Olympiasiegerin Heike Drechsler: „Doping finde ich abartig“

Geschrieben von: David Bedürftig

Vom Siegertreppchen über den Verlust des Geburtslandes bis hin zu Dopingvorwürfen – Heike Drechsler hat alles erlebt. Die zweifache Olympiasiegerin über Staatsdoping, Sturm und Drang und das Gefühl, eine Goldmedaille zu gewinnen.

Heike, die Olympischen Spiele in Rio sind in vollem Gange: Mit welchem Blick schaut eine Olympiasiegerin zu?

Ich bekomme immer noch eine Gänsehaut wenn die deutsche Mannschaft einläuft oder die Nationalhymne erklingt. Das sind Momente, die man für immer und ewig hat. Damals war ich von Anfang an begeistert davon, was da los war und wie viele Athleten aus verschiedenen Sportarten zusammen kamen. Das ist wie eine Großfamilie, ein schönes Miteinander. Ich hoffe, dass die Spiele so schön bleiben – trotz aller Querelen, die es im Vorfeld gab.

Was war dein Olympischer Moment?

Die Spiele 2000 in Sydney waren für mich die emotionalsten: Ich durfte beim Ausmarsch sogar die deutsche Fahne tragen, das war Wahnsinn. Gänsehaut pur. Ich hätte niemals erwartet, noch mal eine Medaille zu holen. Bis zum letzten Versuch musste ich fiebern. Dieses Warten und Hoffen, dass niemand weiter springt, war eine Qual (lacht).

Mit 35 Jahren holtest du noch einmal Gold im Weitsprung.

Ich schwebte förmlich nach dem Sieg. Ein Augenblick für die Ewigkeit, den ich in Gedanken immer wieder durchleben kann. Der Druck, der sich über das ganze Jahr in mir angestaut hatte, fiel von mir ab. Die Emotionen sprudelten einfach so spontan aus mir heraus und ich wagte sogar ein kleines Tänzchen. Eigentlich bin ich da eher zurückhaltend, zumindest in der Öffentlichkeit (lacht). In dem Moment war es mir egal, dass 100.000 Menschen zuschauen. Der Rest wurde zu einer einzigen Partynacht.

Weißt du noch, wie diese Nacht verlief?

Sie verging viel zu schnell. Bald darauf stand ich schon wieder am Flughafen und flog zum nächsten Wettkampf. Es dauerte, bis ich mal einen Moment zum reflektieren hatte. Dann setzte eine innere Glückseligkeit ein.

Nach dir konnte nur Robert Harting, der vor vier Jahren im Diskuswurf gewann, eine olympische Goldmedaille gewinnen. Was fehlt den deutschen Leichtathleten?

Für junge Athleten sind die Olympischen Spiele total emotional – aber das kann auch positiv beflügeln. Die Weitspringer waren dieses Jahr sehr stark und müssen nun an ihre Stärken glauben, um auch mal in einem großen Stadion über sich hinauszuwachsen.

Allgemein sind wir gut aufgestellt, besonders bei den Wurfdisziplinen. Aber auch als Team sind wir stark und ich traue den Staffeln durchaus zu, eine Medaille zu gewinnen.

Trotz deiner Erfolge und Medaillen: In Deutschland hast du aufgrund von Dopingvorwürfen immer wieder starken Gegenwind spüren müssen.

Ich bin stolz auf meine Leistung, die ich auch nach der Wende gebracht habe. Deutschland hat mich akzeptiert und aufgenommen und meine Leistung wurde respektiert.

Du hast im DDR-System mit flächendeckendem Doping also nie wissentlich und willentlich gedopt?

Greift man aus freier Entscheidung zu Dopingmitteln, finde ich das abartig. Bewusstes Doping ist klar zu verurteilen und gehört bestraft. Ich wurde in ein System geboren, in dem man keinen Einfluss auf Doping hatte. Wo man nicht wusste, was die Ärzte mit einem machen. In der DDR waren die Doping-Strukturen leider so – aber man kann den Athleten keinen Vorwurf machen. Wir konnten ja an unserem Geburtsort nichts ändern.

Bist du sauer, weil in der DDR mit dir experimentiert wurde?

