Laufstar Konstanze Klosterhalfen: "Marathon kann ich mir nicht vorstellen"

Geschrieben von: David Bedürftig

Mit erst 21 Jahren gilt Langstreckenläuferin Konstanze Klosterhalfen als das größte Leichtathletikversprechen Deutschlands. Am Sonntag startet sie bei der EM in Berlin über 5000 Meter. Ein Gespräch über Ballett, verpasste Geburtstagsfeiern und ihre erste Verletzung als Profi.

Sie schwebt förmlich in den Raum. Konstanze Klosterhalfen ist leichtfüßig und ein wenig ängstlich unterwegs und würde mit ihrer schüchternen Art schnell in der Masse untergehen – wäre die erst 21-Jährige nicht das „größte Leichtathletikversprechen“ Deutschlands.

Die vielen Fragen der Journalisten auf einem Event einer ihrer Hauptsponsoren kurz vor dem EM in Berlin zu beantworten, ist Klosterhalfen sichtlich unangenehm. Nervös verkrampft die Deutsche Meisterin über 1500 und Rekordhaltern über 3000 Meter ihre Finger ineinander. Immer höflich aber scheu steht sie den Medienvertretern trotzdem Rede und Antwort, leicht verschämt lacht sie die Aufmerksamkeit auf ihre Person weg.

"Ballett ist förderlich fürs Laufen"

image-2018-08-12  Konstanze Klosterhalfen in Berlin vor der EM (Foto: Nike)

Achim-Achilles.de: Konstanze, du bist ein Tausendsassa, läufst über 1500, 3000 und 5000 Meter, machst Ballett und spielst Klavier und Querflöte: Wann bist du das letzte Mal einfach ziellos aus dem Haus gegangen?

Konstanze Klosterhalfen: Meine Tage sind schon sehr voll und durchgeplant (lacht). Aber es ist ja auch gut, dass es nie langweilig wird. Mir machen diese verschiedenen Sachen einfach Spaß. Vor der EM liegt mein Fokus aber natürlich auf dem Lauftraining.

Machst du manches davon auch, um mal Abstand zum vielen Laufen zu bekommen?

All diese Dinge sind für mich auf mentaler Ebene sehr wichtig. Als Ausgleich, damit ich mich auch mal mit anderen Dingen beschäftige als mit dem Laufen. Ballett hab ich mit vier Jahren angefangen, jetzt nehme ich nur noch eine Stunde pro Woche Unterricht in einer Tanzschule. Die Dehn- und Kräftigungsübungen, die ich da mache, sind auch förderlich fürs Laufen.

"Ich achte nur auf meine eigenen Zeiten"

Du hast mit sechs Jahren dein erstes Rennen absolviert und anschließend dein Leben dem Laufen untergeordnet: Vermisst du etwas, das deine Altersgenossen machen können, aber du nicht?

Klar, ich konnte nicht immer auf jeder Geburtstagsfeier dabei sein. Aber ich habe gute Freunde – aus dem Laufbereich und von außerhalb – , die gut finden, was ich mache und die sich dann mit mir treffen, wenn ich Zuhause bin. Ich habe meine Karriere nie bereut, sondern bin dankbar dafür.

Du wirst als Jahrhunderttalent der Leichtathletik bezeichnet: Kannst du diesen Erwartungen überhaupt gerecht werden?

Ich freue mich natürlich, sowas über mich zu hören. Ich versuche aber, das alles so gut es geht von mir fernzuhalten und mich einfach aufs Laufen zu konzentrieren.

Aber kann man den Druck und die Konkurrenz einfach so ausblenden?

Ich schaue nicht so sehr auf die Ergebnisse meiner Konkurrentinnen, sondern achte lieber auf meine eigenen Zeiten. Aber klar, wenn ich höre, dass Sifan Hassan 14,22 Minuten gelaufen ist, dann motiviert das auf jeden Fall. Es zeigt auch, was noch möglich ist und dass ich noch schneller laufen kann.

"Beim Einschlafen denke ich an Tempoeinheiten"

Woran denkst du, wenn du schlafen gehst?

Ich denke schon mal an Tempoeinheiten, an die Trainingseinheiten am nächsten Tag oder daran, dass ich bei einem Wettkampf auf den letzten Metern alles geben muss. Aber es ist auch mal ganz angenehm, einfach ins Bett zu gehen und zu schlafen.

Bei der WM 2017 ruhten mal wieder viele Hoffnungen auf dir, dann bist du überraschend im Halbfinale über 1500 Meter ausgeschieden: Warum schmerzt jede Niederlage mehr, als ein Sieg sich gut anfühlt?

Das war anfangs schon hart, ich war sehr enttäuscht. Ein wenig nagt das immer noch an mir, im Training denke ich mir manchmal: Lauf die erste Runde lieber langsamer und die zweite schneller. Im Großen und Ganzen habe ich die Niederlage aber abgehakt.

