Laufen bis zur Erkenntnis

Geschrieben von: David Bedürftig

Misha G. Schoeneberg reiste zwei Monate mit buddhistischen Mönchen zu Fuß durch Indien, 1500 Kilometer weit. Ein Interview über Puffreis-Schnitten, Armutsporno und merkwürdige Selbsterkenntnis.

Achim-Achilles.de: Wie geht es deinen Füßen?

Misha G. Schoeneberg: Unglaublich gut. Auf meiner langen Reise hatte ich nicht eine Blase. Aber nach Nächten auf irgendwelchen Feldern in Westbengalen plagten mich oft Rückenschmerzen. Ich dachte: "Verdammt, wie kommst du aus der Sache raus?"

Du bist mit 220 buddhistischen Mönchen aus Thailand 1500 Kilometer durch Indien und Nepal gelaufen - worum ging es bei diesem zweimonatigen Marsch?

Ich bekam 2015 eine Einladung über einen befreundeten Mönch aus Thailand, als einziger Nicht-Thai auf dieser Pilgerreise mitzulaufen. Das war eine Art Ehrung für mein Engagement als Südostasienwissenschaftler. Drei Ziele verfolgten die Mönche mit dem Pilgermarsch, der an wichtigen religiösen Stätten vorbei führte: Die Harmonie der Welt, die Ehrung ihres Königs und die Verbesserung des eigenen Karmas. Pilgern ist im Buddhismus keine Pflicht.

Warum dann dieser enorm lange Marsch?

Buddha wollte nicht verehrt werden, er war ja ein Mensch. Sein Wunsch war es laut den Lehrreden des Thai-Mönchs Buddhadasa Bhikku: "Wenn ihr etwas zu meiner Ehrung tun wollt: Lauft! Laufen reinigt den Körper und klärt den Geist." Das machten wir dann also. Etwa 42 Kilometer und 50.000 Schritte pro Tag - die Thai-Mönche haben das mit ihren iPhones gezählt.

Jeden Tag einen Marathon? Puh!

Wir standen um drei Uhr morgens auf und um vier Uhr ging's los. Die Zelte wurden glücklicherweise auf Lkw für uns zum nächsten Nachtplatz befördert. Viele Mönche liefen barfuß, der letzte Schrei unter ihnen waren allerdings Birkenstock-Sandalen. Ich marschierte in meinen zehn Jahre alten Nike Asphalt Runnern, die haben super gehalten. Um 7.30 Uhr gab's dann eine Puffreis-Schnitte und um 12 Uhr Mittag. Danach durften wir nicht mehr essen.

image-1194185-galleryV9-hgsh-1194185Alte Treter: In diesen Laufschuhen legte Schoeneberg 1500 Kilometer zurück (Foto: David Bedürftig)

Das hört sich anstrengend und nicht unbedingt gesund an. Wie achtet man auf so einer körperlich herausfordernden Tour auf die Hygiene?

Die indische Crew hat uns zum Glück täglich mit drei Litern Trinkwasser pro Person versorgt. Wasser zum Waschen gab es nur, wenn zufälligerweise ein Brunnen oder Wasserfall in der Nähe war. Den zweiten und dritten Tag in die verschwitzten, stinkenden Klamotten zu steigen, war gruselig. Am vierten Tag war's dann egal. An den heiligen Stätten haben wir in buddhistischen Klöstern genächtigt. Bei meiner ersten Dusche, nach 17 Tagen ohne, habe ich geheult vor Freude.

Die Mönche haben ihre Notdurft auch mal am Straßenrand in der Hocke unter ihren Gewändern verrichtet. Wir Europäer haben da viel zu viel Scham und ich bin in Autobahntankstellen oder in die Büsche gegangen, was aufgrund von Schlangen eigentlich zu gefährlich war.

Indiens Luftverschmutzung gehört zur Schlimmsten der Welt: Wie läuft es sich dort?

Die Luft ist dort nicht mehr zu atmen. Wir trugen Atemmasken, liefen durch Landschaften, die vernichtet sind. Die Leute hängen dort in Apathie, haben keine Hoffnung mehr - und ich keine Antworten. Das Ausmaß kann man sich nicht vorstellen, bis man es gesehen hat. 600 Kilometer lange Müllhalden: Einige Orte in Indien zeigen die Katastrophe der Menschheit. Das Problem kommt auch von uns aus dem Westen. Wir sourcen Wirtschaftszweige aus und laden dort giftige Industrieabfälle ab.

Ein reicher Weißer, der durch verarmte Regionen Indiens reist und darüber schreibt: Klingt nach Armutsporno.

Natürlich sah ich mich mit dem Konflikt konfrontiert, ob ich zum Beispiel Bettler oder im Müll lebende Menschen fotografieren sollte. Ich habe dann Fotos gemacht, aber extra keine ästhetischen. Es ging um Belege. Für mich selbst zuerst. Auch um Berichterstattung. Wenn du diese Armut gesehen hast, kannst du sie nicht mehr leugnen.

Ich zittere heute immer noch vor Wut, wenn ich mir die Menschen auf den Bildern anschaue. Natürlich kann ich nicht Millionen Inder retten, aber das Weltwirtschaftssystem samt Outsourcing von Problemen nährt ihre Armut. Wir müssen uns unserer Verantwortung bewusst werden und beispielsweise aufhören, auf Kosten ihrer Gesundheit unsere Kleidung dort billig zu fertigen oder aufhören, die Kohleproduktion vor Ort zu fördern, die für Umweltkatastrophen und viel Elend verantwortlich ist.

War der Marsch also auch eine geistige Herausforderung?

Ich musste mich oft zwingen weiterzulaufen. Aber ich konnte ja schlecht allein auf einem Feld im Nirgendwo zurückbleiben. Die körperliche Herausforderung und die Schmerzen spielten jedoch irgendwann nur noch eine untergeordnete Rolle. Der Marsch wurde zur extremsten Herausforderung für den Kopf.

Die ersten 600 Kilometer waren kompletter Irrsinn nach meinem europäischen Denken, unlogischer Wahnsinn. Wir liefen auf der Autobahn, nachts im Dunkeln und in der Fahrtrichtung. Das war der meistbefahrene Highway Asiens! Für mich war es keine Frage, ob es Tote gibt. Für mich war die Frage: Wann?

Eine Pilgerreise soll ja eigentlich beruhigend sein und Erkenntnis bringen.

Für die Mönche ist Laufen Meditation. Auch ich habe versucht, alles um mich herum zu vergessen. Aber dieses totale nach innen abschalten, nachts auf der Autobahn besonders, ist schon eine hohe Kunst. Manchmal ist mir das vielleicht fünf Minuten lang gelungen. Trotzdem: Es stellte sich ein Lauf-Automatismus ein, der mich schlussendlich gerettet hat.

Was sahst du in deinem Inneren, worüber dachtest du nach?

Mir kamen die persönlichsten Themen aus den Tiefen meines Ich zugeflogen. Ich begegnete unterwegs sehr vielen Menschen, aber das merkwürdigste Wesen, dem ich begegnete, war ich selbst.

 

Zur Person: Misha G. Schoeneberg, Jahrgang 1959, ist Südostasienwissenschaftler, offizieller Übersetzer der Songs von Leonard Cohen und ehemaliger Tourmanager der Band Ton Steine Scherben. Seinen zweimonatigen Marsch durch Indien hielt er in seinem Buch Siddhartha Highway fest.

 

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