Julia Viellehner: "Männer überholen macht Spaß"

Erstellt: Donnerstag, 29. Juli 2010 02:00
Geschrieben von: Frank Joung

Im Interview spricht die 24-Jährige über die Freiheit beim Laufen, das Höhentraining in Kenia und wie Männer reagieren, wenn sie von einer Frau überholt werden.

Frau Viellehner, 2009 war ein Superjahr für Sie. Wie läuft's bislang in 2010? Wie geht’s dem verletzten Fuß?

Julia Viellehner: Es wird langsam besser, aber mit Betonung auf langsam. Ich hatte mir ja einen Ermüdungsbruch im Mittelfuß im September vergangenen Jahres zugezogen. Und der verheilt leider nur langsam.

Trainieren Sie schon wieder?

Ja, zwei, drei Mal die Woche. Eher locker, keine Bahneinheiten und keine Tempoläufe.

Sie haben 2009 mit Bestzeiten über 800m, 1500m, 5000m, einem erfolgreichen Marathon-Debüt und einer guten Crosssaison abgeschlossen. Welche Strecke liegt Ihnen denn am meisten?

Eher die längeren Distanzen: 10 km, Marathon. Die 800 Meter waren nur ein Spaß zum Saisonende. Die Strecke konnte ich gar nicht richtig genießen, viel zu kurz. Das war einfach nur ein Sprint.

Julia Viellehner ist eine der vielversprechendsten deutschen Nachwuchsläuferinnen. Die 24-Jährige kommt aus einer Läuferfamilie und hat zudem das Glück, dass ihr Training fast immer Spaß macht. Sie wurde 2009 überraschend Zweite bei den deutschen Marathonmeisterschaften und gewann im selben Jahr den Halbmarathon in Köln.

Wie sieht ihr Trainingspensum in der Woche aus?

Sieben bis zehn Einheiten. Wenn keine Wettkämpfe anstehen zwischen 110 und – in Spitzenzeiten – 180 Kilometer pro Woche.

Da muss man ja fast fragen: Bleibt neben dem Laufen noch Zeit für einen Beruf?

Ich mache gerade eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin und arbeite mit behinderten Menschen. Das läuft im Schichtdienst und geht ganz gut. So habe ich immer eine Hälfte des Tages Zeit fürs Training.

2009 waren Sie zum Höhentraining in Kenia. Hat Ihnen das was gebracht?

Kann man so genau nicht sagen. Über den Erfolg von Höhentrainingslager lässt sich ja streiten. Aber es war ein anderer Ort, andere Bedingungen. Ich reise gern, da sieht man was von der Welt. Außerdem kenne ich eine kenianische Läuferin, bei der ich wohnen kann und wo ich direkt das kenianische Läuferleben leben darf. Das ist wirklich interessant, aber das hat viel mehr mit Abenteuer zu tun als mit Sport.

Konnten Sie rausfinden, warum so viele gute Läufer aus dem Land kommen?

Es gibt wirklich Unmengen guter Läufer. Die haben einen wahnsinigen Ehrgeiz – weil die wirtschaftliche Lage ganz anders ist. Ist doch logisch. Die sehen darin die Möglichkeit, in die europäische Welt einzutreten.

Was motiviert Sie?

Es macht einfach riesig Spaß. Laufen bringt Ausgeglichenheit, Zufriedenheit. Freiheit. Und wenn dann noch die Erfolge vom Wettkampf dazu kommen...

Ein Tag ohne Laufen – können Sie sich das vorstellen?

Ohne Laufen schon, ohne Sport nicht. Wenn ich nicht laufe, fahre ich Fahrrad oder gehe in die Berge. Gar kein Sport? Nee, da muss ich schon richtig krank sein.

Und wenn Sie mal keinen Sport treiben können, gehen Sie anderen auf die Nerven?

Richtig, ich bin dann extrem lästig (lacht). Ich stehe dazu, ich weiß es ja selbst. Aber meine Familie unterstützt mich von allen Seiten. Mein Bruder läuft ja selbst auf Leistungssport-Niveau. Meine Eltern sind früher auch gelaufen. Das ist also kein Problem.

Wie entspannen Sie? Nehmen Sie auch mal den Fahrstuhl?

Ganz selten. Da muss ich schon Gepäck dabei haben. Entspannen kann man immer, auf dem Sofa, am See, mit Freunden. Das gehört auch dazu, man muss ja auch regenerieren und umschalten können, ganz klar.

"Ein Wettkampf ist keine Entscheidung über Leben und Tod"

Haben Sie Geheimtipps für Hobby- und Freizeitläufer, die besser werden wollen?

Ständig am Ball bleiben, fleißig trainieren und ganz wichtig: Die Freude am Laufen nicht verlieren. Es muss Spaß machen, sonst geht's nicht. Training macht ja auch Spaß.

Es fällt auf, dass Sie viel lachen beim Laufen.

Ich versuche halt zu lächeln, wenn ich einen Reporter entdecke (lacht). Nein, ich bin allgemein ein fröhlicher Mensch. Verbissen bin ich eigentlich nicht, auch nicht bei Wettkämpfen. Es ist ja “nur” ein Wettkampf, keine Entscheidung über Leben und Tod. Es muss Spaß bereiten.

Wie sieht es aus mit der Ernährung? Strenge Diät?

Nee, um Gottes Willen. Ich ernähre mich gesund, das schon. Viel Obst, viel Gemüse, Kohlenhydrate, aber auch mal ein Stück Schokolade oder ein Eis. Das gehört auch dazu. Das einzige, was ich immer brauche, ist mein Kaffee – drei Stunden vor dem Wettkampf. Am Abend vorher Kohlenhydrate, egal, ob Nudeln, Kartoffeln, Reis. Und morgens dann Müsli oder Semmeln mit Honig.

Sie erwähnen in Ihrem Blog oft den Einfluss von männlichen Läufern. Brauchen Sie die, um schnell zu sein?

Es macht einfach Spaß, mit männlichen Läufern zu laufen und vor allem sie zu überholen (lacht). Aber auf den Strecken, die ich laufe, sind auch viel mehr Männer unterwegs.

Es macht mehr Spaß, Männer zu überholen?

Naja, wenn eine Frau in meiner Rangliste steht, muss diese Frau überholt werden, ganz klar (lacht). Aber Männer zu überholen, macht auch Spaß. Man kann sich da motivieren. Die Reaktionen sind im Übrigen ganz unterschiedlich: Einige feuern mich an, manche arbeiten eher gegen mich. Es gibt auch welche, die reagieren echt … ja: böse ... und wollen mich am Überholen behindern. Das ist aber ganz selten.

Interview: Frank Joung

Weblink: Homepage Julia Viellehner

 

 

 

 

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