolen Jungs – wenn auch einen falschen. 

Berlin hat nur Trainings-Schutthügel

Training würde helfen, ist aber schwer in der Hauptstadt. Berlin hat keine Berge, sondern im besten Fall Schutthügel, von denen keiner auch nur 200 Meter hoch ist. Der Karlsberg im Grunewald, den der Berliner, logisch, „Willi“ nennt, bringt es auf stolze 78,5 Meter.

Nicht schlecht für eine Endmoräne, aber als Alpensimulation nur bedingt geeignet. Ich müsste den Willi mindestens zwanzig Mal hochasten, die letzten zehn Runden mit einem roten S/M-Ball im Mund, um Sauerstoffknappheit realistisch zu simulieren.

Mir ist nach drei Versuchen schwindelig; Luftmangel tritt bei mir schon im Flachland auf. Manchmal wünsche ich mich stundenweise nach Bayern. Mein medizinisches Team rät zum einem Trainingslager im Harz. Der Brocken ist immerhin 1000 Meter hoch, ein halber Mt. Ventoux.

Aber sollte man seine knappen Kraftreserven im Training verschleudern? Anfängerfehler. Ich fahr jetzt noch mal den Willi hoch. Und diesmal überholt mich keiner.

 


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