Beat the Matsch – Sonnenwendtour auf dem Sonntagshorn

Geschrieben von: Lina Luftig

Das ganze Jahr über freut sich mein Outdoorherz auf den längsten Tag des Jahres. Endlich die Stirnlampe auslassen und einfach nur das Draußensein bei einer tollen Panoramatour und herrlichem Sonnenschein genießen.

Es gibt ja Leute, Trailrunner nennen die sich, die nutzen diesen Tag, um gegen die Sonne um einen Berg zu rennen. Warum die das machen, konnte ich bis dato nicht nachvollziehen. Das ist auf jeden Fall nix für mich, ich steige da lieber auf einen Berg, als ihn wild schnaufend zu umrunden. Das hat dieses Jahr auch fast geklappt. Aber eben nur fast.

Sonntagshorn am Sonntag: Ich bin da – der Sommer leider nicht

Der Plan schien perfekt: Das Sonntagshorn, der mit 1960 Metern höchste Gipfel des Chiemgaus, sollte es werden und passenderweise an einem Sonntag erklommen werden. Anstelle von Sonnenschein, summenden Bienchen und Postkartenpanorama warteten allerdings dicke Regenwolken, eine fiese Nebelwand, Eiseskälte und jede Menge Matsch auf uns.

Das wussten wir aber zum Glück noch nicht, als wir im beschaulichen Örtchen namens Heutal starteten. Der Wanderparkplatz war bereits voller Autos – und das um 10 Uhr in der Früh. Der frühe Wanderer fängt eben das Bergpanorama, oder so ähnlich.

Umziehaktionen und Bilderbuchidylle

So gingen wir also frohen Mutes los. Ich wartete jeden Moment darauf, die Autobesitzer im Rudel auf dem Forstweg zu treffen, aber wir waren tatsächlich bis zu den Hütten auf knapp 1.400 Metern allein auf weiter Flur. Der breite Forstweg glänzte durch eine angenehme Steigung und schlängelte sich in leichten Serpentinen an den grünen Gewächsen, deren Namen ich leider nicht kenne, vorbei.

Nach knapp 15 Minuten ging's los: Wir drosselten unser Tempo, um die erste Umzieh-Aktion zu starten. Wie das immer so ist, in der Früh frösteln wir Mädels und ziehen dementsprechend vorsichtshalber eine Lage mehr an. Nach ein paar Schritten ist uns dann aber so warm, dass diese Lage wieder im Rucksack verschwindet.

Keine halbe Stunde später kommt dann die Regenlage obendrauf, denn es fängt an zu tröpfeln. Bis wir fertig mit kramen sind, ist der Regen aber auch schon wieder vorbei. Während wir also mit An- und Ausziehen sowie Packen und Fotosschießen beschäftigt sind, merken wir gar nicht, dass wir schon mehr als die Hälfte des Weges hinter uns gebracht haben. So schnell kann's gehen: Vor uns tauchen die Hütten rund um die bewirtschaftete Hochalm auf. Wahnsinn, was für eine Bilderbuchidylle.

Schneeflocken nach Sonnentanz

Man kann den Gipfel des Sonntagshorns schon sehen. Aber nur kurz, dann wird er von Wolken überdeckt. Wir bahnen uns unseren Weg weiter, jetzt auf einem schmalen, steileren Pfad, straight bergauf. Ich merke meine Waden, unsere Schuhe nehmen langsam die Farbe des Matsches an, wir sind jetzt eben auf einem richtigem Trail.

Ein Wegweiser zeigt uns an, dass das jetzt noch 50 Minuten so weiter geht. Ich finde diese Zeitangaben ja immer abschreckend. Aber meistens sind wir zum Glück dann doch schneller. Normalerweise hätte man jetzt einen tollen Panoramablick so mitten auf dem Bergrücken. Hatten wir aber nicht.

Ich grinse trotzdem in die Kamera, ist ja schließlich ganz großartig, was wir da machen. Man muss das sportlich sehen, versucht mich meine Wanderbegleitung aufzumuntern. Ja, schon, aber doch nicht am längsten Tag des Jahres. Ich versuche es mit einem Sonnentanz. Daraufhin fängt es an zu schneien. Aber wenigstens ist mir warm geworden.

Ganz alleine auf dem Gipfel

Wir werden langsamer, da die Sicht immer schlechter und der Weg unwegsamer wird. Die Steine sind rutschig, wir können nicht mal mehr den Abgrund erahnen. Vielleicht ist das auch besser so. Plötzlich sehe ich inmitten der Nebelschwaden die Silhouette meiner Freundin am Gipfelkreuz.

Oh, wir sind schon da, das ging jetzt aber schnell, denke ich mir. Ich habe irgendwie komplett mein Zeitgefühl verloren, dabei haben wir von Heutal bis zum Gipfel 2,5 Stunden gebraucht. Oben sind wir ganz allein, die zwei Pärchen, die vor uns auf dem Gipfel waren, sind schon längst wieder runter gelaufen.

Das sind wohl keine Genießer. Mich freut's, denn ist eine Seltenheit, einen Berggipfel ganz für sich allein zu haben. Schnell merke ich, warum sie das Weite gesucht haben: Unser Sekt ist glatt zum Sekt auf Eis mutiert. Den trinken wir dann auch nicht, weil es einfach zu kalt ist und wir natürlich keine Handschuhe mithaben.

Es ist ja schließlich Sommer. Aber hey, 1.000 Höhenmeter haben wir auf unserer Guthabenseite. Zum Ausgleich gibt's einen hausgemachten Kaiserschmarren. Sportler brauchen eben eine hohe Kalorienzufuhr, das ist Gesetz.

Auf der nächsten Seite: Was Trailrunner und Wanderergemeinsam haben – und was nicht


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