Wenn ich verliere oder nicht zufrieden bin mit meinem Rennen, dann möchte ich mehr trainieren, um es beim nächsten Mal besser machen zu können. Um die Gegner, die schneller waren als ich, schlagen zu können. So habe ich probiert, auch aus der Niederlage bei der WM etwas Positives rauszuziehen. Um zu zeigen, dass ich es besser kann.

"Nur mit Talent kann man nicht alles erreichen"

Ist dein Ehrgeiz noch größer als dein Talent?

Über mein Talent kann ich eigentlich nicht so viel sagen. Da höre ich nur von Außenstehenden was zu.

Aber du siehst ja, dass du meist nicht Letzte wirst in deinen Rennen.

Stimmt (lacht). Aber klar, Ehrgeiz ist sehr wichtig. Mit Talent kann man nicht alles erreichen, man muss viel trainieren und das geht eben nur, wenn man es auch wirklich will.

"Heute wertschätze ich das Laufen noch mehr"

Deine hartnäckige Knieverletzung Anfang des Jahres – das klassische Läuferknie – war deine erste ernsthafte Verletzung als Profi: Was hat das mit dir gemacht?

In der Verletzungspause musste ich mehrere Monate ganz still halten, das war nicht einfach. Ich hab mich jeden Tag gefragt: Wann kann ich wieder laufen? Hab mir jeden Tag gewünscht, endlich wieder trainieren zu können. Das gibt mir jetzt eine noch größere Motivation, ich wertschätze das Laufen heute noch mehr. Vielleicht bin ich bei der Europameisterschaft in Berlin auch etwas frischer als die Konkurrenz. Meine Saison hat ja quasi erst angefangen.

Fällt es dir schwer, beim Nichtstun wirklich nichts zu tun?

So gar nichts tun – das mache ich nicht so gerne. Außer vielleicht mal in der Sonne liegen oder ein Buch lesen.

"Über 5000 Meter sehe ich bei der EM größere Chancen"

Wieso hast du dich entschieden von deiner Paradedisziplin 1500 Meter zur Europameisterschaft in Berlin auf 5000 Meter umzusatteln?

Ich bin die 5000 Meter noch nie bei einem großen Turnier gelaufen. Aufgrund der Knieverletzung und von der Vorbereitung her hat es besser mit der längeren Strecke gepasst. Es gibt bei 5000 Metern keine Vorläufe, das kommt mir gelegen.

Ich sehe daher auf dieser Distanz bei der EM auch größere Chancen für mich, auch wenn die Konkurrenz natürlich stark ist. Aber ich weiß nach der Verletzung noch nicht genau, was ich kann und wo ich stehe. Deshalb gehe ich ganz ohne Erwartungen in mein Rennen.

"Marathon kann ich mir nicht vorstellen"

Inwiefern musstest du das Training umstellen?

Wir haben längere Strecken in die Vorbereitung integriert und mein Tempoprogramm länger gestaltet. Meinem Knie geht es jetzt wieder gut, ich hoffe, dass das Training noch gereicht hat und freue mich einfach auf den Lauf. 10000 Meter wären mir aber viel zu lang, einen Marathon kann ich mir auch noch nicht vorstellen (lacht). Mal gucken, wie die 5000 Meter laufen, meine Hauptdisziplin bleiben aber erstmal die 1500 Meter.

Wie kommst du mit den hohen Temperaturen klar, die ja auch an deinem Wettkampftag wieder herrschen werden?

Ich bin eher ein Sonnenmensch. Wenn es über 32 Grad geht, muss man nicht gerade in der Mittagshitze laufen. Aber sonst habe ich damit keine Probleme. Mein 5000 Meter Lauf in Berlin ist ja eh erst am Abend.

"Ein Leben ohne Sport kann ich mir nicht vorstellen"

Du studierst nebenher noch Sportjournalismus – planst du schon fürs Karriereende?

Eigentlich nicht, ich kann mir ein Leben ohne den Sport gar nicht vorstellen. Ich hoffe, dass ich dann durch den Journalismus ein bisschen im Sport bleiben kann.

Gibt es eine Frage, die dir noch keiner gestellt hat und die man dir auf jeden Fall mal stellen sollte?

Ich glaube nicht (lacht).

 

Zur Person: Konstanze Klosterhalfen, Jahrgang 1997, vom Verein TSV Bayer 04 Leverkusen zählt zu den größten Lauftalenten Europas. Sie ist amtierende Deutsche Meisterin und U-23-Europameisterin über 1500 Meter, außerdem hält sie den Deutschen Rekord über 3000 Meter. Nachdem ihr eine hartnäckige Knieverletzung einen Strich durch die erste Saisonhälfte machte, tritt sie am Sonntag bei den Leichtathletik Europameisterschaften in Berlin über 5000 Meter an.

 

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