Vizeweltmeister Rico Freimuth: "Zehnkampf ist ein brutales Geschäft"

Geschrieben von: David Bedürftig

Am Wochenende stellte Zehnkämpfer-Weltmeister Kévin Mayer einen Fabelweltrekord auf. Rico Freimuth, Vizeweltmeister 2017, trat aufgrund eines mentalen Lochs mal wieder nicht an. Anfang 2018 zog er die Notbremse: Kein Wettkampf mehr, kein Training. Stattdessen spielt er Fußball. Warum?

Ein Hühne in Shorts tritt durch die Tür. Zehnkämpfer Rico Freimuth, 1,96 Meter und 90 Kilogramm, kräftiger Händedruck, grüßt bestimmt aber freundlich und nimmt sich im Adidas Store in Berlin exklusiv Zeit für Achim Achilles. Offen und direkt spricht der Vizemweltmeister 2017 über seine mentalen Probleme, die ihn im Mai 2018 zu einem temporären Rücktrick vom Zehnkampf zwangen. Er wirkt ruhig, formuliert seine Sätze ehrlich und bedacht: Ein Mann hat nach Jahren der Knochenarbeit seine innere Ruhe gefunden.

"Irgendwann tut das im Kopf einfach weh"

Achim-Achilles.de: Rico, du bist Zehnkampf-Vizeweltmeister, hast jahrelang hart trainiert. Im Frühjahr 2018 bist du plötzlich ausgestiegen. Warum?

Rico Freimuth: Ich war der einzige Zehnkämpfer weltweit, der seit 2011 jedes internationale Event mitgemacht hatte: Irgendwann tut das im Kopf einfach weh. Außerdem habe ich lange gebraucht, um die WM-Silbermedaille von 2017 körperlich und geistig zu verarbeiten, ich befand mich in einem Dauer-High.

Erst ein halbes Jahr nach der WM kehrte Ruhe bei mir und in meinem Umfeld ein - und dann ging es bergab. Mental war ich nur noch bei 50, körperlich bei 80 Prozent.

Und dann hast du die Notbremse gezogen?

Die Entscheidung kam ziemlich schnell, ich war selbst überrascht. Das war im Mai, mitten im Mehrkampf-Meeting Götzis, dem größten Wettkampf der Saison: Ich war Dritter und hatte nur noch drei Disziplinen vor mir. Ich hätte mich also für die EM qualifiziert.

Aber ich musste mir überlegen, was ich in meiner Karriere noch erreichen will. An erster Stelle steht da eine Medaille bei Olympia 2020 in Tokio. Ich habe gemerkt, dass ich kürzer treten muss, wenn ich das erreichen will.

"Das Schlimmste sind die Pausen"

Der Olympiasieger im Zehnkampf von 1952, Bob Mathias, nannte den Sport "Mord in zehn Raten": Was macht deine Disziplin so hart?

Zehnkampf ist ein brutales Geschäft, weil man so unglaublich hart trainieren muss, es aber trotzdem oft aussichtslos ist, in die Weltspitze zu kommen. Als Zehnkämpfer machst du Knochenarbeit, hast einen sehr hohen Verschleiß der Gelenke. Unseren inneren Kampf kann man nur nachvollziehen, wenn man Zehnkampf gemacht hat - der prägt fürs Leben.

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Wie steht man den Wettkampf durch?

Um 7 Uhr morgens sind wir im Stadion, um 9 Uhr laufen wir 100 Meter und um 22 Uhr 400 Meter - darauf folgt dann noch mal so ein Tag. Um Energie zu haben, aber den Magen nicht so beanspruchen, esse ich im Wettkampf Babybrei.

Das Schlimmste sind die Pausen. Da fangen die Muskeln an, weh zu tun, und man hat Zeit zum Nachdenken. Dabei fällst du immer wieder in Löcher, mental und körperlich. Du darfst keine Schwäche zulassen, ansonsten bist du schnell draußen.

"Manchmal spürt man einfach diese Leere"

Du hast deine Schwäche ja durch deinen temporären Ausstieg öffentlich gemacht.

Im Gegenteil, ich empfinde mein Ausscheiden als ein Zeichen der Stärke, denn es war eine bewusste Entscheidung. Als Sportler hast du Höhen und Tiefen und musst lernen, damit umzugehen. Manchmal spürt man einfach diese Leere, das ist ein ganz komisches Gefühl, denn beide Extreme geben dir ähnliche Signale.

Hast du dir zu viel Druck gemacht, immer der Beste sein zu müssen?

Als Leichtathleten sollen wir Medaillen nach Hause bringen, auch wenn der Deutsche Olympische Sportbund immer weniger Geld für uns ausgeben will. Wir müssen uns zusätzlich noch darum kümmern, wie es nach unserer Karriere weiter geht, müssen nebenher studieren oder eine Ausbildung machen. Das ist schon schwer.

Im Allgemeinen kann ich mit Drucksituationen gut umgehen, ansonsten hätte ich nicht das erreicht, was ich erreicht habe. Und ich weiß, dass ich wieder zurück in den Zehnkampf finde.

"Ich renne nicht viel langsamer als die deutschen Sprinter"

Warst du anfangs nicht gut genug für eine einzelne Disziplin, um diese Strapazen zu umgehen?

Zehnkämpfer könnten auch Olympiasieger oder Weltmeister in einzelnen Disziplinen werden, würden sie sich spezialisieren. Ich renne aktuell 10,40 Sekunden auf 100 Metern. Das ist nicht viel langsamer als die deutschen Sprinter, aber ich trainiere nur einmal die Woche Sprint. Der bisherige Zehnkampf-Weltrekordler Ashton Eaton ist ja schon 10,19 Sekunden gelaufen.

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Kann man Vielseitigkeit überhaupt trainieren?

Wenn du dich im Sprint entwickeln willst, musst du zwangsläufig im Ausdauerbereich weniger machen. Wenn du höher springen willst, musst du abnehmen und musst dann beim Kugelstoßen auf Zentimeter verzichten.

Im Wettkampf habe ich mit 1,96 Meter und 90 Kilo eine komplett andere Statur als der Weltmeister und neue Weltrekordler Kévin Mayer mit 82 Kilo bei 1,86 Metern. Man kann nicht sagen, so oder so ist man besser. Beim Zehnkampf brauchst du jemand an deiner Seite, der trainingswissenschaftlich Ahnung hat und für dich den richtigen Weg findet.

"Ich bin schneller als Weltmeister Kylian Mbappé"

Jetzt spielst du allerdings Fußball in der Verbandsliga. Warum?

Ich war schon immer ein großer Fußballfan. Aber die Ignoranz gegenüber der Leichtathletik ist im Fußball und in den Medien zu groß geworden: Da wurde sogar Timo Werner schneller als Usain Bolt geredet. Fußballer trainieren aber nur den Antritt und nicht die Maximalgeschwindigkeit, weil die Sprints selten länger als 30 Meter sind. In dem Bereich ist Leichtathletik eine andere Hausnummer.

Du bist also schneller als alle anderen Fußballer?

Weltmeister Kylian Mbappé hat einen sehr guten Antritt auf den ersten 30 Metern, aber ich bin trotzdem schneller.

 

Zur Person: Rico Freimuth, Jahrgang 1988, ist Vizeweltmeister im Zehnkampf. Im Frühjahr 2018 kündigte er überraschend eine Pause an und spielt nun Fußball in der Verbandsliga Sachsen-Anhalt. 2019 will Freimuth wieder im Zehnkampf angreifen und an den Olympischen Spielen 2020 teilnehmen.

Alle Fotos: Adidas

 

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