Ultraläufer Neuschwander: "Kurze Läufe sind zu stressig"

Geschrieben von: Ellen-Jane Austin
florian neuschwander

Er ist der coole Rebell der deutschen Laufszene. Pro Woche rennt Ultraläufer Florian Neuschwander 160 bis 200 Kilometer und ist dabei rekordbrechend schnell. Im Interview erzählt er, warum ihn Leistungsdruck dennoch kalt lässt.

Achim-Achilles.de: Flo, bist du fit?

Florian Neuschwander: Ich bin topfit. Aber vielleicht geht noch mehr.

Auf den ersten Blick würde man dich eher an einer Halfpipe als auf einer Rennstrecke erwarten. Wie kommt’s?

Ich war schon immer ein Skatertyp. Ein Skatertyp, der irgendwann festgestellt hat, dass er rennen kann. Ich habe beim Skaten sehr krasse Sachen gemacht. Das wurde mir zu riskant. Ich hatte Angst, dass ich mich verletze. Deshalb habe ich aufgehört und bin irgendwann nur noch gelaufen.

Bist du von Beginn an lange Strecken gelaufen?

Nein. Mein erster und einziger Lauftrainer war von der alten Schule: Nur was auf der Bahn läuft, zählt. Aber 800 Meter-Läufe – das ist ja nur Sprint. Das war mir zu stressig. Eigentlich mochte ich nie Läufe unter fünf Kilometern.

Warum nicht?

Ach, immer im Kreis zu laufen – da sieht man doch nichts. Und bei so kurzen Läufen musst du von Null auf Hundert da sein. Wenn man da eine Runde verpennt, ist die Zeit futsch. Das hat mich immer genervt.

Ich war zwar gut, aber mit dem Druck konnte ich nie wirklich umgehen. Bei langen Läufen kannst du gemütlich loslaufen. Du hast alle Zeit der Welt. Da kommen ja noch 50 oder 60 Kilometer. Da kannst du einfach genießen.

"Run with the FLOw": Ich laufe gerne in Gruppen

Was ist ein gemütliches Tempo für dich?

Vier Minuten pro Kilometer.

Ernsthaft? Vor etwas mehr als hundert Jahren hättest Du damit eine Marathon-Weltbestzeit erreicht. Trainierst du in Gruppen, oder alleine?

Wenn ich mein Tempo laufe, dann meistens alleine. Aber in der Gruppe laufe ich auch sehr gerne. Ich mache öfter Posts auf Instagram. Nach dem Motto: „Run with the FLOw“ sage ich, wann ich wo loslaufe, und die Leute, die Bock haben, rennen mit.

Wie viele Läufer kommen dann?

Das ist verschieden. Aber neulich standen 60 Leute in der Hotellobby in München. Das war schon krass.

Können die spontanen Laufgruppen überhaupt mit dir mithalten?

Wir laufen ungefähr zehn Kilometer zusammen. Das schaffen die meisten.  Es geht ja hier auch nicht um Geschwindigkeit und ich laufe ein Tempo, bei dem man mithalten kann.

Das klingt als würdest du das Training locker angehen – wie passt das mit dem harten Training zusammen, dass du für deine Leistungen absolvieren musst?

Erst mal muss ich ausschlafen. Alle anderen verrückten Topläufer stehen meistens um 6 Uhr auf. Da penne ich noch zwei, drei Stunden. Gegen 10 Uhr trinke ich gemütlich einen Kaffee und dann trabe ich zehn, zwanzig Kilometer.

Danach chille ich ein bisschen. Und am Abend mache ich eine schnelle Einheit. Das wäre ein typischer Trainingstag.

"Ich will die hundert Meilen knacken"

Arbeitest du auch neben dem Sport?

