NYC-Halbmarathon: „Dann bebt Manhattan“

Geschrieben von: David Bedürftig

Gisela Göthel wuchs in der DDR auf, hörte die Beatles und schwärmte schon immer von den USA. Als sie vom Lehrerjob auf Lauftrainerin umsattelte, wuchs in ihr der große Wunsch einmal den New-York-(Halb-) Marathon zu laufen. Im nächsten Jahr ist die 66-Jährige bereits zum sechsten Mal in der Metropole dabei.

Achim-Achilles.de: Gisela, bei allem Respekt, du bist 66 Jahre und reist noch fürs Laufen durch die Welt. Fällt dir das nicht schwer?

Gisela Göthel: Gar nicht. Ich bin seit 33 Jahren non-stop auf Tour: Wettkämpfe und tägliches Training. Früher lief ich 5000 Kilometer pro Jahr. Dieses Jahr bin ich acht Halb- und zwei volle Marathons gelaufen, insgesamt habe ich 72 Marathons gefinisht. Gleich bei meinem ersten New-York-Marathon 2009 habe ich mich in die Stadt und den Lauf verliebt. Der Halbmarathon hat mir dann aber noch mehr gefallen, das ist mein Terrain. Ich peile immer die Zwei-Stunden-Marke an.

Was fasziniert dich so am New-York-Halbmarathon?

Man führt vor und nach dem Rennen immer interessante Gespräche, weil Menschen aus aller Welt mitlaufen. Und natürlich ist die Strecke sehr reizvoll: Alle Highlights Manhattans warten da. Der Start im Central Park in den frühen Morgenstunden ist schon besonders. Dieser erste Streckenabschnitt im Park ist sehr anspruchsvoll, da geht es hoch und runter.

Danach kommt dann mein Lieblingsabschnitt: Die 7th Avenue hinunter bis zum Times Square. Allein die Atmosphäre dort mit den ganzen bunten Lichtern ist toll. Und alles was Beine hat, ist draußen. Dann bebt Manhattan.

Sind die Zuschauer in New York anders als in Deutschland?

Die Zuschauer in New York brüllen und toben so laut, dass man fast Kopfschmerzen bekommt (lacht). Es gibt sogar Bands und Cheerleader, das ist unfassbar. Da wird man richtig gepusht.

Wie geht der Lauf nach dem Times Square weiter?

Danach fällt die Strecke etwas ab Richtung Hudson River, wo man richtig Gas gibt. Entlang des Flusses stehen weniger Zuschauer und man kann wieder zur Ruhe kommen und sich auf den Lauf konzentrieren. Dazu genießt man die grandiose Skyline New Yorks.

Und das Ziel?

Das Publikum am Rand tobt einen ins Ziel. Und auch die schon angekommenen Läufer feuern einen an, man gibt sich im Ziel die Hand oder umarmt sich. Das habe ich so in Deutschland noch nie erlebt. Dann bekommt man die Medaille umgehängt und ist einfach glücklich. Ich bin im Ziel immer wieder wie in Trance. Unbeschreiblich.

Was unterscheidet den New-York-(Halb)Marathon von anderen?

Beim New-York-Halbmarathon habe ich richtig Konkurrenz. In meinem Alter läuft in Deutschland kein Mensch mehr ambitioniert Wettkämpfe. In New York kann ich meine Kräfte mit den Amerikanerinnen messen, die auch bis ins höhere Alter noch auf Leistung laufen.

Ich habe in den USA schon alle großen Läufe in New York, Boston, Chicago und Washington absolviert. Beim Halbmarathon in San Francisco habe ich dieses Jahr mit einer Zeit von 2:10 Stunden sogar den Sieg in meiner Altersklasse erringen können. Aber an New York hängt einfach mein Herz.

Woher kommt diese Liebe zu New York?

Es war schon immer mein Traum, in die USA zu fahren, auch als ich in der DDR wohnte und noch nicht dort hin konnte. Ich liebe die Vielfalt und die Aufgeschlossenheit New Yorks. Die Stadt schläft niemals – das ist genau mein Ding. Und mich fasziniert die unglaubliche Architektur: Die muss man gesehen haben. So lange die Füße mich tragen, fahre ich jedes Jahr nach New York.

Hast du ein Lieblingsort in diesem weiten Hochhäusermeer?

Beim letzten Mal war ich ganz oben im neuen Freedom Tower – das war unbeschreiblich. Ich konnte 80 Kilometer weit gucken. Mit einem erneuten Besuch des Towers werde ich mich auch nach dem nächsten erfolgreichen Halbmarathon in New York beschenken.

Der Lauf findet meist im März statt – wie ist da das Wetter in der Metropole?

Die Kälte muss man immer einkalkulieren, manchmal wird es unter null Grad. Und trotzdem kommen so viele Zuschauer. Bei meinem ersten New-York-Lauf hatte ich mich total verschätzt und die falsche Kleidung dabei. Da war ich noch zu unerfahren.

Leidet man da nicht auch unter Jet-Lag?

Jet-Lag bekomme ich erst, wenn ich wieder zu Hause bin. Klar, ein wenig müde ist man schon in New York. Aber das verfliegt schnell, wenn die Euphorie einsetzt.

Wie lautet dein nächstes Ziel?

Ende Mai möchte ich gerne beim Liverpool-Halbmarathon mitlaufen, denn ich bin ein großer John-Lennon-Fan. Mein Englischlehrer in der DDR hat uns die Beatles näher gebracht. Und unter dem Ladentisch konnte man auch ein paar Platten erstehen.

In New York gehe ich immer zum John-Lennon-Memorial im Central Park und lege Blumen nieder. Ich bin beim Halbmarathon auch mal mit einem Lennon-Shirt gelaufen und die New Yorker fanden das toll.

 

Zur Person: Gisela Göthel, Jahrgang 1950, war Philosophie-Lehrerin bis zur Wende. Sie schulte um, erwarb die Leichathletik-Lizenzen C, B, und A und trainierte fortan Kinder und Jugendliche. Seit 1983 läuft Göthel Wettkämpfe.

Wenn ihr auch mal beim NYC-Halbmarathon mitlaufen wollt:

Der nächste New-York-Halbmarathon findet am 19. März 2017 statt. Anmeldungen können über den NYRR Club oder über Marathonreiseveranstalter interAir GmbH erfolgen.

 

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