"Beim Nordic Walking geht die Post ab"

Geschrieben von: David Bedürftig

Nordic Walking - ein Rentnersport? Matthias M. Meringer walkt Ultramarathon-Strecken. Ein Interview über Extrem-Walking, Entschleunigung - und peinlich berührte Läufer.

Achim-Achilles.de: Matthias, bist du der uncoolste Extremsportler Deutschlands?

Matthias M. Meringer: Nicht, dass ich wüsste (lacht).

Du bist bekennender Nordic Walker. Der Sport gilt als bieder.

Die Sportart wurde von Anfang an zu sehr in Richtung Gesundheit vermarktet: Ein Sport, der gut für den Körper ist, aber bei dem ich mich nur wenig anstrengen muss und kaum schwitze. Der Durchschnittswalker ist deshalb eher gemütlich unterwegs. Und auch wegen der Stöcke wird man leider manchmal nicht ernst genommen.

"Viele Läufer sind Nordic Walker, ohne es selbst zu wissen"

Bei vielen Walkern hat man das Gefühl, dass sie die Stöcke als Gehhilfen verwenden und nicht als Sportgerät.

Ohne despektierlich sein zu wollen: Die meisten Nordic Walker gehen einfach spazieren, quatschen und haben eben ihre Stöcke dabei. Trotzdem ist Nordic Walking zu Unrecht als Rentnersport verschrien. Denn wenn ich die Stöcke richtig einsetze, ist es ein richtiger Sport, der genauso gut für jüngere und fittere Menschen geeignet ist wie Laufen.

Übrigens gibt es auch genug Leute, die das Laufen langsam angehen. Viele Läufer sind ja eigentlich Nordic Walker, ohne es selbst zu wissen (lacht).

Warum hast du dich bewusst für Nordic Walking entschieden?

Früher war ich Läufer. Nach einer Verletzung probierte ich Nordic Walking und es gefiel mir, weil ich damit noch längere Strecken zurücklegen konnte. Ich wurde also Nordic Walker im Leben - aber im Kopf blieb ich Läufer.

Machst du dir selbst etwas vor?

Nein, meine Herangehensweise an Nordic Walking ist einfach die eines Läufers, und so trainiere ich auch: Lange und kurze Strecken, mal schneller, mal langsamer. Ich versuche, immer besser zu werden und betreibe Nordic Walking als Leistungssport. Das machen typische Nordic Walker nicht. Für Ultramarathons von bis zu 60 Kilometern benötige ich gut neun Stunden. Da musst du sportlich und mental top vorbereitet sein.

MatthiasMeringer

Ein Ultramarathon-Walk dauert bis zu neun Stunden (Foto: Matthias M. Meringer)

"Ich bin ausgerüstet wie ein normaler Ultraläufer"

Extremsport und Nordic Walking - das passt ja eigentlich nicht zusammen, oder?

Kaum einer weiß, dass man überhaupt einen Nordic-Walking-Marathon machen kann. Dabei ist der Sport genauso schweißtreibend und anstrengend wie Laufen - wenn man es richtig macht. Den Halbmarathon walke ich in 2:40 Stunden.

Das ist selbst für Läufer keine schlechte Zeit: Wie sieht also "extremes" Nordic Walking aus?

Ein Nordic-Walking-Marathon ist nichts für Weicheier, besonders mit den 1000 Höhenmetern, die in den Bergen hinzukommen. Auf meinen längeren Strecken bin ich ausgerüstet wie ein normaler Ultraläufer: Mit Trinkrucksack, Salztabletten, Ersatzstrümpfen, GPS und Handy.

Was unterscheidet einen Nordic-Walking-Marathon von einem gewöhnlichen Marathon?

Beim Nordic Walking geben die Stöcke den Takt vor. Die Beine folgen nur. Da muss man auf die Technik und auf den richtigen Griff achten. Außerdem wird die Muskulatur im Hintern, in den Armen und den Schultern stark beansprucht. Diese Ganzkörperbeanspruchung haben Läufer nicht.

Ein Nordic-Walking-Marathon findet meist auf Forst- und Waldwegen statt, denn Asphalt macht beim Nordic Walking wenig Spaß: Die Stöcke stechen ja bei jeder Bewegung in den Boden ein, und der Asphalt gibt natürlich nicht nach. Das spürt man in den Händen und Armen.

"'Oh Gott, mich hat ein Nordic Walker überholt'"

Du powerst dich beim Nordic Walking also genauso aus wie früher beim Laufen?

Beim Nordic Walking geht schon die Post ab. Der Marathonlauf ist etwas anstrengender, weil der ganze Bewegungsablauf mehr Energie erfordert. Nordic Walking ist eine Stufe gemächlicher und harmloser. Das heißt aber nicht, dass man dafür nicht genauso fit sein müsste. Man geht bei beiden Sportarten ans Limit.

Musst du dir Sprüche von Läufern gefallen lassen?

Im Vergleich zur Laufszene ist Nordic Walking noch recht unorganisiert. Meist sind die Events in Laufveranstaltungen integriert, auf 100 Läufer kommen etwa 20 Nordic Walker. Da haben die Läufer mich anfangs natürlich beäugt. Aber bei nicht so langen Strecken walke ich mit einem Schnitt von 8,5 Kilometern pro Stunde. Und wenn du dann langsamere Läufer überholst, nehmen sie dich ernst. Mancher fühlt sich natürlich peinlich berührt: "Oh Gott, mich hat ein Nordic Walker überholt."

Bei deinen Ultrastrecken bist du fast den ganzen Tag unterwegs: Ist das nicht öde?

Einen kleinen Dachschaden braucht man schon, um so was zu machen (lacht). Aber langweilig ist es nie, ich walke ja auf Zeit und versuche, immer besser zu werden. Außerdem ist es für mich Freiheit pur, das ganze Wochenende mit Nordic Walking in der Natur zu verbringen und die Ruhe zu genießen.

 

Zur Person: Matthias M. Meringer, Jahrgang 1966, ist Nordic Walker und Texter in Bayreuth. Auf seinem Blog nordicwalkinghelden.de berichtet er von seinen Ultratouren und gibt Nordic-Walking-Tipps.

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