Achim Achilles

Achilles' Verse: Die Lauf-Therapie

Geschrieben von: Achim Achilles

Für sein neues Buch "Sehnen lügen nicht" hat Lauf-Guru Achim Achilles die schönsten und schrecklichsten Momente des Joggens protokolliert. Ansichten eines mittelmäßigen Läufers.

Ich laufe nun schon fast 20 Jahre und habe wenige Höhen und viele Tiefen eines Rennerlebens durchgemacht. Ich habe mehrfach probiert, Genusssucht und Marathonvorbereitung zu harmonisieren, ich habe mein Pflichtbewusstsein mit einer Reihe von Trainern und Trainingsplänen geprüft, ich habe Familie und Triathlon zu vereinen versucht, Beruf und Regeneration.

Ich habe um Anerkennung gewinselt und um Mitleid, ich bin mörderfrüh aufgestanden und nachts durch fremde Städte geirrt. Es war nicht nur schön, aber immer lehrreich.

Wie eine gute Therapie hält mir das Laufen nahezu täglich einen Spiegel vor die Nase: Was will ich wirklich? Wo sind meine paar Stärken, welche altbekannten Schwächen nerven mich mal wieder?

Anders als im Dschungel des Lebens meint es das Laufen nie böse mit mir: Ich kann selbst entscheiden, ob ich mir eine harte TrainingseinheitMarathonvorbereitung zumute oder meinem Körper Ruhe gönne. Die Folgen sind bisweilen brutal, aber nicht tödlich.

Das Laufen ist mein psychologischer und physischer Abenteuerspielplatz, wo ich mich relativ gefahr- und hemmungslos ausprobieren kann, wo ich Limits teste, Freude und Ärger finde und jede Menge Befriedigung.

Und nebenbei ganz hilfreiche Informationen darüber, welche Folgen die halbe (oder ganze) Flasche Rotwein vom Vorabend am nächsten Morgen mit sich bringt. Man nennt es die Konsequenzen des eigenen Handelns. Und lernt, die Verantwortung dafür zu übernehmen.

So hat es lange gedauert, bis ich gewagt habe, meinem Körper zu vertrauen. Es ist eben nicht immer Weicheierei, wenn ich mir einen Tag lang Schonung gönne, anstatt den Trainingsplan deutschdoof abzudienen.

Und andersherum kann ich heute einen strammen langen Sprint genießen, wenn jede Zelle nach Sauerstoff giert, wenn das Brutzeln des Fettverbrennens zu hören ist, wenn die Lunge alle Sünden des letzten halben Jahrhunderts herunterrasselt.

So langsam entschlüssele ich den großen Unbekannten namens Körper, weil ich durch das Laufen mit ihm in einen offenen Dialog getreten bin. Und all diese Erkenntnisse kann ich sofort in mein Restleben übertragen.

Meine Leistungsfähigkeit ist eben nicht grenzenlos, deswegen muss ich mir meine knappen Ressourcen in Job oder Familie ebenso behutsam einteilen wie auf der Tartanbahn. Es lebe der Mittagsschlaf.

Wer läuft, der testet sich selbst, der experimentiert, der schärft sein Selbstgefühl und entdeckt seine echten Bedürfnisse. Was zum Beispiel ist mir wirklich wert und wichtig, wenn ich nur 60 Minuten habe: eine Stunde Facebook, um vielleicht drei Likes und zwei neue Friends zu finden?

Oder eine Stunde mit einem richtigen Freund im Wald, um zu reden, zu schwitzen, zu lachen, einfach gemeinsam zu sein? Die Wahl kann jeder für sich und jeden Tag neu treffen.

Nein, es wird niemand an meinem Sterbebett stehen, der mir zu Bestzeiten, Überstunden, ordnungsgemäß absolvierten Trainingsplänen oder all dem anderen Pflichtmist gratuliert. Viel eher wird die große Frage am Ende lauten: Warst du bei dir, bei denen, die dir wichtig sind, hast du Sinn und Freude erfahren und womöglich auch gegeben?

Die Antwort ist ziemlich klar: Fast immer, wenn ich in Lauf- oder Radschuhen unterwegs war, im oder auf dem Wasser, habe ich viele dieser guten Seiten des Lebens erfahren. Und das soll so bleiben.

 

Sehnen lügen nicht: Der neue Lauf-Bestseller mit den besten SPIEGEL-ONLINE Kolumnen von Achim Achilles:

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