80 Km in 24h: Rudelwandern mit Stempel-Trophäen

Lina Luftig will relaxt wandern und die Strecke genießen. Etwas Wein, lustige Bloggerkollegen und ein bisschen frische Luft – das war der Plan, als sie sich aufmacht zu einer 24-Stunden-Wanderung auf dem Moselsteig. Was sie zunächst erfolgreich verdrängt: Die 80 Kilometer und 1800 Höhenmeter.

Zugegeben, ich jogge auch manchmal, aber nur um fit für die Berge zu werden. Bis heute irritiert mich dabei die Leistungsorientierung der Läufer: Anstatt die schöne Strecke zu genießen, überholen mich immer wieder vor Anstrengung prustende Jogger, die alle zwei Schritte kritisch auf ihre Pulsuhr schauen.

Die Marathonzeit vom Vorjahr muss schließlich unterboten werden. Klingt irgendwie nicht nach Spaß, wenn ihr mich fragt.

Ich als ambitionierte Vorzeige-Wanderin kombiniere Sport und Spaß sehr clever, nämlich ganz stressfrei. Das dachte ich zumindest, bevor ich zu einer 24-Stunden-Wanderung nach Rheinland-Pfalz eingeladen wurde. Prima, Wein aus der Moselregion, Gleichgesinnte und sogar wandernde Bloggerkollegen, das lass ich mir nicht entgehen.

Dass wir knapp 80 Kilometer und über 1.600 Höhenmeter auf insgesamt drei Schleifen rund um Bernkastel-Kues erlaufen sollen, verdrängte ich zunächst erfolgreich.

Die ersten 40 Km: S-Bahn, Schnaps und Stempel

Also, liebe Marathonis – Respekt! Jetzt kann ich nachfühlen, warum ihr immer so komisch schmerzverzerrt guckt, wenn ihr nach 42 Km über die Ziellinie lauft. Ich fühle mich nach dieser Distanz, als hätte mich eine S-Bahn überfahren. Dabei bin ich im Gegensatz zu euch ja nur geschlendert.

Dabei fängt alles ganz gechillt an: Alle 5 Km warten kleine Köstlichkeiten in Form von Powerbar-Riegeln, Eierwaffeln, Bananen, aber auch Kostproben vom regionalen Schnaps auf uns. Außerdem holen wir uns unsere Trophäen – die Stempel – bei jeder zweiten Station ab. So können die Organisatoren sicher gehen, dass auch alle noch auf Spur sind.

Wir freuen uns wie früher, als es die Bienchen in die Schulhefte gab. Mit diesem System sind also alle höchst zufrieden. An einigen Stationen wartet auch Programm auf uns: Lagerfeuer, eine Kindertanzgruppe, ein Kneippbecken – es wird einiges geboten.

Runde 1: Noch genug Puste zum Philosophieren

Aufgrund der zahlreichen Checkpoints habe selbst ich keine Chance, mich zu verlaufen. Falls jetzt ein falscher Eindruck entstanden sein sollte – doch, es handelt sich um eine Sportveranstaltung. Das Tempo ist straff, da wäre jeder Nordic-Walker vor Neid erblasst. Immerhin sollten in 24 Stunden 80 Km erwandert werden.

Großartig Pausen haben wir daher nicht gemacht, sondern frohen Mutes zügig einen Fuß vor den anderen gesetzt. Währenddessen wird die Strecke sowie der eigenwillige Laufstil einiger Mitwanderer diskutiert. Ja, das ist der große Vorteil beim Wandern: Man hat noch genug Puste zum lautstarken Philosophieren.

Trotz schöner Wegabschnitte und lustiger Gefährten bin ich dann aber ehrlich gesagt ziemlich froh, das Ende der ersten Runde erreicht zu haben. Daran, das es noch weiter gehen soll, denke ich erst einmal gar nicht. Alles zu seiner Zeit.

Atemlos durch die Nacht oder: Blair Witch lässt grüßen

Doch, nächtliche Wanderungen haben was. Während die Leute hinter den hell beleuchteten Fenstern gemütlich vor der Tagesschau sitzen, stiefeln wir diesmal im Fünfergespann erneut die Mosel entlang. Die Dunkelheit verhüllt das längst verrutschte Haupthaar und das zerflossene Make-Up gnädig, so dass ich mich voll und ganz auf den Weg konzentriere.

So locker flockig wie tagsüber ging's dann aber nicht mehr. Der Schmerz in den Knien lässt sich so langsam nicht mehr verleugnen, meine Füße fühlen sich platt gelaufen an. Dabei hab ich noch nicht mal Blasen, wie einige meiner Mitwanderer.