Ja, ich arbeite im Frankfurter Laufshop, bin dort aber nur zwei Mal pro Woche. Ich habe gar keine Zeit für mehr. Ich bin ja nur unterwegs. Irgendwie will jeder was von mir. Ich war gerade auf Mallorca. Wir haben da einen kleinen Film für den „Wings for Life World Run“ gedreht. Das war schön.

Findest du bei den vielen Publicity-Aktivitäten genug Zeit zum Laufen?

Während des Laufens bei den Dreharbeiten hab ich mich so gut gefühlt, dass ich den Dreh abgebrochen habe und einfach weiter gelaufen bin. Das Kamerateam war nicht sonderlich begeistert, da sie ihre Pläne ändern mussten.

Ich betreibe den Aufwand nur, weil ich Spaß am Laufen habe. Alles andere muss hinten anstehen.

Bei solch langen Strecken ist es ein erheblicher Aufwand. Warum lange Läufe?

Ich setzte mir gerne neue Ziele. Meistens suche ich mir eine Route aus, die ich nicht kenne, und die will ich dann bewältigen. Als Beispiel: Wenn ich hier aus dem Fenster sehe, ist da ein Berg. Ungefähr 25 Kilometer wird es bis nach oben sein.

Da wollte ich schon immer mal hoch und wieder runter. Dann hab ich meine 50 Kilometer. Ich mag es einfach, neue Strecken zu laufen, zu sehen, wo ich entlanglaufe und wo ich ankomme.  

Gibt es ein Kilometerziel, das du noch knacken willst?

Die hundert Kilometer am Stück bin ich ja schon drei Mal gerannt. Später will ich dann die hundert Meilen knacken. Also ungefähr 160 Kilometer. Mehr muss nicht sein. Aber wer weiß, wo es endet.   

"Ich hasse Stabis und Kraftübungen"

Lange Läufe sind sehr anstrengend. Empfindest du diese nicht als Qual?

Nein. Laufen ist eher abschalten und entspannen.

Es muss doch etwas geben, was Du am Laufsport nicht magst.

Stabilisationsübungen und Krafttraining. Das hasse ich. Aber das mache ich auch nicht. Ich dehne mich auch nicht. Aber das was ich mache, mag ich. Auch wenn es manchmal wehtut.

Aber bisher hält noch alles stabil an meinem Körper. Und wenn der Hintern mal zwickt, knetet mein Physio ihn durch und danach ist alles wieder gut.

Achtest du als Extremsportler auf deine Ernährung?

Mich nervt es, wenn ich von irgendwelchen Diäten lese. Ich glaube nicht, dass mich das schneller macht. Ich esse ganz normal. Mit meinen Jungs in der WG koche ich zum Beispiel oft Gemüseauflauf mit Nudeln und Käse oder mal ein leckeres Steak und dazu ein Bierchen.

Fastfood esse ich nicht. Süßigkeiten auch selten. Das war’s. Ich hätte überhaupt keinen Bock, streng auf meine Ernährung zu achten.

Was ist unverzichtbar für einen Lauf?

Nichts. Außer Schuhe, die sind wichtig. Okay, wenn ich mal auf einen Tempo-Lauf wirklich keinen Bock habe, hilft Musik mich anzutreiben.

Wenn Du nicht Läufer wärst, was wärst Du?

Wenn ich richtig gut Gitarre spielen könnte, wäre ich Punkrocker.

 

Zur Person: Florian (FLOw) Neuschwander, Jahrgang 1981, ist ein Ultraläufer und der erste Deutsche, der den Transrockies Run (6 Tage, 193 Kilometer, ca. 6.000 Höhenmeter) in den USA gewann. 2015 war er bereits der erfolgreichste Deutsche beim Wings for Life World Run.

Am 8. Mai 2016 startet er wieder als Ambassador bei diesem Spendenlauf für die Erforschung der Heilungsmöglichkeiten von Rückenmarksverletzungen. Seinem Team kann man hier beitreten: teams.wingsforlifeworldrun.com/de/de. Seine Website: run-with-the-flow.com

 

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