Sabrina Mockenhaupt: "Was man beim Marathon bewältigt, ist der Hammer"

Geschrieben von: Wendelin Hübner

Sabrina Mockenhaupt ist derzeit die beliebteste und erfolgreichste deutsche Langstreckenläuferin. Im Interview erzählt sie, wie sie beim Marathon leidet, welchen Olympia-Traum sie hat – und warum der Trainer ihr rät, nicht immer zu lächeln.

 

Achim-Achilles.de: Frau Mockenhaupt, haben Sie als Profi-Läuferin noch Angst vor dem Marathon?

Sabrina Mockenhaupt: Ja, manchmal schon. Ich glaube die Angst kommt dann aus dem Unterbewusstsein, das mir signalisiert: Vielleicht bist du doch nicht so gut drauf, wie du es gerne hättest. Angst gehört dazu, denn sie treibt einen auch an. Zur Vorbeugung vor dem berühmten Mann mit dem Hammer trainiere ich gut, und ich versuche, das Rennen richtig einzuteilen und vernünftig vorbereitet zu sein.

Sie versuchen, die Angst in etwas Positives umzuwandeln?

Ja, genau. Ich würde es Respekt vor der Distanz nennen. Und den spüre ich wirklich vor jedem Marathon.

 
Sabrina Mockenhaupt, Jahrgang 1980, zählt zur Weltspitze der Langstreckenläuferinnen. Die Siegenerin, Spitzname „Mocki“, startete 2004 und 2008 bei Olympia und gewann 31 Deutsche Meisterschaften. Ihre Marathon-Bestzeit liegt bei 2:26:21, aufgestellt beim Berlin-Marathon 2010. (Foto: Red Bull Content Pool)

Ist das ein Teil Ihrer Faszination für den Marathon?

Es ist wirklich eine Faszination, weil man an seine physischen und psychischen Grenzen gehen muss. Was man da bewältigt, ist der Hammer. Außerdem hat man nicht oft die Möglichkeit, einen Marathon zu laufen; der Tag muss stimmen, das Wetter auch, und das Gefühl muss das Richtige sein.

 

"Es ist interessant, was der Körper alles aushält."

 

Was geht Ihnen an der Startlinie durch den Kopf?

Ich freue mich, dass es endlich losgeht. Und ich ermahne mich, dass ich nicht zu schnell loslaufe, angestachelt von der Euphorie, der Musik und den Zuschauern.

Und woran denken Sie während des Rennens?

Ich schaue viel auf den Boden, höre auf die Zwischenzeiten und achte auf die Getränkeaufnahme. Ab Kilometer 15 denke ich dann in Etappen: 20 Kilometer, 25, 30. Und dann denke ich von Kilometer zu Kilometer und an die letzte Getränkestation. Wenn ich die letzte Flasche in der Hand habe bin ich froh – dann ist es fast vorbei.

Was trinken Sie denn während des Rennens?

Nur Wasser mit ein bisschen Salz. Je nachdem, ob das Wetter warm ist, kommt dann noch Maltodextrin rein und bei Kilometer 35 habe ich meine Red-Bull-Schorle in der Flasche.

Wie sehr leiden Sie während eines Marathons?

Die letzten fünf Kilometer tun mir immer weh. Das ist ja eine Wahnsinnsgeschwindigkeit, die man da durchrennt. Im Training kann ich mir manchmal gar nicht vorstellen, dass ich den Marathon überhaupt schaffe. Aber es ist interessant, was der Körper alles aushält.

 

"Aufgeben ist immer die schlechteste Lösung."

 

Der Schmerz eint alle Marathonläufer miteinander, egal wie schnell oder langsam sie sind.

Ja, und das Schönste ist eigentlich, wenn alle angekommen sind; dann hat jeder für sich sein Ziel erreicht oder auch nicht, aber im Grunde sind alle froh das Ziel überhaupt erreicht zu haben.

Woran denken Sie im Ziel?