Die Gedanken nachts sind ganz andere als tagsüber – eine schöne Aussicht lenkt jetzt eben nicht mehr ab. Da gibt’s nur die Dunkelheit, das Geschnattere meiner Gruppenkollegen, die seltsamen nächtlichen Geräusche und meinen immer stärker aufmuckenden Körper.

Als es neben uns im Gebüsch knackt, hier und da ein Schatten über den Weg huscht, muss ich unweigerlich an den Film Blair Witch denken. Warum kommen solche Gedanken eigentlich immer zu unpassender Stelle? Fast zeitgleich fragt ein Mitwanderer - „Sag mal, weiß man eigentlich, was aus den des Nächtens verschollenen Wanderern des letzten Events geworden ist?“ Da kann ich zu dem Zeitpunkt wirklich nicht mehr drüber lachen.

Ich überspiele meine Grusel-Gefühle, indem ich das Tempo steigere. Wir sind eh viel langsamer unterwegs als tagsüber. Das liegt wohl auch am steigenden Erschöpfungszustand.

Schneckentempo statt Spaß: Aufgeben?

Die Stempelstationen sind nachts im größeren Abstand, da wir jeweils zu den freundlichen Jungs der ortsansässigen Freiwilligen Feuerwehren eingeladen werden. Dort gibt's aufmunternde Worte und leckeren Mitternachtskaffee. Ich glaube, die sind ein klein wenig überfordert mit uns, aber wen wundert das: Eine redet ununterbrochen, die andere sagt gar nix mehr und schaut bedröppelt drein, der nächste kramt unentwegt in seinem Rucksack. Wir geben von außen betrachtet ein ziemlich witziges Bild ab.

8 Km noch, dann ist die zweite Schleife geschafft. Bis dahin wusste ich nicht, wie wahnsinnig lang diese Strecke sein kann. Mit gefühlten Bleiklötzen an meinen Füßen geht’s im Schneckentempo weiter, meine Knie lassen sich nicht mehr durchstrecken und meine Waden haben auch schon ihren Zenit überschritten.

Um es kurz zu machen: Meine letzten Kilometer haben mit Spaß nichts mehr zu tun, da hilft auch kein Mantra mehr. Ich weiß nicht mehr, wie ich es zur Homebase geschafft habe, aber irgendwann so gegen 3 Uhr nachts liege ich auf einer Turnmatte, starre die Decke an und stehe nicht mehr auf.

Gewissensbisse plagen mich, steht doch eigentlich noch eine weitere 20-Km-Strecke an. Ich entscheide mich dann aber schweren Herzens, an dieser Stelle abzubrechen. Ein klarer Sieg für die geschundenen Gelenke.

Rudelwandern hat seinen Reiz

Mittlerweile sind die ganzen Strapazen natürlich vergessen. Zurück bleibt das gute Gefühl, ein Teil des Ganzen gewesen zu sein. Und hey – 60 Km sind 60 Km.

Irgendwie hat Rudelwandern schon seinen ganz eigenen Reiz – man wird die ganze Zeit gut unterhalten und hat in jeder Situation den passenden Ansprechpartner: Zum gemeinsamen Bananenmampfen an der Versorgungsstation, abends bei der Pastaparty, zum Philosophieren über die Schönheit der Region und der landwirtschaftlichen (Wein-) Erzeugnisse und zum gegenseitigen Blasen-Versorgen. Das hat doch fast schon was Romantisches.

Am Ende des Tages nimmt man die Medaille, viele Stempel, aber auch vorzeigbare Blessuren als Trophäen mit nach Haus. Ein halbes verlorenes Kilo und einige Learnings runden mein Event-Fazit ab.

Das schreit doch quasi nach Wiederholung, oder?

 

Lina-Luftig-PortraitZur Autorin: Lina Luftig, um die 30, gebürtiges Nordlicht, hat die frische Ostseebrise gegen Münchner Biergartenkultur eingetauscht. Sie ist Workaholikerin, die ihren Ausgleich draußen in der Natur sucht. Sie wünscht sich Outdoorbekleidung, die möglichst nicht nur funktional ist, sondern auch endlich mal nach was aussieht. Man weiß schließlich nie, wer einem so über den Weg läuft, während man total schmutzig mit vom Wind zerzausten Haaren den Berg hinaufschnauft. Mehr auf ihrem Blog: linaluftig.de

 

 

 

Fotostrecke: 24 h auf dem Moselsteig

 

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