Warum die Kenianer die schnellsten Läufer der Welt sind

Geschrieben von: Frank Joung

Marcel Fehr gehört zu Deutschlands größten Hoffnungen auf der Mittelstreckendistanz. Der 19-Jährige hat einen Monat lang in den Höhen von Kenia trainiert – und zwar fernab vom Läufer-Mekka in Iten, wo der Jogging-Tourismus bereits seine Kreise zieht. Fehr glaubt, drei Gründe für den wahnsinnigen Erfolg der Kenianer ausgemacht zu haben.

 

von Marcel Fehr

 

1. Die Abstammung

Kenia besteht aus 42 Stämmen mit 42 unterschiedlichen Sprachen. Man verständigt sich untereinander in Swaheli oder Englisch. Einer der großen Stämme sind die Kalenjin im Nordwesten Kenias. Aus diesem Stamm kommen mehr als 70 Prozent der kenianischen Lauftalente. Man kann das noch genauer eingrenzen. Eine Untergruppe der Kalenjin sind die Nandi, seit Jahrhunderten ein Läufervolk von Jägern und Kriegern, von denen anscheinend nur die größten, leichtesten und schnellsten überlebt haben.


 

Marcel Fehr, Jahrgang 1992, ist amtierender Deutscher Jugendmeister auf 3000 und 5000 Metern und gehört zu den größten deutschen Laufhoffnungen. Bei der U-20-WM in kanadischen Moncton belegte der 19-Jährige den 6. Platz über 1500 Metern. Dieses Jahr wechselt er zu den Männern. Ende 2011 verbrachte er einen Monat in Kenia. Momentan laboriert er an einer langwierigen Knieverletzung. www.marcelfehr.de.


Wir haben in deren größter Stadt, in Eldoret, noch sie so viele große und nach unseren Maßstäben fast untergewichtige Menschen gesehen. Die sind alle fürs Laufen geboren. Kein Gramm Fett und den ganzen Tag auf den Beinen. Bei etwa 50 Euro Monatseinkommen können sich die wenigsten ein Taxi (5 €) oder eine Fahrt mit dem Mopedtaxi (0,50 €) leisten, also wird gelaufen. Ruhig, wir würden sagen „im aeroben Bereich“, aber es wird gelaufen. Oft barfuß übrigens.

Die Mentalität der Krieger ist ebenfalls weitervererbt. Man ist leidensfähig, man gibt nicht auf. Es gilt das Gesetz des Dschungels auf einer anderen Ebene. Fressen oder gefressen werden – gewinnen oder verlieren. Und keiner will hier verlieren. Wir haben das bei unserem ersten Crosslauf gesehen. Jeder der Teilnehmer lief mit leerem Blick, immer am Anschlag, oft mit weit aufgerissenen Augen, immer Vollgas. Schlimm ist es für einen Kalenjin gegen einen anderen zu verlieren, schlimmer noch, gegen einen "mzungu" (einen Weißen) und am allerschlimmsten, gegen einen Äthiopier zu verlieren.

 

2. Die Höhe

Wir kamen in Nairobi (zu deutsch „kaltes Wasser“) an und haben uns unter der Reise in die Höhen Kenias eine Fahrt wie bei den Pass-Strassen in den Schweizer Bergen vorgestellt. Irrtum. Alleine Nairobi liegt schon 1700 Meter über dem Meer. Bis Eldoret fehlten also nur 500 Höhenmeter und bei den 320 Kilometer Fahrt dorthin ist uns der Anstieg kaum aufgefallen. Die Landschaft grün, tropisch, das Klima warm, sonnig, eigentlich landschaftlich ein Paradies und doch fehlt uns Flachländern etwas. Nämlich genügend Sauerstoff.

Die ersten Tage hatte ich beim Training immer das Gefühl, nicht genügend Luft zu kriegen, obwohl das Lauftempo total langsam war. Mein Coach klagte manchmal über Kreislaufbeschwerden. Die Kenianer sind hier aufgewachsen. Was für uns ein Trainingslager ist, bekommen die Einheimischen ein ganzes Leben lang geschenkt: nämlich die Anpassung des Körpers mit weniger Sauerstoff in der Luft auszukommen!

Durch die vermehrte Produktion roter Blutkörperchen wird somit auch unter erschwerten Bedingungen eine optimale Sauerstoffversorgung des Körpers gewährleistet. Ich bin jetzt schon so weit, zu sagen, dass ohne umfangreiches Höhentraining ein Läufer keine Chance mehr hat, in der Welt vorne mitzulaufen.

 

3. Der Lauf um die Existenz

In Eldoret gibt es eine „Straße der Läufer“ in der die Prachtvillen derjenigen Athleten stehen, die es international geschafft haben. Im Zentrum sehen wir die Büros von Moses Kiptanui, die Geschäftshäuser von Daniel Komen. Wir wohnen auf der Farm von Kipchoge Keino, dem ersten kenianischen Olympiasieger 1968 bei den Spielen in Mexico. Die sehr armen Menschen hier sehen all diese Erfolge, die man mit seinem gottgegebenen Talent erreichen kann.

Zuletzt gewann, wie schon so oft in letzter Zeit, ein Kenianer einen großen Stadtmarathon. Diesmal in New York. 300 Leute saßen allein in einem einzigen Cafe in Eldoret um einen Fernseher und schauten zu. Der Sieger streicht 100.000 US-Dollar oder mehr ein. Eine unvorstellbare Summe für fast jeden hier. Er wird zurückkehren nach Eldoret und nie mehr arbeiten müssen. Die Kalenjin waren immer Läufer, aber durch die moderne Kommunikation, Fernsehen und Internet, wird allen immer mehr bewusst, wie viel Geld sie mit Laufen verdienen können. Und jeder dieser vielen 1000 Läufer kann, egal wo in der Welt, jeden Lauf gewinnen.

In Kenia läuft man nur um seine Existenz. Dafür läuft in Europa oder der westlichen Welt niemand mehr. Beim Crossrennen vor einigen Tagen sahen wir ein vielleicht 15-jähriges Mädchen in einem abgewetzten Mantel zum Start des Jugendlaufes gehen. Sie kam barfuß. Als sie den Mantel auszog, hatte sie darunter Bluse und Rock. Sie stellte sich barfuß an den Start und lief in Straßenkleidung um ihre Zukunft, ihr vielleicht besseres Leben. Am Ende war sie irgendwo im Mittelfeld. Aber sie wird nicht aufgeben, bis sie vielleicht eines Tages ganz vorne steht. Und wenn die Spitzenläufer Kenias auch nur einen Augenblick durchatmen, werden sie von der eigenen Jugend gehetzt, gejagt und als Sieger abgelöst – es sind Krieger – und gewinnen heißt überleben.

 

Mehr Blog-Beiträge von Marcel Fehr aus Kenia gibts auf der Seite der Waiblinger Kreiszeitung.

Fotostrecke: Nachwuchsläufer Marcel Fehr in Kenia

 

 

 

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