Im ersten Moment bin ich froh, dass es vorbei ist. Erlösung pur. Dann kommt der Blick zur Uhr, der über die Stimmung entscheidet. Später, nach etwa einer Stunde, fange ich dann an zu analysieren: Was war gut, was war schlecht?

Im April mussten Sie beim Berliner Halbmarathon aufgeben. Es hieß, Sie hätten ein "Blackout" gehabt. Was ist damals schief gelaufen?

Ich hatte überhaupt kein Renngefühl an dem Tag, es war heiß und ich bin zu schnell losgelaufen. Vor allem hatte ich aber keinen Plan B – so schien mir die Aufgabe die einzige Lösung zu sein.

Wie hätte Plan B aussehen können?

Ich hätte mir sagen können: Ich laufe heute keine Bestzeit, sondern auf eine gute Platzierung – denn die wäre noch möglich gewesen. Das war etwas, was ich an diesem Tag lernen musste: Dass es auch mal so laufen kann, wie es mir nicht passt. Ich sage heute aber jedem Läufer: Aufgeben ist immer die schlechteste Lösung.

Wie sind Sie mit dem Rückschlag umgegangen?

Zwei Wochen später bin ich spontan bei der Deutschen Halbmarathon-Meisterschaft gestartet, um das Negativerlebnis aus dem Kopf zu löschen ...

... und Sie haben Ihre 31. Deutsche Meisterschaft gewonnen. Bedeuten Ihnen diese Titel überhaupt noch etwas?

Die letzte Meisterschaft hat mir schon was bedeutet, weil sie ausnahmsweise mal auf der Kippe stand. Früher habe ich es bei den Wettkämpfen leichter gehabt. Inzwischen merke ich, dass junge, schnelle Mädels nachkommen.

Es wirkt, als täten Sie alles gut gelaunt und mit großer Leichtigkeit. Kennen Sie auch Selbstzweifel?

Ja, natürlich. Ich habe immer wieder Phasen, in denen ich grüble und zweifle. Aber das mache ich hinter verschlossener Tür. Der Bundestrainer hat Anfang des Jahres zu mir gesagt: Bei dir sieht alles aus so locker aus, du lächelst immer – schau doch mal grimmig, dann haben die Leute Mitleid mit dir! Aber das Ganze macht mir ja Spaß, und den will ich auch rüberbringen.

 

"Bei einer Medaille hätte Gott da oben mitgespielt."

 

Es heißt, Sie gehen gerne Tanzen.

Dieses Jahr war ich noch nicht ein Mal tanzen, ungelogen. Ich frage mich sogar, ob ich nicht zu diszipliniert bin und mal wieder in die Disco gehen sollte, um lockerer zu werden. Aber um halb zwei in der Nacht, wenn die Leute zu tanzen anfangen, liegt die Profisportlerin im Bett.

Sie sind jetzt 30. Wie lange wollen Sie noch Profisport betreiben?

Schluss ist, wenn Körper und Kopf signalisieren, dass ich alle Ziele erreicht habe. Davon bin ich aber noch weit entfernt. Wenn mich jemand nach meinem größten sportlichen Erfolg fragen würde, müsste ich antworten: auf den warte ich noch.

Vielleicht schaffen Sie den ja Ende Oktober, wenn Sie den Frankfurt-Marathon laufen.

Zunächst mal will ich dort die Olympianorm von 2:30 Stunden erfüllen. Das sollte bei meinem Niveau aber alle mal drin sein. Mein Wunsch wäre eine neue Bestzeit.

Und der große sportliche Erfolg ist dann eine Olympia-Medaille?

Ein riesiger Erfolg wäre schon eine Top-Ten-Platzierung. Und wenn es eine Medaille gäbe, wäre das eine Sensation. Dann hätte Gott da oben mitgespielt.

 

Interview: Wendelin Hübner

 

Fotostrecke: Das ist Sabrina Mockenhaupt

 

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