Natürlich macht mich das wütend, wenn ich überlege, dass ich damals in gewisser Weise missbraucht worden bin. Aber was bringt mir das? Ich kann aus der Vergangenheit lernen und dafür kämpfen, dass es heute und in der Zukunft derart Strukturen überhaupt nicht mehr gibt. Ich schaue nach vorne und nicht zurück.

Russland wurde jüngst des Staatsdopings überführt: Der Leichtathletik-Weltverband sperrte die russischen Leichtathleten für Rio, aber IOC Präsident Thomas Bach lässt andere russische Sportler an den Start gehen.

Die neusten Entscheidungen des IOC zeigen, dass es Zeit ist, aufzuräumen. Ich verurteile Länder, die über Leichen gehen und junge Athleten missbrauchen. Es braucht globale Strukturen, einheitliche Bedingungen und unabhängige und gezielte Kontrollen in allen Sportarten, nicht nur in der Leichtathletik. Nur so kann man die Glaubwürdigkeit wiederherstellen. Der IOC hätte genug Einnahmen, um dafür Geld in die Hand zu nehmen.

Was heißt das für die Spiele in Rio?

Dass bei guten Leistungen immer Spekulationen stattfinden müssen, ist schade. Pauschale Verurteilungen finde ich sehr gefährlich, denn es gibt auch saubere Sportler. Aber es ist natürlich nicht alles Gold, was glänzt. Schwarze Schafe gibt es immer. In der Zukunft muss der Sportler gläsern sein, total offen leben. Er muss jederzeit kontrollierbar sein und man muss jederzeit wissen, wo er sich aufhält. Wer die Regeln nicht befolgt, wird bestraft.

Du bist kürzlich 50 geworden und wirkst immer noch topfit – wie schaffst du das?

Ach, ich kann alles machen: Alter schützt vor Leistung nicht. Wenn man regelmäßig Sport macht, spielt das Alter überhaupt keine Rolle. Aufgrund meiner Schnellkraftdisziplinen bin ich erst relativ spät zum Laufen von Langdistanzen gekommen. Mir macht es heute einfach Spaß, rauszugehen und zu laufen. Natürlich muss man altersgerecht trainieren, ich kombiniere Ausdauer- und Kraftübungen.

Wie konntest du dich so lange im Profi-Sport halten?

Leidenschaft. Macht man Dinge gerne, bringt man eine große Motivation mit und trainiert sogar ungeliebte Stabilisationsübungen bis zum Umfallen. Die ersten 30 Jahre meines Lebens waren die intensivsten überhaupt: Eine Sturm und Drang Zeit und ein langer Lernprozess.

Sport, Sport, Sport: Sehnst du dich manchmal nach Ruhe?

Ganz ohne kann ich nicht. Wenn ich mal ein paar Tage nichts gemacht habe, dann kribbelt es. Der Sport hat meine Persönlichkeit entwickelt. Ich lernte durch ihn, mir alles zu erkämpfen, Rückschläge zu verarbeiten und schwierige Lebensabschnitte wie die Wende zu meistern. Er stärkte auch mein Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl: Ich war nicht immer so aufgeschlossen, sondern eher schüchtern und zurückhaltend.

Zieht es dich heute noch in die Weitsprunggrube, wenn es kribbelt?

Ich laufe eher. Ich nehme zum Beispiel an Women’s Runs in vielen Städten teil. Da ist ein richtiger Hype entstanden – alle Läufe sind ausgebucht. Die Leistung kommt hier erst an zweiter Stelle, es geht um das gemeinsame Erleben. Das ist wie ein Tag mit Freundinnen. Und die Männer dürfen die Handtaschen tragen (lacht).

 

Zur Person: Heike Drechsler, Jahrgang 1964, gilt als eine der erfolgreichsten deutschen Sportlerinnen. Bei den Olympischen Spielen 1992 und 2000 gewann sie im Weitsprung die Goldmedaille. Heute ist die mehrfache Welt- und Europameisterin für die Barmer GEK im betrieblichen Gesundheitsmanagement tätig und als Gesundheitsbotschafterin in Sachen Prävention bundesweit unterwegs.

 

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